Intimer Einblick in die größte Versöhnung der Rockgeschichte. Am stärksten sind die Bilder, die ohne Worte auskommen.
Luzern (an) - "Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal." (Matthäus 18,21 f.)*
Oasis, das ist für viele mehr als nur eine Band. Ihre Konzerte: Gottesdienste. Die Fans: Jünger. Die Brüder: Heilige. Das war in den 90ern so. Und, weit überraschender, es gilt heute mehr denn je. Zumindest vermittelt die gut zweistündige Dokumentation "Oasis: Don't Look Back In Anger" genau das. Oder wie es ein Fan auf den Punkt bringt: "When Oasis broke up it felt like my child had died."
Totgesagte leben bekanntlich länger. Und Oasis, der Mythos, die Sehnsuchtsband der von Krisen geplagten Gesellschaft, feierte mit den Konzerten 2025 nicht nur eine in der Rockgeschichte kaum dagewesene Wiedergeburt, sondern nun auch mit dieser Dokumentation. Im Zentrum steht die Frage der Vergebung. Früh fährt der Film Archivmaterial auf, in dem Noel bekennt, er habe "a character flaw that means I can never forgive ... anyone, ever." Immerhin 15 Jahre hielt er durch, bis im August 2024 die Versöhnung mit seinem Bruder Liam eintrat. Warum ausgerechnet dann? Wer eine Antwort erhofft, wartet bis zum Abspann umsonst.
Anfangs hinterfragt Noel seine Entscheidung zumindest ein wenig. Liam kommt zur Probe, singt die Lieder und verlässt den Raum, ohne sich zu verabschieden. Die Band bleibt ratlos zurück. Ist diese Reunion womöglich ein einziger großer Fehler? Doch Liam ist eben Liam. Unberechenbar. Am 4. Juli 2025, zwanzig Minuten vor dem ersten Konzert im Principality Stadium in Cardiff, ist der Sänger weit und breit nicht zu sehen. Dann stehen Noel und Liamn plötzlich nebeneinander und treten hinaus in den Lärm. Während der gesamten Tournee kommt es zu keinem einzigen Eklat.
Eines wird nicht nur den Zuschauern, sondern auch Noel schnell klar: Der Mann ist nicht mehr der Liam der 90er. Er ist erwachsen geworden. "No more bullshit" ist sein neues Credo. Noel scheint ziemlich beeindruckt: "He'd skip the final rehearsal, then just rock up, grab my hand, and I'm like, 'What the fuck?' And off he goes, sounding like he's 30 years younger. And I'm like, you absolute mad cunt."
Die Magie zwischen den Brüdern zeigt sich nicht bloß auf der Bühne. Das Konkurrenzdenken sei vorbei, findet Noel. Ebenbürtig seien sie heute, der Kontakt enger als je zuvor. Und für Liam habe er ein Wort, das er nie von sich erwartet hätte: "Delightful. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Gibt es in dieser ziemlich kaputten Welt noch so etwas wie ein Happy End, eine Champagne Supernova des Glücks? Genau darauf setzen Autor Steven Knight und die Regisseure Will Lovelace und Dylan Southern.
Singen, trinken, weinen
Sie zeigen Sehnsuchtsorte mit Oasis-Fans, an denen für zwei Stunden der Scheißdreck des Alltags einfach mal draußen bleibt. Das packt nicht nur die Leute im Stadion, sondern sichtlich auch die Musiker selbst. Spätestens als Noel zugibt, dass er sich während der Tour mehrmals vom Publikum abwenden musste, weil ihm die Tränen kamen, wässern sich auch im Kinosaal so manche Augen. "The gravity of it took me by surprise. It knocked me back", so der ältere Bruder.
In "Oasis: Don't Look Back In Anger" reden die Gallaghers so offen über ihre Beziehung wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Am stärksten wirken aber die Bilder, die ohne große Worte auskommen. 90.000 Fans im Londoner Wembley, die sich in den Armen liegen. Singend, trinkend, weinend vor Glück. Und genau dort liegt die Antwort auf das Warum: Es gibt keine. Versöhnt wurde nicht am Küchentisch, sondern auf der Bühne. "And things were forgiven without saying a word", so Noel. Amen. Bruder. Amen.
*Vorgelesen wird die Stelle von einem Pastor in der St Bernard's Church in Burnage, gleich gegenüber der alten Grundschule von Noel und Liam Gallagher.
Am 14. September hat die Band neue Tourdaten für 2027 bekannt gegeben.


































3 Kommentare mit 2 Antworten
Habe ihn letzten Donnerstag im Kino gesehen und war überrascht davon, wie krass mich das berührt hat, als die Emotionen bei den Fans ab der zweiten Hälfte des Films einfach nur explodiert sind und das auch sehr schön eingefangen wurde. Musste wirklich oft die Zähne zusammenbeißen, so glückselig waren die Leute.
Erfahren hat man (glaube ich, bin jetzt kein Riesenfan) so gut wie nichts neues, aber es waren sehr unterhaltsame und emotionale zwei Stunden.
Einerseits könnte die Band neben ihrem Magnum Opus "What's the Story" nur noch einen LP mit gutem Songmaterial füllen. Andererseits haben die Brüder es verstanden, ihren Fans die perfekte Rock&Roll-Karotte vor den Karren zu spannen. Allerlei Gepolter, Gepöbel, billiges Drama. Und trotz allen Geteases, dass man hinter diesem trolligen Schauspiel aus Klischees vielleicht mehr über die Geschwister erfahren könnte als "die sind eben Arschlöcher", bleibt das komplett aus. Die perfekte PR-Image-Kampagne mit einer Mystery Box™, und sie wird bestimmt ewig weiter funktionieren.
Häh. Das erste Album war auch voller Hits.
Bis auf "Slide Away" würde ich den Rest sofort wegwerfen. War ein eigenständiger, damals unüblicher Sound, und deswegen sind sie durchgestartet. Die Songs sind eher meh. Der Nachfolger war ein massiver Sprung in Sachen Songwriting, imho.
....für mich, der zu den Glücklichen gehörte, am ersten Abend mit im Heaton Park gewesen zu sein, war der Film ein echter Flashback meiner Gefühle des Juli 25.
Die 2 Stunden vergingen wie im Fluge und die eingefangenen Bilder sind ein echter Knaller!
Ich hoffe auf einen Director´s Cut:
„The first cut was four and a half hours, and we didn't know where to cut.“ gaben immerhin die Regisseure nach dem ersten Rohschnitt zum Besten....