laut.de-Kritik

Kopfsprung ins bunte Bällebad.

Review von

"Bitte starten Sie das Kopfnicken jetzt." Es geht doch nix über klare Anweisungen. Feinstens. Jede*r weiß, was zu tun ist, also warum zum Teufel nicht direkt mit der "Zugabe" anfangen? Das Publikum verlangt ja hörbar danach, also fehlt sowieso nicht viel zum gepflegten Vollabriss: Bass, ein paar Scratches, Flo lässt seinen inneren Fatman Scoop von der Leine, und? "Was Geht Ab?"

Na, alles, das nicht fest ist. Im 15. Jahr des Bandbestehens wissen wir eh, was uns blüht: ein weiterer Beleg dafür, dass konkurrenzlos coolste Kinderband der Welt unveränderter Weise Deine Freunde heißt. Gar nicht mehr so sicher bin ich mir, ob sich das noch immer so sorglos unter "Hip Hop" einsortieren lässt, wie ich das bisher immer getan habe: Ja, klar sind das auf den Punkt gerappte Bars mit ohrwurmig gesungenen Hooks auf versiertest produzierten Beats. Aber es ist eben auch Drum'n'Bass, Pop, Elektro, Synthiesounds, ein Hauch Schlager, selbstverständlich ein gerüttelt Maß Kasperletechno, sogar Spuren von Industrial ... bei genauer Betrachtung haben die drei, allen voran natürlich Produzent Pauli, da eine ganz schön pralle Wundertüte gepackt.

Andererseits gehörte es ja seit jeher zum Wesen des Genres, sich allüberall zu bedienen und sich dann den Soundtrack für die eigene Party daraus zu basteln. Insofern sind Deine Freunde wieder so Hip Hop, wie es nur irgend geht. Gerade mit dem ganz ordentlich basslastigen, geradezu finsteren "Bestimmer" rechtfertigt das Trio, in die Rap-Ecke gestellt zu werden. Respektive stellen sie sich ja selbst hinein und scheinen sich da auch pudelwohl zu fühlen.

Wie jedes Deine Freunde-Album zuvor (und hoffentlich noch viele danach) fühlt sich "Die Kinder Spielen Verrückt" wieder an wie ein Kopfsprung ins bunte Bällebad. Die Welt außen herum mag nicht heil sein, Deine Freunde gaukeln ihren Fans auch nicht vor, sie lebten auf einem Ponyhof, dafür nehmen sie ihr Publikum seit jeher viel zu ernst. Gerade deswegen aber genießt, so lange ihre Show läuft, der Spaß absolute Priorität.

... und, eieiei, macht dieses Album wieder Spaß. Es lädt abwechselnd zum Tagträumen, zum Herumspinnen, zum Zappeln, zum Quatschmachen und zum unkontrollierten Herumhüpfen ein. Alles Dinge, die gerade ältere Kinder, ja, besonders die jenseits der 50, viel öfter tun sollten, wenngleich es sich für die dringend empfiehlt, dabei Rücksicht auf die zunehmend morschen Knochen zu nehmen. (Aua.)

Dass Deine Freunde eigentlich (!) eine extrem junge Zielgruppe ansprechen, macht ihre Songs für ältere Semester nicht unzugänglicher. Wer will, kann hier problemlos andocken. Schließlich sind wir ohne jede Ausnahme alle einmal Kinder gewesen. Folglich umarmt uns alle "Irgendwo Auf Dem Heimweg" das Nostalgie-Gefühl, wenn erstmals alle drei Freunde (auch Pauli!) je eine Strophe des Lieds, das es nicht gibt, anstimmen, mit dem Text, der sich nicht reimt, zur Melodie, die keiner kennt.

Alle sind wir irgendwann irgendwo jemandem begegnet, der mit aller Gewalt der "Bestimmer" sein wollte. Wir haben alle schon verzweifelt das wirksame Mittel gegen "Schluckauf" gesucht. Wir haben verrückt gespielt, oder "Ich Sehe Was, Was Du Nicht Siehst", und wer die Sätze "Zieh Dich Bitte Warm An" oder "Wie Heißt Das Zauberwort" nicht mindestens je drölf Dutzend Mal nachgerufen bekommen hat, hebe bitte die Hand. Wo sind die Hände? Ich seh' keine. "Siehste"?

Das Konfliktpotenzial von Familienurlauben kennen alle, die schon einmal einen gemacht haben. "Im Paradies" bringt das Scheitern an den übertriebenen Erwartungen nachvollziehbar auf den Punkt. Natürlich stilecht verpackt in karibisch aromatisierten Pop zu einer Melodei, die mich über Tage hinweg schier in den Wahnsinn getrieben hat, weil mir nicht einfallen wollte, woher ich sie kenne. Auf die Idee, bei Westernhagen zu suchen, bin ich halt lange nicht gekommen. (Im Interview schwören die drei Freunde übrigens, es sei kein bewusstes Sich-Bedienen gewesen, sondern ihnen einfach passiert, unterbewusst, sie waren also geradezu "Willenlos". Sachen gibts.)

Ob wir mittendrin stecken oder auf unsere Kinderzeit zurückblicken: Wir hätten uns doch wohl alle gewünscht, dass unsere Gefühle ernst genommen, die persönlichen Grenzen respektiert werden. Nein, kein Küsschen für den Opa, wenn du nicht willst. Kein gezwungenes Lächeln nötig. Nein, kein Gedicht aufsagen: "Du Musst Nicht". Jedes, wirklich jedes Kind sollte diese Sorte Zuspruch und Bestärkung erfahren. Wem sie verwehrt blieb, bietet dieses unaufdringliche, aber kompromisslose Plädoyer für Selbstbestimmung immerhin späten Trost.

So liebevoll zugewandt wie in diesem Message-Song geht es auf diesem Album durchgehend zu, es klingt allerdings nicht einmal halb so ernst, wie sich das vielleicht liest. Deine Freunde feiern viel mehr vergnügt das Miteinander von einander wohlgesonnenen Menschen, über Generationen hinweg. Wenn klar ist, dass man sich doch ganz gut leiden kann, darf der Tonfall ruhig ins Flapsige abgleiten. Dann dürfen die Eltern ihren Nachwuchs auch mal als Ausrede missbrauchen: "Schieb Es Auf Die Kinder". Schieb, schieb.

Wie schon öfter, verbuche ich als hochgradig empörende Unsitte, dass Deine Freunde manche gute Song-Idee zwar anreißen, sie dann aber im Skit-Stadium dümpeln lassen. Das "Rucksack Im Gesicht" dieses Albums heißt "Du Hast Da Was": ja, ja! Uns mit Bass und dengelnden Sounds den Mund wässrig machen, und dann ist das nach unter einer Minute schon vorbei: veritable Frechheit, wieder. Was es mit dem "Lang Ersehnten Lied Der Hühner" auf sich hat, hätte ich eigentlich auch gerne gewusst, aber die feinen Herren haben ja keinen Bock-bok-bok ... Wenigstens geben sie uns eine Runde Wunschdenken aus: Zu wabernden Synthies und pumpendem Bass phantasiert "Wünsch Dir Was" den perfekten Tag zusammen, fair verteilt, einmal aus Kinder-, einmal aus Erwachsenenperspektive.

Am Ende wird auch klar, warum die "Zugabe" diesmal am Anfang stehen musste: Den Platz am Ende brauchten Flo, Lukas und Pauli für eine andere, wirklich stimmungsvolle Abschiedsnummer, ihr Dankeschön an die Fans, die Crew, die Musik und das Leben, vorgetragen zu dramatisch dunklem Balladen-Piano: "So Jung" kommen wir in der Tat nie wieder zusammen, das stimmt wohl. Aber dann sind wir beim nächsten Mal eben bisschen älter, macht doch nix. Bis dahin? Fangen wir von vorne an: "Bitte starten Sie das Kopfnicken jetzt."

Trackliste

  1. 1. Zugabe
  2. 2. Was Geht Ab?
  3. 3. Zieh Dich Bitte Warm An
  4. 4. Bestimmer
  5. 5. Ich War's Nicht
  6. 6. Irgendwo Auf Dem Heimweg
  7. 7. Ich Sehe Was, Was Du Nicht Siehst
  8. 8. Die Kinder Spielen Verrückt
  9. 9. Schluckauf
  10. 10. Du Musst Nicht
  11. 11. Ich War's Immer Noch Nicht
  12. 12. Wünsch Dir Was
  13. 13. Du Hast Da Was
  14. 14. Im Paradies
  15. 15. Das Lang Ersehnte Lied Der Hühner
  16. 16. Wie Heißt Das Zauberwort?
  17. 17. Siehste
  18. 18. Schieb Es Auf Die Kinder
  19. 19. So Jung

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