laut.de-Kritik

Manchmal wäre strengere Kontrolle besser.

Review von

Irgendwie ist uns das 2022er-Album "How Do You Burn?" von The Afghan Whigs durchgerutscht. So richtig verpasst hat man irgendwie alles und nichts. Das Album ist ein Whigs-Album, wie die nach dem Comeback 2021 so waren: hochqualitativ und im abgesteckten, bewährten Bandrahmen. Allerdings war es relativ sauber produziert, der Soul-Anteil dadurch im Gemisch schon gefühlt gewichtiger als die Alternative-Grundlage. Jetzt sind schon wieder vier Jahre verstrichen bis zu "Soft Control".

"Duvateen" ist einer dieser prototypischen Whigs-Song mit seinem souligen Aufbau und der langen Wall-Of-Sound-Phase, in der das nun schon 61 Jahre zählende Schlachtriss Greg Dulli abgeht wie ein Zäpfchen und gegen Gitarrenwände ansingt, wie es nur wenige können. Das sitzt wie eine Eins, zumal die sanfte Kontrolle insgesamt ein wenig mehr raue Oberfläche in der Produktion abbekommen hat als der Vorgänger. Der Dulli-Schmachtfetzen darf nicht fehlen: "The Deepest Part Of The Darkest Shadow" setzt den Meister gekonnt in Szene, während er sich zu auf dem Papier gar nicht einmal so tiefen Gedanken windet, flüstert, beschwört und krächzt.

Der Beginn der Platte gerät eh gelungen: "Jungle Roux" könnten nur wenige so vortragen, dass der Alt-Grunge-Soul mit seinem nie enden wollenden Refrain nicht auf die Nerven geht. Zwar zeigt gerade der Schluss, dass Dulli den Track ruhig noch weiterentwickeln hätte dürfen, aber dieser Mix aus kantiger Gitarre und souligen Unterbrechungen kommt dem USP der Band nahe. "House Of I" greift mit seinem Rock am weitesten zurück in die Bandgeschichte – der Ausflug steht der Altherrentruppe sehr gut, auch wenn die mangelnden Ideen in der zweiten Songhälfte nicht zur breitbeinigen Ansage der ersten passen.

Leider hängt die zweite Hälfte von "Soft Control" deutlich durch, und das liegt nicht daran, dass der Sound allzu altbekannt ausfällt. Immer neue Schwärme von Geigen verkleben das ewige Gejauchze von "Mariah Luster", bis man sich im akustischen Sonnentau wähnt. "77" führt nirgends hin; Gitarre und der ziellos skandierende Hintergrundchor scheinen sich aneinander anlehnen zu wollen wie zwei Betrunkene, bis Dulli beide umstößt, um entschlossen in die falsche Richtung zu laufen. Fast schon eine Persiflage auf den Bandsound.

"Memphis, Texas" schafft es nie, Tiefe zu entwickeln und bleibt irgendwo im Pop-Grunge hängen, der ohne Mundharmonika noch uninteressanter ausgefallen wäre – die aber nach ihrem ersten Einsatz viel zu lange nicht wiederkommt. Dieses Trio ist nicht unmotiviert vorgetragen, aber kompositorisch unrund. "Loose Talk" beendet den schwachen Reigen keinesfalls, wobei hier der völlig missglückte, druckfreie Refrain die Schuld trägt. Alles ist nach vorne gemischt, nichts ist präsent, ein unkenntlicher Brei, der keine Dringlichkeit entfaltet und viel zu oft ran muss, als würde es dann besser.

"A Simulation" beendet die Scheibe versöhnlich mit einem Track, wie Dulli ihn gerne an das Ende seiner Platten stellt. Dem Grunde nach ein Schmachtfetzen, lässt sich aber Zeit und hat tatsächlich einen konsistenten Aufbau, der Melodie und Tiefe zum richtigen Punkt einführt; da erfüllen selbst die Geigen ihren wohldosierten Zweck und die vermittelte Dringlichkeit passt zu der des Sängers Stimme. Es könnte alles so schön sein.

Trackliste

  1. 1. Jungle Roux
  2. 2. House Of I
  3. 3. Duvateen
  4. 4. My Lover
  5. 5. The Deepest Part Of The Darkest Shadow
  6. 6. Mariah Luster
  7. 7. Memphis, Texas
  8. 8. 77
  9. 9. Loose Talk
  10. 10. A Simulation

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2 Kommentare

  • Vor 5 Tagen

    Muss der Rezension leider zustimmen. Irgendwie ein wenig lustlos.

  • Vor einem Tag

    Gute Review! Dem Album geht nach dem guten Anfang leider wirklich ein wenig die Luft aus. Da ist jetzt kein schlechter Song drauf, aber der zweiten Hälfte fehlen die Dringlichkeit und die Details, um davon abzulenken, dass man das von der Band schon in besser kennt.
    My Lover ist trotzdem ein Hit und ein Meilenstein für die Black Love wäre etwas, das mich sehr freuen würde.