laut.de-Kritik

Absolute Anspruchslosigkeit als durchkomponiertes Konzept.

Review von

Das DJ Ötzi-Revival kam so überraschend wie kalkuliert. Plötzlich war der eigentlich betagte Track "Tirol" wieder überall auf Social Media präsent. Zugegeben: Die Melodie hat Catchpotenzial, schließlich bedient sie sich nicht gerade subtil bei "Down Under".

Tiroler Heimatpathos und kollektive Alpenfolklore funktionieren auf TikTok offenbar bestens. Und DJ Ötzi? Der hat reagiert, wie man es von ihm kennt: nicht zimperlich, sondern maximal anschlussfähig. Kurz mit den Untiefen der Influencer-Sphäre vernetzt, unzählige Male kräftig ins Smartphone performt, fertig war der nächste Aufguss eines Songs, der auch vor zehn Jahren schon kaum überraschend neu war.

Die Dankbarkeit gegenüber der wiederentdeckten Hörerschaft gipfelte schließlich in einer Albumverschiebung um einige Monate. Begründung: "Tirol" musste noch drauf. Eine kleine, aber bemerkenswert konsequente Lektion in Sachen Verwertungslogik, der Song bleibt unangetastet, wird einfach ins Release-Set gestopft und plötzlich zum Herzstück erklärt.

Um die Tiefenstruktur von "Öha" zu erfassen, hilft es vermutlich, bewusst in andere Wahrnehmungsmodi zu wechseln. "Ich finde es toll, dass DJ Ötzi sich für Tiere einsetzt. Bitte ÖHA unbedingt hören", schreibt ein euphorisierter Amazon-Kommentator. Und vielleicht liegt darin tatsächlich mehr Wahrheit als Ironie. Denn das Bemerkenswerteste an diesem Album ist seine ehrliche Inkohärenz.

Schon der Opener macht klar: Hier wird kein "Tirol"-Charme rekonstruiert, hier wird er eher industriell aus dem Handgelenk geschüttelt. Einfachste Reime, Stimmungsumschwünge, Schlager-Pop-Kollision. Um so irritierender wirkt "Tirol" selbst im Albumkontext: eigentlich der stärkste Track, gerade weil er längst als Meme, Nostalgiefragment und Partykultur-Fossil funktioniert. Ein Song, der sich über Monate hinweg selbst zum Klassiker hochgespielt hat, neben "Ein Stern" und "Anton Aus Tirol" inzwischen fest im DJ Ötzi-Kanon verankert.

Mit "Happy" und "Du (Was Ich Will, Bist Du)" geht es dann zurück ins bewährte Prinzip: maximaler Schlagerpop, minimaler Widerstand. Musik, die sich ihrer eigenen Funktion vollkommen bewusst ist und genau deshalb außerhalb von Partyzonen kaum überlebensfähig und auf Kopfhörern kaum auszuhalten ist.

"Ehrlich" versucht sich an einer Art Meta-Kommentar und greift Kritik vorweg: "Egal was andere meinen, egal was jeder redet / es gibt nie ein Leben außer jetzt". "Gigolo" bedient das typische DJ Ötzi-Soziotop weiter. Gemeinsam mit Stereoact wird "Country Roads" zur Massentauglichkeitsversion umgebaut, während die Zusammenarbeit mit der eigenen Tochter bei "In The Ghetto" endgültig in Richtung Amtsanmaßung kippt.

"Here I Am" und "Ich Kann Dich Seh'n" bedienen weiterhin das bekannte Publikum: Menschen, die Partyschlager nicht als Genre, sondern als Lebenseinstellung konsumieren. Spätestens bei "Ein Licht" kippt das Ganze dann endgültig ins Unbestimmte: eine Vater-Tochter-Ballade voller großer Worte, Disney-Pathos und maximaler Bedeutungsaufladung ohne Sinn.

"Verdammt" zieht Richtung Ballermann, "Just Can't Get Enough" bleibt weit entfernt von Depeche Mode-Referenzwürdigkeit, und "Sex On Fire" macht schließlich endgültig klar, worum es hier eigentlich geht: Musik, die erst dann funktioniert, wenn der Promillepegel jede Differenz zwischen Original und Kopie längst ausgeglichen hat.

Und genau darin liegt vielleicht tatsächlich die eigentliche Kunst dieses Albums, das absolute Anspruchslosigkeit als durchkomponiertes Konzept präsentiert. Eingängigkeit ohne Reibung, Party ohne Subtext, Reproduktion ohne Schamgefühl. Ein Comeback-Song, eine Schnulze, diverse Coverversionen – alles auf ein Album gepresst, das in seiner Widersprüchlichkeit erstaunlich konsequent bleibt.

Trackliste

  1. 1. Ich Schwöre
  2. 2. Tirol
  3. 3. Happy
  4. 4. Du (Was Ich Will, Bist Du)
  5. 5. Ehrlich
  6. 6. Gigolo
  7. 7. Country Roads
  8. 8. Here I Am
  9. 9. In The Ghetto
  10. 10. Ich Kann Dich Seh'n
  11. 11. Ein Licht
  12. 12. Verdammt
  13. 13. Just Can't Get Enough
  14. 14. Sex On Fire

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