laut.de-Kritik
Größe ist halt relativ.
Review von Franz MauererJa, ja, "Bestes Stück", Pimmel und so. Haben wir das aus dem Weg geschafft.
Es wäre leicht, B-Tight vorzuwerfen, dass er auf "Bestes Stück" klingt wie jemand, der sich seit zwanzig Jahren hartnäckig weigert, zur Kenntnis zu nehmen, dass sich deutscher Rap inzwischen mehrfach neu erfunden hat. Doch das eigentliche Problem dieses Albums liegt tiefer: B-Tight klingt nicht einfach altmodisch, sondern erstaunlich überzeugt davon, dass die ästhetischen Gewissheiten seiner eigenen Vergangenheit noch immer hinreichend sind, um eine Gegenwart zu beschreiben, die längst eine andere geworden ist.
Dabei hätte gerade er allen Grund, eine interessante Platte über das Älterwerden im Rap zu machen. Kaum jemand aus der Generation Aggro Berlin verfügt über eine Biographie, in der sich Aufstieg, Absturz, Exzess, Familie, Selbstzerstörung, Wiederaufstehen und das merkwürdige Nachleben einer einst skandalträchtigen Kunstfigur derart sauber überlagern. Sobald er diese Biographie tatsächlich berührt, gewinnt das Album trotz aller Mängel an Kontur. "Kopf Kaputt", in dem depressive Phasen und Alkohol nicht bloß als Requisiten eines ohnehin bekannten Gangsta-Selbstbildes auftauchen, gehört deshalb zu den stärkeren Momenten der Platte; auch "Wo Ich Wohnte", das ins Märkische Viertel und damit an einen konkreten Ort der eigenen Vergangenheit zurückkehrt, besitzt plötzlich jene Anschaulichkeit, die dem Rest des Albums so häufig fehlt.
Nur hält B-Tight diese Offenheit nie besonders lange aus. Viel lieber kehrt er in jenes vertraute Koordinatensystem zurück, in dem es um Hater, Gs, Hoes, Durchhaltewillen, Realness, Rap und vor allem um die eigene Unbeirrbarkeit geht. "Bestes Stück", "Bobby Unchained" und "Zieh's Durch" variieren im Kern immer wieder dieselbe Selbstvergewisserung: Ich bin noch da, ich habe mich nicht verbogen, ich lasse mir nichts sagen. Das mag als Haltung sympathisch sein, wird aber dort zum ästhetischen Problem, wo sich aus Beharrlichkeit keine neue Perspektive mehr ergibt. Ein Künstler kann mit Mitte 40 selbstverständlich über dieselben Dinge sprechen wie mit Mitte 20; interessant wird es allerdings erst dann, wenn er auch etwas anderes darüber zu sagen hat.
Gerade "Arschbacken Wackeln" führt dieses Missverständnis recht hübsch vor. Natürlich ist der Song nicht ernst gemeint, natürlich gehört grobschlächtiger Humor seit jeher zu B-Tights Repertoire, und niemand verlangt plötzlich Altersweisheit im Feuilletonformat. Nur ist Selbstironie dann am wenigsten überzeugend, wenn sie selbst schon zum nostalgischen Reflex geworden ist. Was früher kalkulierte Geschmacklosigkeit war, wirkt hier gelegentlich wie ein über die Jahre konserviertes Verhaltensmuster. Wäre der MC wenigstens wirklich notgeil dabei, aber vor dem alten Mann am Mic kann man sich nicht mal ekeln, ist er doch eher pflichtschuldig als pervers.
Noch schwerer wiegt allerdings die Produktion, denn "Bestes Stück" klingt an vielen Stellen nicht angenehm roh, sondern schlicht schmal. B-Tight produziert inzwischen vieles selbst, mischt selbst und übernimmt damit einen großen Teil jener Arbeit, die früher zwangsläufig durch andere Ohren gefiltert wurde. Diese Unabhängigkeit ist als Arbeitsethos respektabel, sie erweist sich auf dem Album aber als Stein um seinen Hals. Den Beats fehlt häufig Raum, Gewicht und jener körperliche Druck, den gerade ein demonstrativ klassisches Rap-Album eigentlich benötigen würde. Man hört weniger eine bewusst reduzierte Ästhetik als eine Produktion, die zu früh beschlossen hat, fertig zu sein, oder der wie auf "Gee" einfach Skill fehlt.
B-Tight klingt völlig bei sich, nur ist dieses Bei-sich-Sein inzwischen gelegentlich kaum noch von einer Echokammer zu unterscheiden. Ein Mittvierziger, der auf "Bobby Unchained" in Falsettstimme trällert: "Zur Strafe stecke ich meinen Dick in dein' Arsch", der spielt die Kunstfigur nur noch. Der Mann, der über das eigene Scheitern, über Vergangenheit, Alter und Müdigkeit reden könnte, wäre vermutlich spannender als die Figur, die noch immer beweisen möchte, dass sie denselben Laden zerlegen kann wie 2005.


6 Kommentare mit 2 Antworten
"Ein Mittvierziger, der auf "Bobby Unchained" in Falsettstimme trällert: "Zur Strafe stecke ich meinen Dick in dein' Arsch", der spielt die Kunstfigur nur noch."
Die Platte ist sicher schlecht und die Rezi punktgenau, aber das check ich nicht. Werden Kunstfiguren nicht zwangsläufig gespielt, weil sie sonst keine Kunstfiguren mehr wären? Ist es nicht gerade immer dann problematisch, wenn die Kunstfigur langsam mit der Persönlichkeit verschmilzt?
Hätte man Dani mal die Rezi schreiben lassen
https://www.youtube.com/watch?v=7ib58rRgZJ…
Kennt ihr die Wahrheit über Eddy Gangster schon? Er ist kein Gangster, nein, er ist ein Bankersohn.
die säcke sind damals relativ sympathisch gealtert... ist jetzt halt auch schon 11 jahre her
Ich weiß ja nicht. Der Typ, der primär mit N-Wort-Liedern bekannt geworden ist...? Nee. Und die Songs, die ich von diesem Album gehört habe, klangen auch eher nach "Mittelalter Mann will es nochmal wissen und schwelgt in Erinnerungen in einer Zeit, wo er als Mitglied einer Crew seine fünfzehn Minuten hatte". Wäre da nicht seine frühere popkulturelle Relevanz, hätte das auch genauso gut ein Album von einem Jugendzentrum-Workshop-Leiter sein können, der immer noch Hoodboyz-Artikel trägt.
er hat mal gesagt, dass er mit diesen liedern seine erfahrungen in der kindheit verarbeitet...
Welche Lieder meinst du jetzt? Von damals oder die vom jetzigen Album?