laut.de-Kritik

Die Kanadier sind immer noch auf Identitätssuche.

Review von

Seit über 30 Jahren versuchen die kanadischen Bombast-Rocker von Nickelback, es allen recht zu machen und wirklich jeden an den Tisch zu bekommen. Mit dieser Strategie fuhren Chad Kroeger und Co. bisher auch ziemlich gut. Mit mehr als 50 Millionen verkauften Tonträgern steht der Vierer ziemlich weit oben auf der Liste der erfolgreichsten Rockbands. Auf ihrem elften Studioalbum "Everything Under The Sun" geht die muntere Reise quer durch alle Stimmungswelten ungebremst weiter.

Sobald alle angeschnallt sind, geht's mit dem eröffnenden "Rattle The Cage" auch schon in die Vollen. Mit schneidenden Riffs, bretternden Drums aus der FFDP-Schmiede und eingestreuter Solo-Deko aus dem Hause John 5 hauen Nickelback mal eben alles kurz und klein. Gewohnt wuchtig und bombastisch präsentiert sich die Combo als metallische Einheit, der man lieber nicht ans Bein pinkeln sollte.

Die eben noch durch den Effektfleischwolf gedrehte Stimme von Frontmann Chad Kroeger erklingt zu Beginn des anschließenden "Bones For The Crows" gänzlich unbehandelt und rein. Aus kernigem Metal wird cineastischer Radiorock. Soundflächen breiten sich aus und im Hintergrund türmen sich opulente Schlagzeugrhythmen, als wären die Produzenten von Florence And The Machine am Werk. Zum Refrain gesellen sich erneut harte Gitarrenriffs dazu. Vom fünften geht's in den vierten Gang zurück. Und direkt im Anschluss auf die rechte Fahrspur.

"I Already Know" weiß nicht so richtig, wo es hin soll. Ist das noch Rock? Stößt man hier mit viel Plüsch verzierte Singer/Songwriter-Türen auf? Mit dem etwas düsteren "Leave Me Behind" schlägt die Band in dieselbe schwammige Kerbe. Mehr Hall geht nicht mehr. Die mittlerweile im Hintergrund pumpenden Drums lassen sich kaum noch orten. Die Soundwände werden immer breiter. Und ganz vorne thront eine Stimme, die verzweifelt nach der Harmonie sucht, die den Unterschied macht.

Mit "If I Don't Go" trifft Chad Kroger dann endlich mal ins Schwarze. In den kargen Badlands hinter Alberta geht plötzlich die Sonne auf. Wahlweise mit dem Huftier oder dem Cabrio macht man sich zu melodiösem Radio-Poprock auf in Richtung Sonnenuntergang.

Die kleine "How You Remind Me"-Schwester "Make Me Love You" geht sofort ins Ohr und verwandelt jedes Wartezimmer in eine Wohlfühloase. Mit Beginn der zweiten Albumhälfte kommen zwar die Gitarren zurück ("Chasin' Famous"). Aber im Verbund mit Gesangstrukturen, die ein Nico Santos nicht fescher hätte arrangieren können, klingt das alles doch ziemlich seltsam und befremdlich.

Der schunkelnde "Simple Song" setzt noch einen drauf. Alle Arme gehen von links nach rechts. Schon krass, wie sich eine Band innerhalb von einer halben Stunde verwandeln kann. Der Entpuppungsprozess ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Mit dem Dampfboot geht es nach Hawaii ("Technicolor Steamboat"). Das unaufgeregte "Lift Somebody Up" fungiert als klassischer Filler. Mit dem groovenden "Bottled Dreams" lassen Nickelback noch einmal aufhorchen. Aber die Freude über die zurückgewonnene Schubkraft währt nicht lange. Zeitgemäße Effekthascherei macht schließlich den Deckel drauf ("Last Night Was Fun").

Am Ende muss man der Band eins lassen: Nickelback probieren sich aus. Langweilig ist "Everything Under The Sun" definitiv nicht. Zwischen Songs wie "Rattle The Cage" und "Last Night Was Fun" liegen soundtechnisch Welten. So viel Abwechslung darf gelobt werden, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem großen Ganzen einfach an Überzeugung und Entschlossenheit fehlt.

Man merkt einfach zu oft, dass die Band am liebsten alle Hörer ins Boot holen würde. Das ist an sich kein verwerflicher Ansatz. Nur läuft man mit solch einer Strategie Gefahr, dass die eigene Identität irgendwann auf der Strecke bleibt.

Trackliste

  1. 1. Rattle The Cage
  2. 2. Bones For The Crows
  3. 3. I Already Know
  4. 4. Leave Me Behind
  5. 5. If I Don't Go
  6. 6. Make Me Love You
  7. 7. Chasin' Famous
  8. 8. Simple Song
  9. 9. Technicolor Steamboat
  10. 10. Lift Somebody Up
  11. 11. Bottled Dreams
  12. 12. Last Night Was Fun

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LAUT.DE-PORTRÄT Nickelback

Vancouver, Kanada, 1996. Hier arbeitet Mike Kroeger in einem Starbucks Café. Nebeher spielt er mit Ryan Peake, Ryan Vikedal und seinem Bruder Chad Kroeger …

18 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 11 Stunden

    Rein musikalisch betrachtet ist der Unterschied zwischen dem Spätwerk beider Bands marginal. Beide liefern absolut soliden, konservativen Mainstream-Rock für große Arenen. Der eigentliche Unterschied liegt fast ausschließlich im Storytelling, der Sympathie und der Herkunft der Frontmänner.
    Möchtest du, dass wir bestimmte Alben der letzten 15 Jahre von beiden Bands direkt miteinander vergleichen, oder interessiert dich, wie Nickelback selbst mit diesem ewigen Stigma umgegangen ist?

    • Vor 10 Stunden

      Dieser Kommentar wurde vor 9 Stunden durch den Autor entfernt.

    • Vor 9 Stunden

      Am Ende bleibt es eine Frage des Images: Während Dave Grohl den Mainstream-Rock cool wirken lässt, legten Nickelback durch unglückliche Ästhetik, Haarschnitte und Texte den Grundstein für das erste globale Online-Mobbing der Musikgeschichte.
      Suchst du nach einer Alben-Empfehlung, bei der eine der beiden Bands doch mal aus ihrer Komfortzone ausgebrochen ist, oder möchtest du wissen, welches Nickelback-Album den Hass damals so richtig losgetreten hat?

    • Vor 7 Stunden

      Das ist Musik für Leute, die beim Autofahren Angst vor Kurven haben. Alles geradeaus, alles stumpf, alles mit dem großen Vorschlaghammer der Gefälligkeit reingeprügelt.

    • Vor 2 Stunden

      Chattie, Du auch hier :-)?

    • Vor 33 Minuten

      Nope, ich bin's, Gemini.

    • Vor 13 Minuten

      Dieser Kommentar wurde vor einer Sekunde durch den Autor entfernt.

  • Vor 10 Stunden

    Chad Kroeger ist bekannt für seine markante Frisur und den Kinnbart, während Dave Grohl oft mit seinem lockeren, grunge-inspirierten Look und seiner energiegeladenen Ausstrahlung assoziiert wird.

  • Vor 2 Stunden

    Dank einer gewissen Neigung zum AOR habe ich eigentlich keine Probleme mit der Art Stadionrock, wie sie Nickelback spielen, und ich mochte in jungen Jahren sogar ihr Debüt. Der Versuch, sie doch gut zu finden, scheiterte in den vielen Jahren unter anderem an manch misogynem Hartmacker-Text, dem verkrampften Image - und daran, dass jedes Mal die Hälfte ihrer Alben schlicht Skipmaterial ist. Songs, die mit viel "OOOOHOOOO", WHOOOWHOOOWHOOO" und "HUUUUHUUUUHUUU" die ganz große Geste versuchen, aber schlicht kalkuliert und erzwungen wirken. Es gibt immer wieder auch gute Songs auf ihren Alben, aber eben viel Material, das tendenziell Zahnschmerzen erzeugt. Sie kommen außerdem aus einer Zeit, in der Grunge komplett zu einem Sellout-Phänomen geworden war: mit Bands wie Puddle of Mudd, Creed oder Staind, die diesen Sound killten. Da kann der Herr Grohl schlicht etwas glaubhafter vermitteln: Hey, ich habe diesen Bums mit losgetreten, ich bin quasi das Original. Zudem ist er schlicht eine Nummer sympathischer, sein Songmaterial stringenter. Aber den Staffelstab als meistgehasste Band der Welt haben Nickelback ja bereits völlig zu Recht an Coldplay, FFDP und Imagine Dragons abgegeben :-).