laut.de-Kritik
Die Stille ist ihre Lautstärke.
Review von Jasmin LützIn einem Interview mit dem Guardian hat sich Aldous Harding mal als Jim Carrey der Indie-Szene bezeichnet. Hört man ihr neues Album und darauf Songs wie "Riding That Symbol" denkt man nicht an den Jim Carrey von "Dumm und Dümmer", sondern eher an seine Rolle in "Vergiss Mein Nicht".
"Train On The Island" ist nach Warm Chris das neue Studioalbum der neuseeländischen Künstlerin. Der zurückhaltende Synthesizer-Sound und die spät einsetzende Gitarre des Opener "I Ate The Most" lassen dich von Beginn an schon nicht mehr los und erinnern an die umarmende Traurigkeit von Radiohead. Das Spielen mit der Stimme gehört zu ihrem Songwriting dazu.
Die erste Single "One Stop" ist der tragisch-schöne Star auf dem Album. Die monotone Piano-Komposition breitet sich in ein eingängiges, akustisches Gitarrenspiel aus, dazu der prägende und einfühlsame Gesang. Eine weniger schöne Begegnung mit John Cale hält sie mit diesen Worten fest: "I'm gonna write what I know. Things I ain't known for a long time I met the real John Cale He had no words, but I don't mind I packed the stage while he ate rice."
Da zeigt sich kurz das komödiantische Jim Carry-Gen. Ein scheinbar unangenehmes Zusammentreffen mit einem britischen Musiker wird einfach unterhaltsam überspielt. Es spielt keine Rolle, ob sie ihn wirklich getroffen und er Reis gegessen hat.
Aldous wandelt zwischen der sensitiven Stimmung eines Nick Drake und der faszinierenden Vokalakrobatik von Kate Bush. Es gibt schwerverdauliche Themen, die sie mitunter in die absurde Richtung lenkt. Dabei bleibt Hardings Song-Darbietung individuell und melodisch wunderschön. Das Unerreichbare Ziel in der Ferne.
Der Titelsong "Train On The Island" vereint diese gängigen Melodien mit minimalen Klaviereinsatz. Leicht stampfende Rhythmen und tiefe Akkorde zu Beginn von "What Am I Gonna Do", fast schon dämonisch klingt ihre Stimme, bis sie sich im Refrain wieder klar und hell auflöst. Dazu das finale Harfenspiel von Mali Llywelyn: "What am I going to do. I can't break out of it. What am I going to do, they can't train me out of it?"
Harding ist mit Folkmusik der 1960er aufgewachsen. Ihre Mutter war ebenfalls Musikerin und ihr Stiefvater hatte einen Gitarrenladen. Diese Wurzeln tauchen in ihren Songs auf, allerdings in ihrem eigensinnigen Weird-Folk-Klangbild. Gothik-Folk wurde das auch mal genannt, weil ihre früheren Texte schwer und düster waren. Da klingt heute schon sehr viel versöhnlicher.
"Venus In The Zinnia" ist der Song für deine persönliche Wiedergutmachung. Aldous harmoniert mit H. Hawkline alias Huw Evans, der sie hier wunderbar gesanglich und an der Akustikgitarre begleitet: "What are you wearing? What are you wearing? I cut my hair, nobody loved it Thank you for sharing Thank you for sharing I love what you're wearing. Your love is my life."
Es herrscht nervöse Unruhe zwischen der Klavierbegleitung, die aber immer wieder von ihrer Stimme und den Melodien in eine harmonische Balance gewandelt wird. Produzent ist ihr langjähriger Weggefährte John Parish, der auch schon mit PJ Harvey und Dry Cleaning zusammenarbeitete. Dazu nutzten sie wieder die Rockfield Studios in Wales, wo auch schon frühere Werke wie "Party" und "Warm Chris" entstanden. Weitere musikalische Unterstützung kommt von Pedal-Steel-Gitarrist Joe Harvey-Whyte, Thomas Poli am Synthesizer, sowie Schlagzeuger Sebastian Rochford (Polar Bear).
Auch wenn die Musik von Aldous Harding geheimnisvoll und sie in ihrem Songwriting die Meisterin des Verborgenen bleibt, entdeckt man die Faszination der Verkleidung, das verspielte Miteinander bei jedem dieser zehn Songs. Man muss nicht alles Rätselhafte lüften und bis ins kleinste Detail auseinandernehmen. Die Melodie soll einen berühren - "San Francisco" ist so eine akustische Zuneigung. Verzweiflung in seiner schönsten Pop-Umsetzung.
Die Stille in ihren Songs ist ihre Lautstärke. Die Klänge nimmt man intensiv wahr bevor man sich auf den Inhalt konzentriert. Ihre Stimme steht immer im Fokus. Ihre Tonhöhe ändert sich in verschiedenen Nuancen und somit entsteht ein harmonischer Einklang mit sich selbst.


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