laut.de-Kritik
Cringe und bisschen cute.
Review von Magdalena GregoriEigentlich sollte es nicht unangenehm sein, über Gefühle zu sprechen. Davon ist auch Axel Bosse überzeugt und leert uns sein Herz in einen Eimer namens "Stabile Poesie". Es ist sein zehntes Studioalbum, elf Jahre nach dem Debüt "Kamikazeherz". Serviert bekommen wir wenig innovativen Deutsch-Pop, der sich oft wie ein Disney-Soundtrack anhört und dann doch manchmal in's Cringe abrutscht.
Klavierakkorde, Streicher und eine hauchende Stimme leiten mit "Liebe hat nicht ewig Zeit" das Album ein. Der Track gibt sich märchenhaft, und das Feature mit dem Chansonnier Tom Fischer verleiht eine verträumte und nostalgische Note. Eine ähnliche Stimmung wartet in "Ouvertüre, mit dem schnelleren Rhythmus weckt der Song aber mehr auf als sein Vorgänger. "Und der Bass waren wir / Unser Schmerz das Klavier / der halbe Mond war der Beat / und die Drinks Violine". Der Auftakt lenkt die Aufmerksamkeit auf die alltäglichen, kleinen Dinge im Leben, die auch Musik sein können. Soweit, so poetisch.
"Flackern" - und das flach und nervig. Eigentlich soll Herzklopfen beim Verlieben im Mittelpunkt stehen, doch ich fühle mich beim Hören so, als wäre ich acht Jahre alt und Verknalltsein für mich das Peinlichste der Welt. Da hilft es auch nicht ein so großes Gefühl wie die Liebe zu besingen. Trotz des Titels "Wind" ist der nächste Track wenigstens nicht so flüchtig, die etwas zu dramatisch geratene musikalische Begleitung zerstört jedoch leider das Potenzial zu einem schlichten aber mitsingbaren Lagerfeuerlied.
Wieso entscheiden? Besser "Einmal Alles Bitte" sind sich Alex Bosse und Clara Lösel einig. Die Schriftstellerin liest in ihrem Part ein Gedicht zur Musik, so wie es auch auf TikTok Habitus ist. Es ist eine Hymne darauf, das zu machen, was man wirklich will, auch wenn nicht immer alles gut geht. "Man sagt viele Leute sterben mit 30, aber werden erst mit 80 begraben / Ich will nicht, dass Leute das irgendwann mal über mich sagen / Das Leben ist kein Wartezimmer, niemand ruft dich auf" - ganz nach dem Motto: "Los! Lebe!"
Früher war alles leichter und schöner. Axel Bosse schwelgt in "Nokia" in Erinnerungen an ein analoges Leben, als alle noch ihre Tastenbrocken mitschleppten. "Bitte gib mir mein Nokia zurück / Und dann komm mit mir ins absolute Nix / Ich brauch Frieden von dem ganzen Scheiß / Mir haben Snake und SMS gereicht". Für mich die perfekte Mischung aus Nostalgie, instrumentaler Begleitung, eingängiger Melodie, Texte zum Mitschreien - so stell ich mir guten Deutsch-Pop vor. "Vergangenheit" markiert das Ende des Romantisierens von Dingen, die längt passé sind.
Das Album ist persönlich, in "Schwesterherz" wird es sogar familiär: Alex Bosse singt von der besonderen Beziehung zwischen Geschwistern. Das Klavier klimpert, die Streicher streichen eine Melodie, die eigentlich nur mit ihren Harmonien im Gedächtnis bleibt. Orchestrale Musik spielt auch im neunten Track eine Rolle. "Gegen Die Traurigkeit" verschreibt der Musiker eine große Portion Tanzen. Zum Bewegen lädt auch "Peu À Peu" ein, leider aber untermalt von seichten Schlagerbeats. Aber auch das geht vorbei, genauso wie Liebe und Liebeskummer, denn "Schmerz wird leise mit der Zeit, peu à peu".
"Bist du auch so müde? / Bist du auch so desillusioniert? / Alles ballert sich kaputt / Dein Kopf rattert endlos, explodiert", fasst der Sänger treffend unsere heutige Zeit zusammen. Dass man dennoch nicht die Hoffnung und sich selbst verlieren soll, betont Bosse in "Schönheit Erkennen". Der letzte Song zeigt Hatern und digitaler Gewalt einen Mittelfinger. "Lass Dich Nicht Ficken" ist für mich die stärkste und unkitschigste Message gegen Hass des ganzen Albums. "Mach den Regenschirm auf / Wenn sie ihr'n Müll über dich kippen" begleitet von Klavier, hinterlässt der Track einen zum Nachdenken anregenden Aftertaste nach einem sonst unspektakulären Longplayer.
"Stabile Poesie" ist für mich eine eher wackelige Angelegenheit: Das starke Schwanken zwischen cringe und cute ist ein Faktor für Seekrankheit. Und obwohl mich das Album musikalisch nicht wirklich abgeholt hat, gehen Credits raus an Axel Bosse, denn Männer, die sich in der Unterhaltungsbranche gegen digitale Gewalt an Frauen stark machen, brauchen wir heute mehr denn je.


4 Kommentare mit 7 Antworten
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich so jemanden wie Bosse noch um einiges schlimmer finde als z. B. Helene und Konsorten. Helene ist halt einfach nur ein Produkt, aber Bosse hat noch die Frechheit, uns gleichzeitig Authentizität und Substanz vorzugaukeln. Gehört verboten!
Ungehört verboten.
naja, der Typ zählt schon den stabilsten Leuten, die dir im deutschen Pop-Business so begegnen. Musik meist nicht so meins, aber nix gegen Aki Bosse.
Stimmt. Danke für die Info. Musik nicht meins. Einstellung sehr gut.
Also eins muss ich ihm lassen: Nachdem ich gefühlt Jahrzehnte nicht einmal an Bosse gedacht habe, und auch keinen Song im Kopf hatte, wusste ich nach drei Sekunden probehören von "Vergangenheit" sofort wieder Bescheid.
Als wäre ein Teil meines Erinnerungsvermögens, vermutlich aus instinktivem Selbstschutz verdrängt, auf einmal wieder abrufbar.
Ich schätze mal wer's mag, der wird hier wohl nicht enttäuscht werden.
Entweder ist mein Selbstschutz besser, oder ich habe einfach ein schlechteres Erinnerungsvermögen, aber ich habe tatsächlich keinen Song von ihm im Kopf.
Musik für Pädagogen
namens Jochen und Jenny?
Nicht unwahrscheinlich.
Stabile Posse
Fall mal nicht von der Leitersprosse!