Porträt

laut.de-Biographie

The Style Council

Es war nicht immer ein Spaß, Mitglied des Stil-Rates zu sein. The Style Council beherrschten viele Stile und experimentierten dabei auch mit Streichern, die eigentlich nicht Teil des Quartetts waren. "Wir hatten diese Session-Musiker bei 'Shout To The Top', die als das Non-Plus-Ultra des Geigenspiels gehandelt wurden, und sie waren fucking mies. Sie waren nicht einmal halb so gut, wie das, wofür sie sich hielten, und sie waren so arrogant. Sie spielten schon beim ersten Take daneben ohne es zu merken" schimpft Paul Weller im Fach-Blog Muzines.

The Style Council - Café Bleu Aktuelles Album
The Style Council Café Bleu
Drastische Texte und einige der großartigsten Hymnen der Achtziger.

Als Singer/Songwriter war er von The Jam gekommen - einer der Prototyp-Bands für 90er-Britpop, bereits Ende der 70er. Markenzeichen von The Jam waren ihre sezierenden Beobachtungen der britischen Gesellschaft, insbesondere von Piefigkeit und Raffgier im metropolitanen Milieu. Zu den intellektuellen Texten hätte angejazzte Musik gepasst, war aber laut Weller innerhalb der Band nicht durchsetzbar. Eine Benefiz-Veranstaltung im Jahr 1983 bringt ihn mit Mick Talbot zusammen, zeitweilig Tastenspieler der Dexys Midnight Runners. "Er arrangiert Bläser und Keyboards und sowas", grenzt Paul die Aufgabenverteilung ab und kümmert sich selbst um die politischen Lyrics.

Wellers neue Stücke sind oft gewerkschaftsnah, beispielsweise "Soul Deep" und jenes "Shout To The Top". Sie attackieren die 'Eiserne Lady', Margaret Thatcher, immer wieder, lenken den Blick auf von ihr zementierte oder überhaupt erst eingeführte Strukturen. Namentlich nennt der Songwriter die Regierungschefin in "Life At A Top Peoples Health Farm". Sie prägt ab den späten Siebzigern das UK mit einer erbarmungslosen Austeritätspolitik, das heißt dem Rückzug des Staates aus zahlreichen ihm angestammten Aufgaben in Infrastruktur, Trinkwasser, Verkehr, Telekommunikation und Gesundheitswesen. Thatcher sorgt für einen schlechten Ruf der englischen - nunmehr - aufgespaltenen British Rail und der sukzessive privat(isiert)en Zugunternehmen, die dann die Insel mehr und mehr unter sich aufteilen, und für die Aushöhlung des NHS, National Health Service. Profite werden gemacht, aber nur für wenige, ätzt Weller 1988 in "All Gone Away": "And greedy hands rub together again / shipping out the profits that they've stolen."

Wachsende Massenarbeitslosigkeit in einst florierenden Bergarbeiter-Städtchen und grassierende Perspektivlosigkeit ignoriert 'Maggie', wie Weller bereits bei The Jam in "A Town Called Malice" sarkastisch andeutet. "Genau die Leute, die in der Grube arbeiteten und das Land am Laufen hielten, denen zieht auf einmal die Met Police eine über den Kopf", urteilt Weller in der Zeitschrift Mojo über den angeordneten Polizei-Widerstand gegen Kohle-Arbeiterstreiks im Raum Sheffield. Auch U2, Chumbawamba oder die Manic Street Preachers kommen im Laufe der Jahre auf die fehlende Solidarität der Regierung mit den Bergwerker-Familien zu sprechen, Style Council erkennen das Thema früh. Gegen den Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland und deren Einwanderung in Dienstleistungsberufe erlässt Thatcher derweil ein striktes Gesetzespaket. "If your eyes see deeper than the colour of your skin (...) stand proud as an internationalist" claimen die Style Council daraufhin in "Internationalists". Es ist unter anderem eine Reaktion darauf, dass Thatcher ganz ungeniert bei einem Treffen mit Helmut Kohl öffentlich gegen Gastarbeiter:innen in der BRD hetzt.

"Christians by day, killers in war / The hypocrites who know what they're fighting for (...) but they're too old to go / so they send the youth" kommentieren Style Council den Falklands-Krieg im Stück "Money-Go-Round", einer Abrechnung mit Oligarchie, Kolonialismus und Neoliberalismus. In "A Stones-Throw Away" kritisiert die Gruppe fehlende Menschlichkeit in Südafrika, wo unter Billigung der englischen Verwaltung Arbeiter im Apartheid-Regime wie Dreck behandelt werden. - "But we don't get the choice of a public referendum / on all the real issues that affect our lives", mit diesen Worten spricht die Band der Premierministerin die demokratische Legitimation für ihren harten Kurs ab. "Für uns war 1983 schon das Jahr der Entscheidung: Die Leute im UK bestätigten Thatcher im Amt", ordnen die Liner Notes der Band auf ihrer Debüt-EP "Introducing The Style Council" ein. Sie sind eine Gruppe, die sich gezielt für ein gesellschaftliches Anliegen gründet, das sie dann auf all ihren Platten durch exerziert.

"Ich würde die Ansicht teilen, dass viele der politischeren Lieder etwa auf 'Our Favourite Shop' noch 35 Jahre später einen Nerv treffen", analysiert Keyboarder Talbot im Blog Gigslutz. "Trauriger Weise führt einen das zum Gedanken, wie wenig sich die Dinge doch verändert haben." - Der innenpolitische Bezug auf Insider-Geschichten in Großbritannien mag erklären, weshalb The Style Council in Amerika damals kaum reüssieren. Denn die Texte setzen viel Kenntnis der genaueren Umstände voraus. Speziell die Diskrepanz zwischen Thatchers Law-and-Order-Politik und tatsächlicher Drogenkriminalität im Council-Klassiker "Come To Milton Keynes" ist aus dem Ausland schwer nachvollziehbar, kommen die bissigen Zeilen doch auf geschmeidigem Musikbett daher. Doch viele Statements der Style Council-Lieder wären auch übertragbar und finden sich Jahrzehnte später in den US-Wahlkämpfen von Bernie Sanders im Zuge seiner 'Fight Oligarchy'-Kampagne wieder, so auch die Message von "The Lodgers (Or She Was Only A Shopkeeper's Daughter)". Als allgemeingültige Parabel über Egoismus und Egozentriertheit darf man den Song "Boy Who Cried Wolf" deuten.

Diese textliche Seite beim schon zuvor sozialkritischen Weller geht auch mit seiner musikalischen Rolle als 'Godfather of Mod' einher. Hat die Mod-Bewegung eindeutige Wurzeln im Rhythm-and-Blues und Soul, geht ihm das Ausspielen dieser Stile in der Arbeit bei The Jam zunächst nicht weit genug. Die Gründung von The Style Council bedeutet somit das Ende von The Jam. Für die Band wirbt Paul die Kollegin Dee C Lee von Wham! ab, die Harmonies-Sängerin bei "Club Tropicana". Ihre Eltern stammen von der Karibikinsel Saint Lucia. Style Council setzen damit selber ein Zeichen gegen die in England geschürte Ausländerfeindlichkeit, treten als mixed heritage-Band auf.

Im Laufe der Council-Jahre werden Dee C (Abkürzung für Diane Catherine) und Paul ein privates Paar. Dee C ist selbst auch Songwriterin, veröffentlicht zudem Solo-LPs und zwei Charts-Hits. Ihr großes Vorbild: Chaka Khan! Wer The Jam waren, weiß sie zum Zeitpunkt der ersten Begegnung mit den Kollegen allerdings nicht. Im Unterschied zu Mick Talbot. "The Jam habe ich schon sehr früh '77 gesehen, noch bevor die erste Single rauskam", denkt er im Blog Writewyattuk zurück: "In einem Pub in Hammersmith, The Red Cow". Beim Drummer ist das so ein Mittelding: Er weiß grob, wer Weller vorher war, ist aber über den Stellenwert von The Jam nicht im Bilde.

Jener Schlagzeuger bei den Londonern ist aufgrund eines öffentlichen Vorspielens der bei Bandgründung 17-jährige Steve White, der während der Audition überzeugt und bereits als Teenager eine Stil-Palette von Post-Punk über Rockabilly, Soul, Acid-Jazz, Bebop, Funk und Fusion drauf hat. (Sein Bruder Alan White, später bei Oasis, ist zu dieser Zeit elf.)

White wird schon bei "Café Bleu", dem ersten Style-Longplayer, als Co-Producer in den Credits genannt, steuert Track Eins bei, und tritt in seinem Werdegang auch als Jazz-Komponist in Erscheinung. Was alle Mitglieder des Style Council eint: Sie hegen eine Bewunderung für Miles Davis und das Konzept des Cool Jazz. Besonders die beiden in Übersee bekanntesten Council-Songs, "My Ever Changing Moods", Platz 29 in den USA, 32 in Neuseeland, sowie "Have You Ever Had It Blue" aus dem Musical-Film "Absolute Beginners" mit Patsy Kensit, David Bowie, Ray Davies und Sade, tragen dem Miles Davis-Faible Rechnung.

Wenig hingegen kann der amerikanische Label-Partner Geffen Records mit der Blue Eyed-Soul-Auslegung der Offbeats und Blue Notes bei den Briten anfangen und lässt das dritte Studioalbum der Gruppe von Curtis Mayfield teils neu abmischen - gegen deren Willen freilich. Nach weiteren Unstimmigkeiten auch mit ihrer englischen Plattenfirma Polydor trennen sich The Style Council 1989.

Sie treiben sich in den größer werdenden Londoner Kreisen stilistisch Gleichgesinnter herum: Dee C hängt mit Jay von Jamiroquai ab. Steve trommelt auf Gigs von Galliano, wo Mick sogar Mitglied wird. Rückblickend hätten sie zwar musikhistorisch populäre Entwicklungen wie den Acid-Jazz vorne weg genommen, seien dafür aber kommerziell nicht belohnt worden, so zieht Weller sinngemäß im Sachbuch "NME Rock'n'Roll Years" Bilanz. Als sie Latin, New-Jack-Swing, Lounge-Jazz, House und Northern-Soul in ihrer Musik verwursten, stoßen sie damit zum Ende des Jahrzehnts hin auf geringeres Echo. Sowieso erledigt sich der Anlass ihrer Gründung: Maggie Thatcher verlässt Ende 1990 die Downing Street, der Stachel im Gesäß ist den jungen Musikern gezogen. 1991 kommt Leah Weller, Tochter von Dee C und Paul, auf die Welt, und Dee C bleibt, auch wegen einer zweiten Schwangerschaft mit Sohnemann Nat(haniel), zuhause. Ihre Beziehung mit Paul Weller hält bis 1998.

Gleichzeitig lässt sie sich für elektronische Club-Musik gewinnen sowie auch vom legendären Jazz-Rapper Guru für sein allererstes Jazzmatazz. Sie releast weitere Alben, jobbt für Donald Byrd, DJ Premier und lässt sich gelegentlich als Schauspielerin blicken. Paul Weller arbeitet anfangs auf seinen Solo-Alben weiter mit Steve als Drummer, bis einschließlich "Catch-Flame!" (2006) und auf Tour bis 2008. Mit Mick Talbot zusammen gründet Steve White auch eine eigene Band namens The Players, die zwei CDs lang hält.

Parallel engagiert Jon Lord den Schlagzeuger für seine symphonischen Projekte und tourt mit ihm nach Lateinamerika. Mit dem Trio Valore performt Steve White Fusion-Jazzrock. Mick Talbot kehrt zu den Dexys Midnight Runners zurück und ist 2014 Organist für Roger Daltrey. Beim Soul-Label Monks Road Records steht er als Haus- und Hof-Keyboarder, Pianist und Harmonium-Spieler unter Vertrag. Auch Pauls Tochter Leah erscheint dort als Musikerin im Roster.

2019 kommen The Style Council im Rahmen einer über die Band gedrehten Doku für einen einzelnen Song wieder zusammen, wodurch sich für die Vier wiederum neue und auch aufgefrischte alte Kontakte ergeben. Talbot komponiert 2024 mit Dee C Lee Songs im Motown-Stil für ihr Comeback-Album "Just Something". "Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich jemand noch erinnern würde, wer ich war. Aber mir wurde so viel Liebe zurück gegeben", freut sich die Sängerin im Magazin Classic Pop.

The Style Council bringen es in Summe auf eine EP, eine Live-LP und vier Studioalben, von denen zwei unumstritten Classics sind. Ein fünftes, das ihr Label ablehnt, erscheint fast zehn Jahre später noch. Doch in Zweier-Konstellationen haben Mick und Steve, Steve und Paul, Dee C und Paul, Mick und Dee C jeweils einiges mehr veröffentlicht.

Die Councils gehen zudem als eine der fleißigsten Benefiz-Gruppen in die Geschichte ein. Von "Live Aid" über Spendenaktionen für Streikende und ehrenamtlichen Wahlkampf für die Labour Party und ein Demokratie-Förderprojekt ließen sie und insbesondere Paul in den Achtzigern kaum eine Gelegenheit aus, sich fürs Gemeinwohl einzusetzen. "'Live Aid' ist wahrscheinlich der Gig, der mir am meisten in Erinnerung bleibt. Es war ein einzigartiges Event und eine enorme Errungenschaft Bob Geldofs, die Aufmerksamkeit der Welt auf solch eine Krise zu lenken", meint Mick Talbot, spielt damit auf die extreme Dürre 1985 in Ostafrika an. Drummer Steve White ruft in Erinnerung, warum sie sich auch bei einem rein innenpolitischen Thema engagierten: "In eine Kohlemine runter zu fahren und 40 Jahre lang Kohle abzubauen, ist ein harter Job." - Bei dieser Band ging es also nur vordergründig um Style, hauptsächlich um Haltung.

Zwei Biographien, "Mr. Cool's Dream" von Iain Munn, und das Crowdfunding-finanzierte Buch "Soul Deep" von Stuart Deabill, Ian Snowball and Steve Rowland, schürfen 2008 und '20 in der Band-Historie. Obschon The Style Council mit den Worten "My Ever Changing Moods" in die Musikgeschichte eingehen, gibt es wenige Bands, die so konsequent und planmäßig von Anfang bis Ende ihre Ziele angingen, in die Tat umsetzten und dabei gerade keinerlei Stimmungswechseln unterlagen. Nebenbei prägten sie, ähnlich wie Scritti Politti - auch ein Genre: Sophisti-Pop.

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