laut.de-Kritik
Klangschalen-Rap einer einstigen Urgewalt.
Review von Christian Schmitz-LinnartzDas Leben, das Megaloh 2025 führt, hat beim einst selbst ernannten Sprachrohr der Straße nur noch wenig mit derselben zu tun. Der Mann, der bei EMI Music Publishing als Toplinewriter und Vocalcoach unter Vertrag steht, weckt eher Assoziationen mit Pediküre und Champagner, als dass er noch Tuchfühlung mit der arbeitenden Bevölkerung, Drogensucht oder psychischen Leiden hätte. Zumindest thematisiert er dies nicht.
Und es sei dem Rapper fraglos gegönnt, doch stellt sich die Frage, welche Inhalte, Themen und Punchlines er auf dem neuen Werk so noch bedienen kann. Lass dich an den eigenen Werten messen, in denen Rap das Sprachrohr der Straße ist, und gib uns irgendetwas, das nach Bodenhaftung riecht. Hat "Schwarzer Lotus" in dieser Hinsicht etwas zu bieten?
Das Intro/der Opener "Unerbittlicher Affe" thematisiert einen Kung-Fu-Kampfstil, den Megaloh im zweiten Track mit "eiserner Affe, Metallfingertechnik des Todes" erneut aufgreift. Da könnte die Reise also hingehen: in guter, alter Kampfkunstmanier Bilder in unseren Köpfen erzeugen. Nur folgt wenig später die Zeile: "Ich bin im Office, liebe Kartoffels". Bierernst genommen steht diese sinnbildlich dafür, dass er sich noch immer als Außenseiter der deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachtet. Sollte es hingegen ironisch gemeint sein oder, irgendwie augenzwinkernd, ist es einfach nur schlecht.
Weitere Beispiele gefällig? "Bully" setzt der Banalität die Krone auf: "Mein Flow ist ein Bully so wie Michi Herbig, ich mach' Shorties die Lippen perlich, die Teppiche persisch." Ernst gemeinte Frage: Wen soll das ansprechen? Cui bono? Hooks mit schönen Melodien wie in "Time Out" kann er hingegen gut singen, wohl wahr. Ich schimpfe trotzdem mal weiter, nicht weil ich mag, sondern weil es leider unausweichlich ist.
"Erlöser" erweckt zunächst den Anschein eines leicht esoterisch anmutenden Empowerment-Texts. Das hat schon Thomas D besser hingekriegt. Als wollte Megaloh seinen Pseudo-Hölderlin selbst konterkarieren, kommt diese Zeile: "Unzählige Blondinen, keine war mein Erlöser."
"Die Rapper sind alle hässlich" ist auch so ein hübscher Satz. "All Meine Fehler" beginnt so. Auf diesem Niveau bewegt sich jemand, der jüngst als Samurai des deutschen Raps bezeichnet wurde. Dabei können Megalohs Beats was, keine Frage. Vielleicht auch keine ganz große Kunst für jemanden, der mit Schlüsselgewalt durch die Infrastruktur der Plattenindustrie wandelt.
Doch selbst die druckvollsten wie "Time Out" oder "Dieser Tanz", die ein Busta Rhymes beackern und bespucken würde, dass es eine wahre Freude wäre, entzaubert Megaloh mit Rappen neben dem Beat. Klar, das war schon immer ein von ihm perfektioniertes Stilmittel, aber eben im Wechsel mit tight on-beat. Auf "Schwarzer Lotus" korreliert er jedoch null mit dem Rhythmus, nüscht, nada.
Das Hauptmanko, um es noch mal aufzugreifen, liegt aber inhaltlich: Wem will er damit etwas erzählen? Den Leuten, die mit R.A.G. und anderen klugen Texten in den Neunzigern sozialisiert wurden, wohl kaum. Überhaupt kann man es drehen und wenden wie man will, wenn man denn wohlwollend auf der Suche nach Erleuchtungen, ironischen Anstrichen, Verdrehungen oder schönen Bildern wäre: Man findet nix, wirklich gar nichts.
Die Themen Shaolin und fernöstliche Philosophien thematisierten der Wu-Tang-Clan und I AM schon vor dreißig Jahren, um Geschichten über Stärke, Meditation für den inneren Frieden und Wege der Selbstfindung zu liefern, und alle hatten zugehört: die Straße und die selbsterklärten Intellektuellen. Dem Schwarzen Lotus gelingt hier nichts Neues.
Wagten wir ein Experiment und siedelten diese Platte im Jahre 2005 an, und sagen wir, der Künstler wäre gänzlich unbekannt. Gäbe es Resonanz? Vermutlich keine. Denn es ist die Zeit, als ein krasses Album namens "Im Game" von einem neuen krassen Artist namens "Megaloh" flasht. Da hätte man für "Schwarzer Lotus" keine Zeit.


9 Kommentare mit 25 Antworten
wir streiken jetzt und schreiben keine kommentare mehr und machen adblocker an bis ihr daniel caesar reviewt stimmts leute
Genau!
Bin dabei!
Auf den Kommentarstreik!
Prost!
Wir sollten nur kommentieren
wenn
es absolut nötig
und
obendrein
wirklich unvermeidbar
ist
.
Ihr wisst schon, so wie es das Wiesel macht!
Laut-Redaktion, HÖRT DIE RUFE DES KOMMENTARPÖBELS!
das daniel caesar album ist halt einfach nicht so gut
Ich habe da ganz Anderes gehört. Ich denke vollumfänglich ließe sich das nur im Rahmen einer laut.de-Rezension™ klären.
Rezensent checkt die Platte halt überhaupt nicht. Besser son Rap-Liebhaberding als das x-te generische Major-Projekt ala Regenmacher.
Genau so!
"Nur folgt wenig später die Zeile: "Ich bin im Office, liebe Kartoffels". Bierernst genommen steht diese sinnbildlich dafür, dass er sich noch immer als Außenseiter der deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachtet. Sollte es hingegen ironisch gemeint sein oder, irgendwie augenzwinkernd, ist es einfach nur schlecht."
"Ich liebe Kartoffels" hat doch Florian Wirtz mal in nem Interview gesagt, Stock ausm Arsch bitte.
Sehr negative Rezi, die das Album nicht verdient hat, imo solide dt. Adaption vom Neo Boom-Bap ala Griselda und co, inklusive deutscher Samples.
"[...] mach' Shorties die Lippen perlich, die Teppiche persisch. - Ernst gemeinte Frage: Wen soll das ansprechen?'
Keine Ahnung; vielleicht Leute, die mot Biggie Smalls sozialisiert worden sind? Würde zumindest die Referenzen erklären...
Wenn man das Album um 90° dreht und dann in den Müll schmeißt bekommt man drei Energy-Drinks einer beliebigen Sorte.
Komplett verrückt, wie verfehlt diese Rezension ist. Der Film, den das Album fährt, ist enorm konsistent, es gibt wunderbarste Zeilen in Fülle und es ist eine total eigenständige Liebeserklärung an den oft Drum-freien Shaolinrap von Wu-Tang. @laut.de: Bitte sicherstellen, dass Menschen schreiben, die etwas mehr Verständnis aufbringen. Das hier ist so, wie wenn ich ein Gulasch nach den Maßstäben eines Burgers bewerte.
Schwingsters Bratkartoffeln jeweils dazu und der Maßstab wäre nicht nur einheitlich, sondern auch ergebnisklar.