laut.de-Kritik

Klangschalen-Rap einer einstigen Urgewalt.

Review von

Das Leben, das Megaloh 2025 führt, hat beim einst selbst ernannten Sprachrohr der Straße nur noch wenig mit derselben zu tun. Der Mann, der bei EMI Music Publishing als Toplinewriter und Vocalcoach unter Vertrag steht, weckt eher Assoziationen mit Pediküre und Champagner, als dass er noch Tuchfühlung mit der arbeitenden Bevölkerung, Drogensucht oder psychischen Leiden hätte. Zumindest thematisiert er dies nicht.

Und es sei dem Rapper fraglos gegönnt, doch stellt sich die Frage, welche Inhalte, Themen und Punchlines er auf dem neuen Werk so noch bedienen kann. Lass dich an den eigenen Werten messen, in denen Rap das Sprachrohr der Straße ist, und gib uns irgendetwas, das nach Bodenhaftung riecht. Hat "Schwarzer Lotus" in dieser Hinsicht etwas zu bieten?

Das Intro/der Opener "Unerbittlicher Affe" thematisiert einen Kung-Fu-Kampfstil, den Megaloh im zweiten Track mit "eiserner Affe, Metallfingertechnik des Todes" erneut aufgreift. Da könnte die Reise also hingehen: in guter, alter Kampfkunstmanier Bilder in unseren Köpfen erzeugen. Nur folgt wenig später die Zeile: "Ich bin im Office, liebe Kartoffels". Bierernst genommen steht diese sinnbildlich dafür, dass er sich noch immer als Außenseiter der deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachtet. Sollte es hingegen ironisch gemeint sein oder, irgendwie augenzwinkernd, ist es einfach nur schlecht.

Weitere Beispiele gefällig? "Bully" setzt der Banalität die Krone auf: "Mein Flow ist ein Bully so wie Michi Herbig, ich mach' Shorties die Lippen perlich, die Teppiche persisch." Ernst gemeinte Frage: Wen soll das ansprechen? Cui bono? Hooks mit schönen Melodien wie in "Time Out" kann er hingegen gut singen, wohl wahr. Ich schimpfe trotzdem mal weiter, nicht weil ich mag, sondern weil es leider unausweichlich ist.

"Erlöser" erweckt zunächst den Anschein eines leicht esoterisch anmutenden Empowerment-Texts. Das hat schon Thomas D besser hingekriegt. Als wollte Megaloh seinen Pseudo-Hölderlin selbst konterkarieren, kommt diese Zeile: "Unzählige Blondinen, keine war mein Erlöser."

"Die Rapper sind alle hässlich" ist auch so ein hübscher Satz. "All Meine Fehler" beginnt so. Auf diesem Niveau bewegt sich jemand, der jüngst als Samurai des deutschen Raps bezeichnet wurde. Dabei können Megalohs Beats was, keine Frage. Vielleicht auch keine ganz große Kunst für jemanden, der mit Schlüsselgewalt durch die Infrastruktur der Plattenindustrie wandelt.

Doch selbst die druckvollsten wie "Time Out" oder "Dieser Tanz", die ein Busta Rhymes beackern und bespucken würde, dass es eine wahre Freude wäre, entzaubert Megaloh mit Rappen neben dem Beat. Klar, das war schon immer ein von ihm perfektioniertes Stilmittel, aber eben im Wechsel mit tight on-beat. Auf "Schwarzer Lotus" korreliert er jedoch null mit dem Rhythmus, nüscht, nada.

Das Hauptmanko, um es noch mal aufzugreifen, liegt aber inhaltlich: Wem will er damit etwas erzählen? Den Leuten, die mit R.A.G. und anderen klugen Texten in den Neunzigern sozialisiert wurden, wohl kaum. Überhaupt kann man es drehen und wenden wie man will, wenn man denn wohlwollend auf der Suche nach Erleuchtungen, ironischen Anstrichen, Verdrehungen oder schönen Bildern wäre: Man findet nix, wirklich gar nichts.

Die Themen Shaolin und fernöstliche Philosophien thematisierten der Wu-Tang-Clan und I AM schon vor dreißig Jahren, um Geschichten über Stärke, Meditation für den inneren Frieden und Wege der Selbstfindung zu liefern, und alle hatten zugehört: die Straße und die selbsterklärten Intellektuellen. Dem Schwarzen Lotus gelingt hier nichts Neues.

Wagten wir ein Experiment und siedelten diese Platte im Jahre 2005 an, und sagen wir, der Künstler wäre gänzlich unbekannt. Gäbe es Resonanz? Vermutlich keine. Denn es ist die Zeit, als ein krasses Album namens "Im Game" von einem neuen krassen Artist namens "Megaloh" flasht. Da hätte man für "Schwarzer Lotus" keine Zeit.

Trackliste

  1. 1. Unerbittlicher Affe
  2. 2. Der Orden
  3. 3. Time Out
  4. 4. Erlöser
  5. 5. Bully
  6. 6. Wo Die Wölfe Wohnen
  7. 7. Nichts Wie Bisher
  8. 8. Dieser Tanz
  9. 9. Ding Aus Dem Sumpf
  10. 10. Feenflügel
  11. 11. All Meine Fehler
  12. 12. Geist Von KA
  13. 13. Sohn Des Labyrinths
  14. 14. Himmel Auf

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9 Kommentare mit 25 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    "[...] mach' Shorties die Lippen perlich, die Teppiche persisch. - Ernst gemeinte Frage: Wen soll das ansprechen?'

    Keine Ahnung; vielleicht Leute, die mot Biggie Smalls sozialisiert worden sind? Würde zumindest die Referenzen erklären...

  • Vor 4 Monaten

    Wenn man das Album um 90° dreht und dann in den Müll schmeißt bekommt man drei Energy-Drinks einer beliebigen Sorte.

  • Vor 18 Tagen

    Komplett verrückt, wie verfehlt diese Rezension ist. Der Film, den das Album fährt, ist enorm konsistent, es gibt wunderbarste Zeilen in Fülle und es ist eine total eigenständige Liebeserklärung an den oft Drum-freien Shaolinrap von Wu-Tang. @laut.de: Bitte sicherstellen, dass Menschen schreiben, die etwas mehr Verständnis aufbringen. Das hier ist so, wie wenn ich ein Gulasch nach den Maßstäben eines Burgers bewerte.