laut.de-Kritik
Mit der Bassdrum ins Libidoglück.
Review von Kai ButterweckDie Liebe, das Leben und die Musik: Wenn sich Maite Kelly ihren drei wichtigsten Ankern im Leben hingibt, dann macht sie das voller Leidenschaft, mit ganz viel Herzblut und natürlich auch zeitlich völlig ungebunden – also quasi "24/7". Im Pressetext zu ihrem neuen Studioalbum verspricht man dem neugierigen Hörer "ein Werk wie ein Rohdiamant, voll ungeschliffener und rauer Schönheit".
Schön in Szene setzt sich Maite Kelly bereits auf dem Cover – inklusive sinnlichem Schlafzimmerblick und eingehüllt in samtige Kuschelgarderobe. Na, Holla die Waldfee! Da tuschelt man hinter den Foxtrott-Turntables aber schon eifrig, noch bevor der erste Bassdrum-Kick aus den Boxen pumpt. Der lässt aber nicht lange auf sich warten.
Der Opener "Der Morgen Danach" ist noch keine Sekunde alt, da nehmen Maite Kelly und die Drum-Machine auch schon Fahrt auf. Eine Handvoll Akkorde und ein paar zuckende Synthies dazu, und ab geht die Post! Mit zerzaustem Haupthaar und verschmiertem Lippenstift schwärmt die blonde Schlagerqueen von einer unvergesslichen Nacht: "Du liegst neben mir, was haben wir gemacht? Du hast mich dreimal in den Himmel gebracht!", singt Maite Kelly. Wohl dem, der den inneren Aus-Schalter mit dem Hinweis "Kopfkino" schnell findet.
Einmal im Fieberrausch der Liebeshormone geht es für Maite und ihren Lover per Direktflug nach Paris. Der Beat und die Synthies bleiben gleich. Nur der Ort des Aktes ist ein anderer: "Ein Kuss in Paris, die ganze Nacht wach, über den Dächern Liebe gemacht", seufzt Maite Kelly.
In in- und ausländischen Schlafgemächern brennt es lichterloh. Songtitel Nummer drei: "Uh La La (Die Nacht war heiß)". Himmelherrgott, nimmt das Liebemachen unter der Großraumdiscokugel denn gar kein Ende mehr? Auch der vierte Track startet wie gehabt. Die Bassdrum pocht wie der Herzschlag von Bert Wollersheim. Dazu die zuckenden Synthies. Aber dann: Maite wendet sich von ihrem Lover ab. Nun steht die Girls-support-Girls-Community im Fokus. Macht euch "Frei" von allem Ballast und lebt euer Leben, so die unterstützenswerte Botschaft des Songs. Ach ja, wäre die Musik nicht so platt und dröge – man würde gerne applaudieren.
Single Nummer vier trägt den Titel "Ich Will Alles Für Dich". Hier geht es um die besondere Verbindung zwischen Menschen, egal ob es das eigene Kind, die beste Freundin oder der liebende Partner ist: "Ich geb dir alles - Alles nur für dich - Einfach alles - Weil du alles bist in meinem Leben", singt Maite Kelly. Viel Pathos und noch mehr Drama. Abermals schwingt der Foxtrott-Fan das Tanzbein, auch wenn sich die geliebte Bassdrum diesmal nur wabernd und unterschwellig ihren Weg in die Gehörgänge bahnt.
"In Deinen Armen" (wer auch immer sich angesprochen fühlen möchte) fühlt sich Maite Kelly am wohlsten. Künstliche Streicher und der Vibe alter Bohlen-Klassiker ("Von A Bis Z") breiten sich aus. Die alleinerziehende Dreifachmutter geht das Liebesalphabet durch: "D, F, G und H – Sehnsucht mit Haut und Haar", haucht Maite ins Mikrofon.
Die Sängerin meint es ja nur gut. Ganz viel Liebe und noch mehr Durchhalteparolen sollen das Dunkel vertreiben ("Es Geht Doch"). Frauen müssen zusammenhalten ("Von Frau Zu Frau"). Auch super. Sicher, mit der angewandten Bildsprache gewinnt man keinen Blumentopf. Aber die Botschaften sind durchweg löblich.
Anders verhält es sich mit der Musik, die im Grunde nur als Begleitwerkzeug dient. Es gibt weder Höhen noch Tiefen. Dynamik spielt so gut wie keine Rolle. Das einzig Wichtige ist der Beat. Bum, Bum, Bum, Bum, Bum macht es – und zwar die ganze Zeit. Über der stoisch durchpumpenden Bassdrum platzieren sich die üblichen Akkordwechsel. Mit dabei sind gängige Synthies und klinisch erzeugte Streicher. That's it. Mehr braucht es nicht, um im Schlager Cafe in Düsseldorf oder auf den Heile-Welt-Showbühnen von Florian Silbereisen und Giovanni Zarrella für Aufsehen zu sorgen. Überall sonst sucht man das Weite.


5 Kommentare mit 34 Antworten
Im richtigen Umfeld mit den richtigen Leuten ist die Musik genau das Richtige.
Definitiv. Birgit aus Sindelfingens Häkeldeckchen-Gruppe swoont hart.
Ich möchte weder Umfeld noch Leute kennen, um diese Musik als "das Richtige" zu erfahren.
Der Sound, zu dem auch deine Mutter bounct.
Meine Mutter würde glücklicherweise im Strahl kotzten.
*kotzen
Vielleicht würde sie im Strahl kotzen und dabei headbangen! Ah, selige Wacken-Erinnerungen...
Ü40-Party, Mannschafts- und Kegelfahrten, Malle, Ernte- und Kartoffelfeste, Festzelt auf dem Schützenplatz - war wahrscheinlich noch keiner von euch.
Ja, das sind sicherlich die Orte, bei denen das und anderes auf dem Niveau laufen wird. Soll heißen, diese Musik ist eben nur mit einem ordentlichen Alkoholpegel im Blut zu ertragen. Das ist leider eine komische Tradition in diesem unserem Land: sich "abschießen" und dabei Schlager hören.
Bzw. sich "abschießen" und dabei Schlager mitgrölen.
@pedrolino
So manches davon "durfte" ich durchaus schon erleben und wenn man, wie ich, immerhin Menschen meidet, aber noch über ein Gehör verfügt, dann ist es Beschallung wie diese, die das besonders grausig macht. Zumindest für mich.
Ich hoffe inständig, dass ich niemals in ein solches Umfeld und an solche Leute gerate.
Aber Horst. Sollten wir, um uns als Individuen wie auch als Gesellschaft weiterzuentwickeln, nicht Brücken bauen statt Mauern? Viellicht ist der c4Populino da etwas auf der Spur; vielleicht muss man wirklich als Mensch mit einigermaßenem Kunstgeschmack diesen opfern, sich der reaktionären, stumpfen Scheißmusik vom Schützenverein öffnen, um in den Dialog mit Menschen treten zu können, die sowas aufrichtig feiern...?
Also 95 % der Deutschen. Vielleicht mal anerkennen, dass das normal ist.
Jo, kommt hin. 95% der Deutschen haben halt auch einen total beschissenen Musikgeschmack.
95% feiern maite schlachmichtot, hast du das aus verlässlicher quelle?
Das wurde von den befüllten Kreuzfahrtschiffen hochgerechnet.
5 percenter till I die!
Pedrolino, du setzt eine Zahl in die Welt, die (zum Glück) völlig an den Haaren herbeigezogen ist: Knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland (45 Prozent) können mit Schlager nichts anfangen, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ergab.
45 % Nüchterne sind nicht repräsentativ:
Ja, die Akzeptanz für Schlager und Mallorcamusik steigt unter Alkoholeinfluss signifikant an. Dies liegt vor allem an der Enthemmung sowie der verringerten kognitiven Beanspruchung, die diese Musikgenres bieten.
Glaub mir, wenn du besoffen bist, dann feierst du das auch ab. Meine Erfahrungen auf Dorf- und Vereinsfesten in der niedersächsischen Provinz belegen genau das.
DEINE Erfahrungen auf Dorf- und Vereinsfesten belegen, dass ICH das auch abfeiere, wenn ich betrunken bin? Interessante Argumentation.
Viele Größen verwenden Bassdrum – und bei vielen davon sind die Texte auch nicht wesentlich besser. Nur weil es ein Kelly ist, wird das Album zerrissen.
Meine Größe ist 1,89 und ich sie benutzt keine Bassdrum.
Also ich finde den Take gut: Es gibt ganz viel schlechte Musik mit schlechten Texten und einer Bassdrum im Beat. Andersherum gibt es viel weniger schlechte Musik, die ohne Bassdrum auskommt. Wenn man also qualitativ gute Musik an nur einem Parameter festmachen möchte, dann wäre das Vorhandensein einer Bassdrum im Beat eine gute Wahl.
Den letzten Satz solltest du noch mal überdenken. Scheint mir, dass du rs umgekehrt meinst.
Ne. Der letzte Satz würde "umgekehrt" das gleiche aussagen.
Seht, es ist xoxo81, gleich neben... ehm... ach, fu18!
@gleep, da steht, gute Musik erkennt man an dem Vorhandensein einer Bassdrum im Beat, er meint aber, dass man schlechte Musik daran erkennen kann.
Dieser Kommentar wurde vor 18 Tagen durch den Autor entfernt.
Dieser Kommentar wurde vor 18 Tagen durch den Autor entfernt.
Ne, da steht dass der PARAMETER, an dem man gute Musik erkennen kann, das Vorhandensein einer Bassdrum im Beat ist. Das würde ich jetzt so interpetieren, dass "Vorhandensein von Bassdrum im Beat" die Messlatte ist, an der man gute Musik festmacht, ohne dass das zwangsläufig eine Aussage darüber macht, welcher Messwert mit welchem Ergebnis korreliert.
Dann müsste da stehen: Wenn man die Qualität von Musik an nur einem Parameter festmachen möchte....
Aber egal, wir wissen ja, was er sagen möchte.
What a predictably sour review. It's meant to be Schlager and it's meant to sound like that. It's also significantly better than her previous album, which was terrible and a total disaster.
Sorry, but my english is not the yellow from the egg.
It's a shitload of fuck and i don't like it!
Seht, es ist Graham B, gleich neben Graham C!
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Das Beste, was bisher dieses Jahr erschienen ist.