laut.de-Kritik
Ich bin die Sonne.
Review von Alex Klug"This album sounds like djent, but it's post-metal", schrieb eine Comic-Sans-Doge-Meme-Seite vor nicht allzu langer Zeit. Und auch an anderer Stelle ist mir das vierte Lantlôs-Album in den letzten Jahren wieder begegnet: Als empörter Kommentar unter einer Best-of-2010er-Liste, mit dem Hinweis, dass ja wohl eindeutig "Melting Sun" diesen Thron erklommen habe. In einer anderen Welt hätte es das vermutlich auch – und genau diese perfekte, rosarote Welt träumt sich das Album in 41 Minuten selbst zusammen.
"Numb me" lautet das Kernmantra des Openers "Azure Chimes". Um zu verstehen, was es überhaupt zu betäuben gilt, braucht es den Blick zurück: Markus Siegenhorts De-facto-Soloprojekt Lantlôs erscheint 2008 mit einem recht traditionellen Black Metal-Album und klagendem Gastgesang auf der Bildfläche. Der Nachfolger ".neon" reitet bereits der anrollenden Post-Black-Metal-Welle voraus – drei Jahre vor Deafheavens "Sunbather".
Binnen eines Jahres schiebt Siegenhort, der sich in Booklets adoleszent-stilecht "Herbst" nennt, das nihilistische "Agape" hinterher. Wer die Szene 2011 nicht aktiv miterlebt hat, kann sich den damals das Netz flutenden Maelstrom aus identisch klingenden, sich selbst kannibalisierenden, rundum redundanten Mayhem-meets-Mogwai-Kinderzimmeralben kaum vorstellen.
Doch Markus Siegenhort will gar nicht auf Nummer sicher gehen: Er hat dem noch Jahre andauernden Post-Black-Hype bereits seinen Stempel aufgedrückt – und zieht weiter. "Agape" kommt als dunkler Cocktail aus Doom Metal, Kayo Dot-artiger Avantgarde und (dank Alcest-Sänger Neige) depressiver Klagevocals daher. "Agape" ist Verzweiflung, Entfremdung, Nihilismus – und dabei tief in der Realität verwurzelt: Dem Künstler geht es nicht gut.
Als "Melting Sun" dann 2014 erscheint, sind nur zweieinhalb Jahre vergangen – und trotzdem ist das Medium Lantlôs ein ganz anderes: Siegenhort trennt sich im Guten von Sänger Neige, seiner letzten Verbindung zur jugendlichen Black Metal-Vorliebe. Ab sofort steht der Mastermind selbst am Mikrofon – macht sich hörbar vor Welt und Menschen, von denen er sein Haupt auf "Agape" noch Zeile für Zeile abgewendet hat. Wendet sich hin zu sich selbst.
Mit fluffigen, doch glasklaren Slo-Mo-Arpeggios sattelt sich "Azure Chimes" für die Reise ins Licht: "I take the azure ladder into sun colored haze" heißt es da. Aufbruchsstimmung. Mund abputzen, weitermachen. Im Hintergrund zündet Siegenhort doomige, Deftones-huldigende Gitarrenwände, die sich übers frühlingshafte Grundambiente schieben.
In "Cherry Quartz" nimmt die wuchtige Basszerre dann mehrere Anläufe, um sich ihren Weg durch die Seele zu bohren und das Tor zu Kindheitssehnsüchten zu öffnen: "I want to be back / Please take me to the field / Where the sky flows / Into my eyes." Die Gitarren dringen jetzt durch jede Pore ein, süß und dickflüssig wie Ahornsirup. Dazwischen: Bendings voller Wehmut und melodische Spielereien, die "Melting Sun" um das schon auf "Agape" geschätzte Quäntchen Jazz bereichern – vermeintlich falsche Noten als Desorientierung.
Doch Progression muss von innen kommen – eine Erkenntnis, die zu "Aquamarine Towers" endgültig durchdringt: "I've seen you / I've been through the sun". Für einen Moment haben die Gitarren Sendepause. Drummer Felix Wylezik liefert sich mit Siegenhort am Bass ein vertracktes Rhythmus-Battle. Im Hintergrund: Pure Trance, als schwebte das ganze Schiff auf einer großen Vaporwave-Wolke. Es klingt nach Unmengen von Synthesizern – obwohl es nicht selten manipulierte Gitarren sind. "Meine Magic ist im Studio", sagte Siegenhort 2025 – oh ja, man hört es.
Zu "Jade Fields" dringt der Djent-Sound noch einmal deutlicher durch. Nur logisch: Jetzt reißt "Melting Sun" endgültig auf. "I am the sun" – Selbstauflösung als Heilung, Einswerdung als Akzeptanz. Dahinter: Ein kaum identifizierbares, aber süchtig machendes Psychedelia-Konglomerat zwischen Gesang, Synths, Gitarren und singender Säge. "Jade Fields" zeichnet das Artwork mit Frequenzen nach: Das Licht bricht durchs Auge, während Körper und Geist beginnen, sich aufzulösen.
Doch bis dahin ist noch eine letzte Herausforderung zu meistern: Die Aussöhnung mit der Vergangenheit. "Oneironaut" leitet hinüber in eine andere Welt, in die Welt des Klarträumens, die früheste Kindheitstage erlebbar macht. Auch hier: Außer halligen Jazzbesen und warmem Flüstern ist kaum ein Instrument einzeln auszumachen – und doch ist der Track wohl eines der schönsten aufgenommenen Ambient-Interludien überhaupt.
Schließlich "Golden Mind": Ein Gitarrensound, für den ein ganzes Subgenre seine Effektpedale opfern würde, ein Delay, der bis ins 22. Jahrhundert hallen wird und endlich die Erkenntnis: "I was so young / Had so much to feel." Rückwärts geht der Weg nun in eine Zeit vor Schmerz und Weltabgewandtheit, zurück zu Kirschbäumen, flüssigem Gold und violetter Glückseligkeit.
Mit seiner finalen, simpelsten und effektivsten Gesangsmelodie trägt Siegenhort den Song im finalen Drittel über die Zielgerade: Mit ätherischem Hauchen und alle Synapsen überspulenden Gitarrenwänden wird endlich alles eins mit der Welt aus pinker Zuckerwatte. Es ist die vollkommene Erlösung dieses Augenblicks, die unterstreicht, von was für einem verdammt düsteren Ort aus diese Reise eigentlich gestartet ist.
"Melting Sun" ist die zweite Seite einer Medaille, "ein Album über Luft, Leichtigkeit, Drugs, Sonne, Honig", wie Siegenhort 2025 selbst sagt. Dass man die instrumentale Schwere dieses Werks völlig vergisst, ist der Kern seiner Studio-Magie: Denn der Gegenpol, die unfassbare Ambience ist seit 2014 schlichtweg unerreicht.
Mit "Melting Sun" schließt Markus Siegenhort die klassische Lantlôs-Phase ab: Ambientoides, Death-Metallisches, Elektronisches lebt er später in Nebenprojekten aus. "Wildhund", das sieben Jahre später erscheinende Album seines Mutterschiffs schraubt den Deftones-Anteil noch mal ein ganzes Stück hoch. Klar, nur wer sich ändert, bleibt sich treu.
Die beachtlichste Metamorphose aber bleibt die zwischen "Agape" und "Melting Sun". Sie funktioniert mehr über Selbstentkopplung als über Selbstakzeptanz, mehr über Perspektiv- denn über Genrewechsel. Und auch, wenn man das alles für ganz großen melodramatischen und pseudophilosophischen Nonsens hält, ist "Melting Sun" einfach ein fantastisches Album. Nicht in vielen, sondern in wirklich allen bunten Farben.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


1 Kommentar
Da fehlt mittlerweile ein Album auf dem Künstlerprofil, kommt bald auch noch ein weiteres raus. Leider ist er an Melting Sun nicht mehr rangekommen, hat aus seinem eigenen Stil etwas merkwürdig generisches gemacht.