laut.de-Kritik

ABBA und Stockhausen? Für die Briten keine Widersprüche.

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Befeuert von den Singles "Souvenir" und "Joan Of Arc" machte "Architecture & Morality" OMD 1981 schlagartig bekannt, das Album verkaufte sich weltweit über vier Millionen Mal. Das am 4. März 1983 veröffentlichte "Dazzle Ships" markierte dagegen fast das Ende der Band und fiel bei den Kritikern knallhart durch. Rund 90 Prozent der Anhängerschaft wendeten sich von den Briten ab. Auf lange Sicht war das Album aber seiner Zeit weit voraus und übte Einfluss auf unzählige Künstler aus.

Leichte Kost war die Musik OMDs davor schon nicht, wie die Anti-Kriegs-Hymne "Enola Gay" verdeutlicht. Der Song bezieht sich auf den Bomber, den die USA im 2. Weltkrieg beim Atombombenabwurf in Hiroshima eingesetzt hatten. Dass die Band jedoch auf der Scheibe Technologieverliebtheit mit Themen des Kalten Kriegs und des Ostblocks verband und zudem noch mit Musique Concrète- und Experimental-Versatzstücken daherkam, war für die meisten dann doch zu viel des Guten.

Außerdem hatten OMD beim Entstehungsprozess mit künstlerischen Differenzen, Schreibblockaden und den Erwartungen ihres damaligen Labels Virgin zu kämpfen. Der Albumcloser "Of All The Things We've Made" diente sicherheitshalber als B-Seite von "Maid Of Orleans (The Waltz Of Joan Of Arc)", falls es der letzte Song der Karriere sein sollte.

Gute Gründe für diese Befürchtung gab es, da Mitbegründer und Keyboarder Paul Humphreys nach "Architecture & Morality" geheiratet und sich die einzelnen Mitglieder Häuser und Autos in Wirral gesichert hatten. Warum nicht aufhören, wenn es am schönsten ist? Andererseits stand noch ein Plattendeal für Dindisc offen, so dass man beschloss, anstatt die Segel zu streichen, an neuen Ideen zu werkeln, um die Erwartungen der Fans zu erfüllen.

Dindisc war aber als unabhängige Tochtergesellschaft schnell Geschichte, was Virgin Records auf den Plan rief. Die wiederum verlangten von der Band ein zweites "Architecture & Morality". Die hohen Erwartungshaltungen veranlassten OMD zu einem Kurswandel, was die Entstehung der Platte erst recht kompliziert machen sollte. Erste Aufnahmen verliefen ergebnislos. Als Reaktion auf Kritiken, die die Briten "in neue Bereiche zwangen", klammerte sich die Formation an alte Radioexperimente und entwickelte mit "Dazzle Ships" und "Radio Prague" zwei experimentelle Soundcollagen.

Im "Grammophone Suite"-Studio in Liverpool sortierten sie ihren Instrumentenbestand neu und machten sich zum ersten Mal mit dem E-mu Emulator vertraut, der die Türe zum Sampling weit aufstieß. In Kalifornien nahm sich die Band eine mehrwöchige Auszeit, um Ideen zu sammeln, jedoch ohne Erfolg. Ein weiteres "Enola Gay" oder "Maid Of Orleans (The Waltz Of Joan Of Arc)" wollte den Briten einfach nicht einfallen. Als Reaktion nahmen OMD "Of All The Things We've Made" mit auf das Album und ließen "Radio Waves" wieder aufleben, das noch von der Vorgängerband The Id stammt. Die "Joan Of Arc"-B-Seite "The Romance Of The Telescope (Unfinished)" mischte man lediglich neu ab, so dass eine endgültige Version für die Platte vorlag.

Weiterhin hatten Kritiker die Band ermutigt, sich politisch mehr zu positionieren. In diesem Sinne dienten Kurzwellenaufnahmen dazu, Themen des Kalten Krieges und des Ostblocks Ausdruck zu verleihen, während die Briten zwischen stimmungsvollen Pop-Songs und Klanglandschaften im Musique Concrète-Stil hin- und herpendelten. So langsam fragte sich das Label: "Wollt ihr ABBA oder [Karlheinz] Stockhausen sein?" OMD antworteten nüchtern: "Geht nicht beides zugleich?"

Auf der Suche nach weiterer Inspiration begab sich die Formation in Phil Manzaneras "White House" in Chertsey (später "Gallery Studios") und gewann Rhett Davies als Produzenten. Es kam jedoch zu Streitigkeiten, und die Stimmung in der Band fiel in den Keller. Keyboarder Martin Cooper und Drummer Malcolm Holmes konnten mit dem samplebasierten Ansatz der Platte kaum etwas anfangen, so dass der musikalische Beitrag der beiden für das Album überschaubar ausfällt. Eher vertraute man darauf, dass Sänger und Ideengeber Andy McCluskey sowie Melodienmacher Humphreys genau wussten, was sie taten.

Einen Teil der Scheibe nahmen die Briten noch im Londoner Mayfair auf. Um den Status OMDs als unabhängige Band aufrechtzuerhalten, veröffentlichte Virgin die Platte auf seinem Unterlabel Telegraph.

"Radio Prague" leitet das Album mit der Erkennungs-Melodie des gleichnamigen Kurzwellensenders ein. Das geradlinige und von roboterartigen Spoken Word-Tönen durchzogene "Genetic Engineering" handelt von Gentechnik und versprüht mit dem Gesang McCluskeys etwas nahezu Beschwingtes. Dabei betont die Band die positiven Möglichkeiten, die sich mit der Gentechnik ergeben könnten, ruft aber auch zur Wachsamkeit auf.

Bei "ABC Auto-Industry" handelt es sich um eine von Pauken und Samples geprägte, kindlich verspielte Klangcollage im Syd Barrett-Stil, die die monotone Massenproduktion von Autos am Fließband nachbildet. "Telegraph" stellt eine Liebeserklärung an die Telegrafie dar, verpackt in überschwängliche, fast schon naive Melodien, bildet aber noch ein Überbleibsel aus den "Architecture & Morality"-Sessions. Eine Aufnahme von Radio Prag hört man wieder im Punk- und New Wave-inspirierten "This Is Helena". Radiosamples prägen auch "International", das wie ein elektronischer Walzer anmutet, dominiert von McCluskeys ausdrucksstarken Vocals.

"Dazzle Ships (Parts II, III And VII)" stellt mit an U-Boote und Kriegsschiffe erinnernden, harten Tönen Hörgewohnheiten auf die Probe. Mit schummrigen, wavigen Sounds und romantischem Gesang setzen OMD in "The Romance Of The Telescope" der Astronomie ein musikalisches Denkmal. In eine ähnlich wavige Richtung geht "Silent Running", das das U-Boot-Thema von "Dazzle Ships (Parts II, III And VII)" wieder aufgreift. "Radio Waves" treibt dagegen rockig nach vorne und lässt inhaltlich an "Radioaktivität" von Kraftwerk denken, das das Album auch wesentlich beeinflusst hat. "Time Zones" bildet eine kurze Montage von Zeitansagen in unterschiedlichen Sprachen, darunter auch Deutsch.

"Of All The Things We've Made" besteht lediglich aus sich wiederholenden Gitarren- und Trommeltönen, Piano-Einsprengseln und einem sanft gesungenen Vierzeiler, mit dem die Band auf das zurückblickt, was die Menschheit geleistet hat. Mehr braucht der Song aber auch nicht, um sein melancholisches Potential vollends zu entfalten. Der Paranoia des Kalten Krieges setzen die Briten mit der Nummer etwas Warmes, zutiefst Menschliches entgegen, wobei eine unterschwellige Trauer über die kriegerisch aufgeladene Stimmung während der Ära Margaret Thatchers in Großbritannien mitschwingt. Die pazifistisch geprägte Botschaft fand nur wenig Gehör, setzte die Platte nur rund 300.000 verkaufte Einheiten ab.

Nach dem Release von "Dazzle Ships" beklagte Humphreys, dass "die guten Songs" auf der Platte "in der Gesamtpräsentation untergingen". McCluskey übernahm einen Großteil der Verantwortung und fügte hinzu: "Als dem Ideengeber die Ideen ausgingen, gab es für den Melodienmacher nichts mehr, woran er arbeiten konnte." Als Reaktion wandte sich die Band auf den Folgelaben gefälligeren, mainstreamigeren Tönen zu. Jim Reid vom Record Mirror bezeichnete die Scheibe als "schlimmste Sorte von futuristischem Unsinn".

Erst mit den Neuveröffentlichungen ab der Jahrtausendwende änderten Kritiker und die Formation selbst ihre Meinung. Tom Ewing von Pitchfork schrieb 2008: "Glücklicherweise braucht man keine rebellische Ader, um es zu lieben ... Die Geschichte hat ihren eigenen Remix von 'Dazzle Ships' erstellt, und das Ergebnis ist ein reichhaltigeres, konsistenteres Album, als es sich 1983 irgendjemand hätte vorstellen können." Mit der Comeback-Platte "History Of Modern" begannen OMD 2010 auch wieder, Pop und Avantgarde miteinander in Einklang zu bringen.

2023 schreibt Martin Gray in Louder Than Sound, dass "Dazzle Ships" schlussendlich "seine verspätete und wohlverdiente Anerkennung als kleines, unbekanntes Meisterwerk erhalten hat". Er sah in dem Album auch einen Vorläufer für die weit verbreitete Nutzung von Sampling, woran KiD CuDis Track "Simple As…" von 2009 erinnert, das ein Sample von "ABC Auto-Industry" enthält.

Auch andere Acts hatten das Potential der Scheibe erkannt. Saint Etienne nahmen sich die Platte als Vorbild für ihr 1991er-Debüt "Foxbase Alpha". Arcade Fire nannten das Werk einen "kreativen Impuls". Sängerin Anohni habe das Album "wirklich verändert". Die Technik-Verliebtheit der Briten beeinflusste auch zahlreiche Dance-Acts wie Terre Thaemlitz. Live haben OMD den Longplayer die letzten Jahre mehrmals in voller Länge gespielt, wovon auch Mitschnitte existieren, etwa aus der Londoner Albert Hall.

Letzten Endes reiht sich "Dazzle Ships" in einer Reihe großer Platten wie das selbstbetitelte Debüt von The Velvet Underground & Nico oder "Paul's Boutique" von den Beastie Boys ein, die zunächst kommerziell floppten, deren Einfluss und Kultstatus man aber später doch erkannt hat.

Dass die Scheibe auf einige B-Seiten und frühere Überbleibsel zurückgriff: vielleicht nicht die innovativste, aber eine richtige Entscheidung, stellen sie doch ein melodisches und oftmals gefühlsbetontes Gegengewicht zur kühlen, geradezu beklemmenden Atmosphäre einiger anderer Tracks dar. Oftmals schwingen zwischen den Zeilen Bedenken mit, in welche Richtung sich die Menschheit bewegt. OMD malen die Welt aber nicht schwarz. Das Ruder lässt sich noch zum Guten herumreißen, sofern sich der Homo Sapiens überwiegend darauf besinnt, Technologie im produktiven und positiven statt im zerstörerischen Sinne zu nutzen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Radio Prague
  2. 2. Genetic Engineering
  3. 3. ABC Auto-Industry
  4. 4. Telegraph
  5. 5. This Is Helena
  6. 6. International
  7. 7. Dazzle Ships (Parts II, III And VII)
  8. 8. The Romance Of The Telescope
  9. 9. Silent Running
  10. 10. Radio Waves
  11. 11. Time Zones
  12. 12. Of All The Things We've Made

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