laut.de-Kritik
Die Fassade bröckelt.
Review von Josef GasteigerDer Foo Fighters-Frontmann David Eric Grohl war selbst jahrelang das Lieblingsspielzeug der Rockbranche. Der "Nicest Man of Rock’n’Roll", jedermanns bester Freund, mit 57 noch hyperaktiv wie ein 15-Jähriger, schreibt Bücher, macht Filme und ist ein verdammt guter Stadionrocker. Und dann: 2022. Zwei Tragödien innerhalb von vier Monaten, mit dem Tod seiner Mutter und seines Drummers. Gerade so erholt und kreativ wieder zurück in der Spur, geht es schon wieder los. 2024: Grohl zeugt Nachwuchs, aber nicht mit seiner Frau. 2025: eine ungeschickte Kommunikation rund um das Drummer-Wechsel-dich-Spiel mit Josh Freese und Ilan Rubin. Midlife-Crisis oder verhaltensauffällige Trauerbewältigung?
"Dead gardens from bad seeds / But nice guys grow on trees / Big smile, try not to choke on the glitter" pfeffert ein sichtlich animierter Grohl im Titeltrack "Your Favorite Toy" uns entgegen. Eine Proklamation von jemandem, dem der plötzlich umschlagende Wind seiner öffentlichen Persona missfällt?
Es fällt schwer, das zwölfte Studioalbum der Band aus L.A. nicht unter diesen Vorzeichen zu hören. Als Reaktion auf große Produktionen Ende der 2010er Jahre und ein Traueralbum, das der Multiinstrumentalist quasi im Alleingang zum Leben erweckt hat, schwingt das Pendel jetzt wieder auf die andere Seite des Spektrums: kein Produzent, eigenes Studio, zehn Songs in 36 Minuten.
Die Arrangements sind simpler, der Ton rauer. Sieben der zehn Songs rattern im flotten, punkrockigen Uptempo um die Ecke. Wurde der Stimmverzerrer in früheren Jahrzehnten bei "White Limo" und "Weenie Beenie" nur behutsam eingesetzt, ist er jetzt sichtlich das neue Lieblingsspielzeug.
So entstand das gradlinigste Album voller schneller und schnell verdaulicher Rocksongs mindestens seit "Wasting Light". Die Hymnen und Rockevergreens sind ja schon längst geschrieben und holen Abend für Abend in den Fußballstadien dieser Welt die Kohlen aus dem Feuer. "Your Favorite Toy" weiß das. Das Album setzt nicht an, diese hohe Messlatte mitzunehmen, sondern will einfach mal Dampf ablassen.
Der 1-2-Punch von "Caught In The Echo" und besonders "Of All People" lässt die Best Of Yous dieser Welt links liegen und geht straighter voraus als vieles der letzten Foo-Dekade. Verzerrer auf Anschlag, tief einatmen und ab dafür. Schreihals-Grohl in den Strophen, Catchy-Grohl in den Refrains. Eine Formel, auf der diese Karriere gebaut ist. Und die immer noch funktioniert.
Titelsong "Your Favorite Toy" und "Spit Shine" sind musikalische Zwillinge beziehungsweise Vierlinge zu den Openern. "Amen, Caveman" geht es anfangs noch etwas lockerer an, folgt dann aber ebenfalls dem Muster. Einzig "Window" stimmt sanftere, psychedelische Klänge an und geht damit im Albumkontext allerdings in seiner Zwanglosigkeit leider unter.
Ab der Albumhälfte dürfen auch die abgehangenen, melodiös-melancholischen Midtempo-Rocker gegen die Rocksalven antreten. "If You Only Knew" bringt kopfnickend die erste große Stadionhook samt Tamburin-Gerassel.
Das sphärische "Unconditional" kann seinen großen Bruder "Times Like These" nicht leugnen, ohne dessen Konsequenz zu haben. Dafür funktioniert der Laut-leise-Kick von "Child Actor" um so besser und spricht Grohl mantramäßig wohl aus der Seele, wenn er zigfach wiederholt: "Turn the cameras off / Turn the cameras off / Turn the cameras off".
Überhaupt muss man nicht viele küchenpsychologische Qualifikationen mitbringen, um Grohls Lyrics als klaren Seelenstrip zu lesen. "And as you get a bit older / Cash in the chips on your shoulder / The honeymoon is over / The honeymoon is over", heißt es in "Spit Shine". Oder: "Is the pressure hard enough / If the treasure's not enough?", fragt er sein Spiegelbild im Titeltrack.
Es klingt nach Ernüchterung. Nach jemandem, der seine Dämonen bislang mit Nice-Guy-Attitüde auf Abstand gehalten hat und dem nun doch die Rechnung präsentiert wird.
Bei aller internen Nabelschau bleibt "Your Favorite Toy" dem Foo-Fundament treu. Neuzugang Ilan Rubin macht einen sehr soliden Job am Schlagzeug, wird aber nie wirklich von der Leine gelassen. Am ehesten drückte er noch "Asking For A Friend" seinen Stempel auf, einem Songmonster mit allen Aufs und Abs und Tempowechseln, das auch so endet, wie die Platte begonnen hat: rocking out.
"Your Favorite Toy" ist keine Neuerfindung der Foo Fighters. Aber wer hätte denn noch damit gerechnet? Der Firlefanz der 2010er Jahre wurde etwas abgestreift, das Tempo angezogen. Das steht ihnen auch für länger als eine halbe Stunde gut.


7 Kommentare mit 33 Antworten
Bestes Album seit 2011.
Ganz okayes Album. Ein paar Stand-Outs sind zum Glück wieder da - allen voran Asking for a Friend ist verdammt stark - aber auch einiges an Filler-Material, welches nicht so recht im Gedächtnis bleiben will, wie auf den letzten 2 Alben ist auszumachen. Sei es drum. Die letzte Scheibe der Foo's welche mir von A-Z sehr gut gefallen hat, bleibt nach wie vor Concrete & Gold.
Schlechtestes Mastering seit "Underneath" von Code Orange im Gitarrenbereich, vergleichbar mit Metallicas "Death Magnetic". Selbst auf der Seite des Albums beschweren sich Fans. Auch eine Leistung. Nein, Danke.
DR3 muss man schon wollen https://dr.loudness-war.info/album/view/23…
Was ist DR3?
"Dynamic Range 3" = LoudnessWar-mäßig totkomprimiert.
Dazu sollte es in der Review einen Fetten Warnhinweis geben.
Hab es vorhin über mich ergehen lassen und etwas lauter aufgedreht. Völlig übersteuert vom Soundbild. Im Grunde unhörbar.
Was heissen den die Zahlen bei loudnesswar? Umso tiefer umso weniger Dynamik sprich alles gleicg laut? Oder zu sehr “gepusht”? Gibt es Beispiele für gute Loudness?
Dieser Kommentar wurde vor 19 Tagen durch den Autor entfernt.
Ja, im Grunde fast so ziemlich alles gleich laut. Überkomprimiert, verzerrt, wenig Dynamik, kaum Wärme, gerade im Vergleich zu Vinyl. Hab mal eine Liste gemacht:
https://rateyourmusic.com/list/tonitaste/r…
So gut wie alle Platten sind etwas leiser gemastert, klingen aber deutlich besser, wenn man sie lauter aufdreht. Platten mit DR1-6 in etwa bestimmen im Grunde, welche Lautstärke man beim Hören aufdrehen soll, anstatt, dass man einfach die Lautstärke aufdreht, die für einen am besten passt, während man so ziemlich alle Feinheiten immer noch wahrnimmt.
Höre gerade beispielsweise das letzte Drudkh-Album. Das ist vom Sound wie immer recht fantastisch und gut ausbalanciert, was man im Black Metal-Bereich auch nicht mehr großartig erwarten kann. Mayhem legen aber immer noch Wert auf guten Klang.
Ist wirklich gut geworden! Nur musikalisch finde ich ihn mittlerweile etwas zu eindimensional, aber DRUDKH liefert definiv immer noch ab!
Das Mastering ist tatsächlich missraten - sehr schade. Da brauch man noch nicht einmal darüber nachdenken, sich das auf Vinyl anzutun (mir ist bewusst, dass da noch mal ein anderes Mastering erfolgt, aber bei der "But Here We Are" war das Vinyl Mastering ebenfalls grauenhaft. Die Platte habe ich verschiedenen Tonabnehmern gecheckt. Die Becken, die Snare, die Gitarren - alles zerrt und knartscht. Bei so einer hochkarätigen Band sehr merkwürdig. "Wasting Light" war hingegen vom Sound her genial und das auch auf Platte.
Da erfolgt nur ein anderes Mastering, wenn dafür Geld ausgegeben wird und Entscheider darin einen Sinn sehen. Extrem häufig wird lieblos irgendein Mastering auf Vinyl gehauen und so klingt das dann auch.
Kleine Ergänzung, toni:
Digitale ist zu wesentlich mehr Dynamic Range in der Lage als Vinyl. Und das mit der "Wärme" von Vinyl ist leider sehr viel Hokuspokus. Wie "Vinyl" klingt, ist von so vielen zusätzlichen Faktoren im Vergleich zu "Digital" abhängig, dass es lächerlich wird, dem Medium an sich irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben.
Zusätzlich dazu, dass jede Abhörsituation sowieso ein Unikat sein dürfte, hat fast jeder Mensch mit Plattenspieler ein Gerät, das von Natur aus Musik sehr anders klingen lässt als ein Gerät eines anderen Vinyl-Afficionados. Im Grunde ist es wie ein persönlicher Farbfilter, den du über jedes Foto legst, das du anguckst. Oder eine sehr individuelle EQ-Kurve. Und dieser "EQ" verändert z.T. sehr drastisch. Das wird meistens als angenehm wahrgenommen (Psychoakustik usw., führt jetzt zu weit). Aber diese meist mittige-/tiefmittige "Wärme" ist unnatürlich, nicht beim Mix beabsichtigt, und im Grunde ein nützlicher Mangel des Mediums.
Aber ganz explizit, und zum Finale des Abnerdens: Wenn du dein ganz persönliches Vinyl, die Wahl deiner Abspielnadel, ihr Gewicht usw. usf. magst, es sich einfach am kuscheligsten für deine Ohren anfühlt, dann ist das genau so, wie du Musik hören solltest. So ziemlich jeder etwas involviertere Mensch mit Bluetooth-Kopfhörern spielt alle Musik ja auch mit seinem persönlichen EQ ab, der um die Schwächen des Geräts und den Geschmack am besten arbeitet
Danke für die Ergänzung.
Meine Kritik bezog sich ja darauf, dass die meisten heutigen Platten lauter gemastert werden, als sie sein müssten und dadurch diesen zusammenkomprimierten Klang besitzen, der Dynamik kaum erkennen lässt. Gerade bei Metal-Platten merkt man, dass man einfach nur pure Lautstärke draufpackt, der Sound aber gerade deswegen total matschig und verzerrt aus den Boxen tönt. Oftmals hört man kaum noch den Bass heraus.
Ein positives Gegenbeispiel wären neuere Opeth. Die haben sogar einige ältere Platten neu mastern lassen, um dem Loudness War etwas entgegenzusetzen.
Stimmt alles sicherlich. Da spielt ne Menge Nostalgie und gefühlte Soundwirklichkeit mit. Allerdings macht das Ganze mit einer entsprechenden Anlage sowie Raum auch viel Spaß und das große Booklet ist auch haptisch einfach schön. Das Ritual (Platte auflegen) macht auch etwas aus. Das heißt nicht, dass ich nicht auch CDs oder MP3s, Streaming Angebote abspielen könnte. Manche Platten klingen halt leider sehr flach als würde man gerade eine 96/128kbit Mp3 hören und andere Platten haben wiederrum das Problem, dass sie leider überhaupt nicht genießbar sind, weil sie wie in besagtem Fall völlig überkomprimiert oder sogar übersteuert gemixt/gemastert und auf Platte gepresst wurden. Das ist jedes Mal super ärgerlich und in heutigen Zeiten bei heutigen Produktionsmöglichkeiten obendrein eine große Frechheit. Aber bei all den top klingenden Platten, die ich besitze, fällt das halt auch nicht ins Gewicht. Ich finde, dass neben Opeth gerade auch Steven Wilson Platten ein gutes Beispiel dafür sind, was man auf Vinyl rausholen kann. Die Platten von SW klingen fantastisch!
Ja, auch in rein digitaler Form oder auf CD. Kate Bush wäre auch ein extrem tolles Beispiel.
Ah, alles klar, Toni. Dann sorry für den Teil, den ich vielleicht überflüssigerweise gefachsimpelt hab!
Das mit der fehlenden Dynamik nervt mich auch sehr. Ich finde Musik persönlich einfach langweilig, bei der zwischen Strophe, Refrain, Bridge/Middle 8 o.Ä. quasi dieselbe Energie herrscht.
Würde sagen, dafür gibt es mittlerweile keine andere Entschuldigung als dass es absichtlich so ermüdend gemixt wurde. Gründe von wegen "die Konkurrenz ist dann im Vorteil!" haben sich erübrigt, weil der Loudness War größtenteils passé ist. Schon etwas ironisch, dass das den verhassten Streamingdiensten zu verdanken ist - die einfach alles annähernd auf denselben LUFS-Wert bringen, und man als Master-Mensch im Grunde keine Möglichkeit hat, Releases lauter als die der Konkurrenz zu machen. Zumindest nicht, wenn man sie für diese Plattformen mastert.
Das kann im Grunde egal sein, wenn man einfach sein eigenes Ding durchzieht:
https://youtu.be/j_IeVqOXExU?is=JZ8EZV5dck…
Dave Growl hehe
Dave Row
Das letzte Album war stark, daher:
Dave: No.
Ich frage mich immer, ob Nirvana auch so geendet wären, hätte Kurt Cobain sich nicht umgebracht. Klingt makaber, aber für das künstlerische Vermächtnis war der Selbstmord sicherlich nicht das Verkehrteste.
Man kann Cobain unmöglich mit Grohl vergleichen. Komplett anderer Menschenschlag. Cobain hätte sicherlich weiterhin Musik gemacht, aber es ist denkbar, dass er Nirvana nach einem oder zwei Alben nach in Utero aufgelöst hätte. Er hätte vermutlich weiter Musik gemacht, aber eher nur Solo-Werke auf kleineren Indie-Labels... allerdings finde ich auch überhaupt nicht, dass die Foo Fighters ihr eigenes Denkmal irgendwie demontieren. In meinen Augen ist das eine der wenigen Alt-Rock/Hard Rock Bands aus den 90ern, die immer noch solides Material liefert, aber gut - wir sind hier schließlich in der Kommentarspale auf laut.de und hier gelten andere Gesetze als anderswo ...