laut.de-Kritik

Trotz ESC-Ambitionen doppeldeutig und provokant wie eh und je.

Review von

2014 erschien auf dem Laibach-Album "Spectre" ein Stück namens "Eurovision". Vor kurzem war das Künstlerkollektiv selbst für den Song-Contest in Wien im Gespräch. Das slowenische Staatsfernsehen RTV hatte "Allgorhythm", die erste Single aus dem nun erscheinenden Album "Musick", für den Wettbewerb ausgewählt. Dann jedoch zog sich das Land wegen der Teilnahme Israels vom ESC zurück. Schade. Wie das Publikum den Track aufgenommen hätte, mit dem Milan Fras und Co. Kritik über die Berechenbarkeit heutiger Musik im KI-Zeitalter üben, wäre schon ziemlich interessant gewesen.

Ihrem provokanten Kurs bleiben Laibach treu. Nur klanglich geht es wieder so poppig zu wie zuletzt auf "The Sound Of Music" vor acht Jahren, wie das eingängige Titelstück beweist, für das die Ghanaerin Wiyaala eurodanceartige Vocals beisteuert. Da dürfte so manchem langjährigen Anhänger kaum schmecken. Textlich gibt der Song mit seiner Ambivalenz die weitere Marschroute für das Werk vor, wenn von der Musik sowohl etwas Rettendes als auch etwas Gefährliches ausgeht.

"Fluid Emancipation" kommt als gut gelaunte Dance-Nummer mit 'Nanana'-Gesängen und massig Autotune-Einsatz daher und könnte in ähnlicher Form auch von Kylie Minogue stammen, was nicht unbedingt die schlechteste Referenz bildet, bleibt die Australierin trotz aller Ausgelassenheit doch zumeist geschmackssicher. In "Singularity" recyclen die Slowenen zusammen mit der langjährigen Weggefährtin Donna Marina Mårtensson Wolfgang Amadeus Mozarts "Eine kleine Nachtmusik". "Every song's a copy or remake", heißt es passend im Text.

"Resistencia" durchziehen akustische Gitarrenklänge und lateinamerikanischer Gesang von Gregor Strasbergar, während inhaltlich alles beim Doppeldeutigen bleibt, wenn Milan Fras "Guerra relámpago" ins Mikro brummelt, was auf Deutsch Blitzkrieg bedeutet. Kraftwerks "Die Mensch-Maschine" funktionieren Laibach und Senidah zur "Love Machine" um.

"Luigi Mangione" könnte schon fast einen Spaghetti-Western untermalen, wenn die Lyrics nicht den Mord an Brian Thompson, dem wegen seiner Geschäftspraktiken umstrittenen CEO des Krankenversicherungsunternehmens UnitedHealth, zum Thema hätten. Inklusive George Orwell-Anspielungen ("Big brother is watching you").

"Keep It Reel" mit Manca Trampuš stellt eine rotzige Synth-Punk-Nummer mit Billy Idol-Zitaten dar. Mehr Kraftwerk-Einflüsse wehen wieder durch "Yes Maybe No", während Donna Marina Mårtensson den Track mit souligen Vocals veredelt. Das erwähnte "Allgorhythm" mit Wiyaala erinnert zu Beginn an Laibachs Coverversion des Opus-Gassenhauers "Live Is Life", schlägt danach aber in eine ähnlich tanzflächentaugliche Kerbe wie "Fluid Emancipation".

In "Das Göttliche Kind", das von experimentellen Dubstep-Sounds und Vocoder-Tönen lebt, überhöhen die Slowenen KI zur übermenschlichen, unfehlbaren "Intelligenz". Andererseits heißt es in einem Statement: "KI ist (noch) nicht sonderlich intelligent."

Trotz aller Künstlichkeit, die das Album ausstrahlt, haben die Songs immer noch etwas Humanes und Handgemachtes, entstanden sie doch mit analogen Synthesizern, Apps und unkonventionellen Klangquellen, so dass sie über seelenloses Playlistfutter für große Streamingplattformen hinausgehen. Von den Hörgewohnheiten der Schwarzkittelfraktion könnte die Platte zwar kaum weiter entfernt sein, aber wer sich auf die bunten, oftmals etwas überdrehten Töne der Scheibe einlässt, findet so ziemlich alles, was Laibach seit Ewigkeiten ausmacht.

Trackliste

  1. 1. Musick
  2. 2. Fluid Emancipation
  3. 3. Singularity
  4. 4. Resistencia
  5. 5. Love Machine
  6. 6. Luigi Mangione
  7. 7. Keep It Reel
  8. 8. Yes Maybe No
  9. 9. Allgorhythm
  10. 10. Das Göttliche Kind

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6 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 6 Tagen

    Musick für Laibach-hörende Dunkelheimer

  • Vor 6 Tagen

    Freue mich schon aufs Album, ist noch mit der slowenischen Post unterwegs. Finde es immer spannend, wie sich Laibach mit ihren verschiedenen Schwerpunkten auch musikalisch immer etwas neu erfinden - von den Martial Industrial-Anfängen über die electro-poppigen bis zu den klassisch angehauchten Werken... Immer am Puls der Zeit (NATO, Kapital, Spectre, Sound of Music), da macht Musick sicher keine Ausnahme. Es lebe NSK

  • Vor 5 Tagen

    Kann mit denen nicht viel anfangen. Hinter dem intellektuellen Gestus aus Ironie, Dekonstruktion und ideologischer Spiegelung verbirgt sich nicht selten eine monotone Feier des eigenen Kunstmythos. Sollte es hier evtl. anders sein?

    • Vor 5 Tagen

      Monotonie würde ich Laibach nicht unterstellen. Ihr Standing in der Musiklandschaft haben sie sich hart erarbeitet und wenn es eine Formation gibt, die mal sich selbst einfach feiert, dann Laibach. Aber kann schon verstehen, dass man nicht viel mit ihnen anfangen kann. Zugänglichkeit ist keines ihrer Attribute. :)

    • Vor 5 Tagen

      Ich find' Laibach schick. Müsste mal wieder hin demnächst.

  • Vor 5 Tagen

    Ich kann mit dieser "Kritik" an Medien- und Musiktrends aber auch nichts anfangen, wenn das Endprodukt dann gerade wegen dieser Experimente mit viralen Musikeinflüssen teilweise ungenießbar klingt. Auch diese schauderhafte Allgorythm-Video ist so das letzte was ich im Laibach-Kontext sehen will lol. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu doof für dieses deepe Satirelevel.

  • Vor 5 Tagen

    Bin kein riesiger Fan. Höre höchstens alle paar Jahre mal was von denen. Hier wird viel über die Form als Ästhetik geschrieben - was ich verstehen kann. Will aber mal hervorheben, dass sie im Grunde alles, woran sie sich bedienen, zutiefst ablehnen. Das ist sehr offensichtlich, und hat mehr von Punk als von Arthouse.

    Deswegen gabs auch nie Zweifelhaftes zu vermelden, kein Schock-Gehabe wie bei Rammstein, die so stümperhaft versuchten, die Laibach-Formel zum Sextouristen-Edgelord-Soundtrack zu verbiegen.

    Allein schon wegen politischer Stabilität und tatsächlichem Hintern in der Hose haben die slowenischen Schlawiner ein paar anerkennende Klopfer auf die Schulterpolster verdient ♥

  • Vor einem Tag

    So, Album war im Briefkasten, kann jetzt endlich eine Meinung abgeben: Finde es großartig. Nicht ganz so wie Opus Dei oder Nova Akropola (mein Über-Laibach-Album), aber dennoch auf einem Level mit WAT oder Spectre. Songs wie Musick, Singularity oder Allgorhythm gehen sowas von ins Ohr, dass man den mahnenden Unterton schnell vergessen kann - ein Glanzstück, so wie man es von Laibach kennt und erwartet. Allgemein ist hier sehr starker und teilweise harter Tobak verarbeitet und das können die vier aus Slowenien super. Die Musik an sich ist tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig für mich: ich kenne mich mit Pop und K-Pop und Dance nicht sonderlich aus, aber es klingt nichts blechern oder billig nach Plastik-Synthies. Klare 4/5 von mir. Mein Favorit auf dem Album ist, seltsamerweise, "Das Göttliche Kind" ... Großartige AI-Kritik.