laut.de-Kritik
Drastische Texte und einige der großartigsten Hymnen der Achtziger.
Review von Philipp KauseNachdem The Doors von ihrem Producer Paul A. Rothchild des 'Cocktail-Jazz' bezichtigt wurden, waren Kombinationen aus Easy-Listening und Rockmusik in Amerika wie auch Europa erst einmal für lange Zeit vom Tisch. Die Punk-Welle strebte sowieso in eine ganz andere Richtung, und Stilberater und Style Council-Sänger Paul Weller war 19, als diese London unterspülte, letztlich auch den Sound seiner vorherigen Band The Jam mitbestimmte und er noch nicht Frontmann von The Style Council war. Die Achtziger brachten an vielen Genre-Knotenpunkten Saxophone oder überhaupt Bläsersätze, verspielte, süße Keyboard-Girlanden und entspannte, coole Vibes mit ins Spiel. Oft gerieten sie eine Spur 'tropical', einen Hauch 'cheesy'. Nicht jeder Rock- und Pop-Fan mag sich mit Matt Bianco, Latin Quarter, Fine Young Cannibals, Narada Michael Walden oder Scritti Politti identifiziert haben, nicht jeder Reggae-Lover mit der Weichspülung Maxi Priests, nicht jeder Soul-Fan mit Lionel Richie, The Manhattan Transfer, Sade und Al Jarreau. Aber in den Charts, vor allem den englischen, kam man an diesen Artists im Laufe der Jahre von 1983 bis '91 immer schwerer vorbei.
"Wir waren die Generation zwischen den Hippies und den Ravern", tippte ein YouTube-User mal unter "Café Bleu", das Debüt von The Style Council. Diese Gruppe grub sich in den Soundtrack einer Alterskohorte ein, begann, die politischen Einstellungen der Hippies schärfer und drastischer in Liedtexte zu verpacken und zerfiel im Zank mit ihrem Label darüber, wie weit man House und Rave in den Sound einer Band mit echten Instrumenten mischen dürfte. The Style Council waren eine kurzlebige Formation, aber repräsentieren eine wichtige Entwicklungsphase in der Musikgeschichte.
Sie hatten nur eine Handvoll Alben, doch waren diese reich bepackt mit zeitlos gebliebenen Klassikern, die uns entweder musikalisch, lyrisch, thematisch oder symbolisch heute noch etwas zu sagen haben, obschon sie aus einer Phase stammen - 1984 bis 88 - in der es das Format 'Album' generell schwer hatte und aus der in die internationalen Bestenlisten diverser Jurys nur wenige Alben Einzug hielten. "Café Bleu" hat sicher auch nicht ganz den Flow, den das gleichaltrige "Diamond Life" von Sade bietet, weil Paul Wellers Crew in wilder Experimentierbereitschaft auch Schritte ging, die eher um den Prozess des Gehens willen gut waren als für die Resultate. Man muss auch gleich einräumen, dass Weller als begnadet scharfzüngiger Texter bemerkenswerter Weise fünf Instrumentals auf der LP Platz zur Verfügung stellte: "Council Meetin'", "Me Ship Came In!", das Titelstück "Blue Café", die einminütige Keyboarder-Signatur "Mick's Blessings" als Warm-Up und sogar - auch wenn das bei der Betitelung verblüfft - "Dropping Bombs On The White House".
Wer also darauf wartet, dass dieses konkrete Szenario des Bombenabwurfs auf den Sitz des US-Präsidenten verbal beschrieben würde, wartet vergebens. Es entspinnt sich ein überraschend légères Bebop-Instrumental, das in Relation zum Titel so wirkt, als würde ein Schurke einen fiesen Plan aushecken und vordergründig fröhlich pfeifend um die Häuser ziehen. Weller kündigte dieses Instrumental live auf der Bühne aber gerne bewusst mit der Betitelung an, zielte auf die Vorstellung in den Köpfen der Hörer:innen. Die 2026 erschienene "Special Edition" zeigt es zum Beispiel beim BBC-Mitschnitt vom 10. März 1984. Die Bonus-Box, in der er enthalten ist, zeigt in Studio- und Live-Takes, dass die Gruppe noch etliche Instrumentals mehr auf Lager hatte, wie das durchdringende Rhodes-Wurlitzer-Inferno "Party Chambers" und das Miles Davis im Geiste anverwandte Tröten-Stück "Le Depart".
Bläser gehörten nicht zur Standard-Formation The Style Council, oft aber umgaben sich die vier Kernmitglieder Paul Weller, Mick Talbot, Dee C Lee und Steve White mit Leuten an Saxophon, Trompete und Posaune. "Headstart For Happiness" lässt auf zwei Ebenen fantastische Mehrstimmigkeit schillern, im Arrangement der wundervollen Harmony-Vocals von Mick, Dee und Paul, ebenso und besonders live hervorstechend, in der gepfeffert aufspielenden Brass-Section. Streicher kamen noch punktueller zum Einsatz. So arrangierte Produzent Peter Wilson ein Ensemble für "Blue Café". Ein Cello ziert "Here's One That Got Away" in einer Weise, die den Track dominiert. Gleichermaßen achtete die Band auf Bässe, wie der funky Wah-Wah-Bass in "You're The Best Thing" unterstreicht.
Die Crew leistete sich bei Auftritten mit Steve Sidelnyk einen Conga-Spieler (der später für Madonna trommelte), was die Theorie vom Cocktail-Jazz ein bisschen bestätigt. Das Perfide: So wie auch The Stranglers, die spätestens bei "Aural Sculpture" 1984 vergleichbare Fluffigkeit erreicht hatten, so entstammte Paul Weller mit The Jam einer Szene von Rebellen, einer Subkultur, in der ein Gitarren-Verstärker und unnachgiebige Riffs zu einer Metapher für den Widerstand gegen Normen, Anpassung und (unhinterfragten) Status Quo geworden waren. Jegliche Form von Angejazztheit entsprach dem Establishment, Psychedelisches der Hippie-Generation, von der man sich ebenfalls abgrenzte.
Weller brach nun die Engstirnigkeit der Punks auf, die sich ihrerseits teils ideologisch-orthodox daran klammerten, dass nur was ranzig und kaputt aussah und klang, genügend Distanz zum kapitalistischen Mainstream-System hatte. Im Gegensatz dazu vertraute Paul Weller, der sich längst einen Namen als ironischer bis sarkastischer Beobachter gemacht hatte, auf drei seiner großen Talente: Über die Lyrics in den gesungenen Stücken glasklar seine Message zu transportieren, eine neue, noch gar nicht dagewesene Musikströmung zu gestalten - von der Fachwelt Sophisti-Pop genannt - und seinem Ruf als einheizender Lead-Gitarrist durch ein paar selektive, besonders tolle Riffs an wenigen, aber sehr wirkungsvollen Stellen gerecht zu werden.
Heraus kam mit "Café Bleu" das musikalisch einzigartige, mit dem Nachfolger "Our Favourite Shop" das textlich einmalige Album - Klassiker sind beide, der ideale Meilenstein die Lyrics mancher Nummern von "Our Favourite Shop" auf den Melodien und Arrangements der Instrumentals von "Café Bleu". Aber das ist Fantasie, man kann nicht alles haben, die Band war jung, experimentierte, probierte sich aus und zog immerhin einige Jahre eine der bedeutendsten Plattenfirmen ihrer Ära auf diesem unbeschrittenen Weg mit.
Dabei ergaben sich Sachen, die heute eher kurios bis peinlich wirken. Weder der Aerobic-Funk-Mix "Strength Of Your Nature" noch der Versuch, dem deutschen Gottschalk-Beispiel folgend in London 1984 einen Rap zu produzieren, machen heute einen freshen Eindruck. Aber damals, in ihrem Zeit-Kontext betrachtet, waren es Pioniertaten. Hier spalten sich oft die Geister, ob etwas historisch wichtig ist, weil es zu seiner Zeit ein neuer und großer Schritt war. Ich finde, ja, rate aber ganz klar dazu, die beiden genannten Stücke, "Strength Of Your Nature" und "A Gospel" genau je ein Mal zu hören und das Hören wie einen Museumsbesuch zu verstehen: So modernisierten The Style Council England und die Hörgewohnheiten ihrer Zeit, forderten Label, Kritiker, Plattenkäuferinnen heraus. Nice to know. "A Gospel" führte selbst produzierte Tischtennis-Synth-Beats mit Brian Beaton alias Dizzy Heights zusammen, der hier als Gast-Rapper auftritt und die Paul Weller-Follower mit den Ohren schlackern ließ.
Dizzy Heights gilt mit seinem Rapattack Sound System bis heute als der erste Nachweis von aktiver Hip Hop-Culture im UK. Er ist der MC, der das Modell des Drum'n'Bass mit Rap-Strophen vorwegnahm, und Teil der Szene, auf die sich Neneh Cherry bezog, als sie mit uns über die präsente karibische Soundsystem-, Dreadlocks- und Offbeat-Szene im London der mittleren Eighties plauderte. Weller und sein Kompagnon, Keyboarder Mick Talbot, hatten es satt, wie die britische Tory-Regierung die Stimmung gegen Ausländer populistisch ausnutzte und anschürte, und traten gezielt integrativ auf. Auch Dee C Lee, ihre Background-Sängerin, hatte Eltern aus einer britischen Kolonie, die 1979 gerade offiziell für unabhängig erklärt wurde.
Dee C steuerte zwar fast 'nur' Harmony-Vocals bei, außer in "You're The Best Thing", wurde aber - anders als andere Bands das oft handhaben - als Kernmitglied des Style Council präsentiert. Verwirrender Weise fehlen allerdings sowohl sie als auch der Drummer auf dem Split-Screen-Album-Cover. Trotz dieses visuellen Faux-Pas nahm sich Weller oft zurück. Das bittersüß melancholische "The Paris Match" lässt den fast zeitgleich gegründeten Everything But The Girl, Ben Watt und Tracey Thorn breiten Raum; sie singt die Nummer weitgehend. Damals hatte man kein Internet und nicht rund um die Uhr Ablenkung, und so trällert Tracey in diesem Verliebtheits-Vermissen-Premium-Track von "empty nights with nothing to do". Der Song kommt "Walk On By" mit Dionne Warwick hinsichtlich Aura, Stimmung, Machart sehr nahe, das uns dank Doja Cat wahrscheinlich allen wieder im Ohr ist.
Wenn es Volltreffer auf "Café Bleu" gab, waren sie 200-prozentige und mehr als perfekt und eigneten sich auch für die Konzerte. Das gilt für "You're The Best Thing" und "The Paris Match" genauso wie für "Headstart For Happiness", "Here's One That Got Away", die frechen Latin Vibez des Jazz-Instrumentals "Me Ship Came In!", für "The Whole Point Of No Return" wie auch für den Über-Hit "My Ever Changing Moods". Ich wuchs im Sendegebiet von Bayern 3 auf, dort gab es einen polarisierenden Moderator mit einem sehr merkwürdigen Abgang, und dem durfte nur ein ganz spezieller Redakteur die Musik auswählen. Versuchten sich andere vertretungsweise an dieser Aufgabe, ärgerte er Kolleg:innen mit einem mehrmaligen Über-den-Haufen-Werfen der ganzen Sendung und seinen "ever-changing moods", und dadurch lief in der Sendung nach ihm einige Jahre lang immer wieder mal "My Ever Changing Moods" von The Style Council. Das war auch der internationale Hit, der es auf mehreren Kontinenten schaffte.
Ihm nun in der Dub-Version "You're The Dub Thing" zu lauschen wie auch im Extended-12-Inch-Mix und in Auftritten unmittelbar nach seiner Veröffentlichung macht die "Special Edition" reizvoll und bereichernd, die lange Version von der Maxi, mit ausgiebigen satten Bläsern, und der Dub finden sich in der 3-LP-Ausführung, sämtliches Live-Material nur in der 6-CD-Box, die sogar mit dem Rap-Instrumental aufwartet. Beide Varianten enthalten das Demo "Take It To The Top", die Rohfassung für den späteren Hit "Shout To The Top" aus den Sessions fürs Nachfolge-Album. Ganz interessant ist besonders für Liebhaber:innen der lyrischen Spitzen des Paul Weller noch der "Money-Go-Round Parts 1+2 Bert Bevans Club Remix", eine Kreuzung aus Ska und Electro mit harter Systemkritik.
Der ruhige, unheimlich warme Tune "The Whole Point Of No Return" lebt live in der Version "The Whole Point Of No Return (10.3.1984)" von der Fokussierung nur auf Weller und der Magie seiner Riffs (so auch bei "Long Hot Summer") und seines völlig in sich versunkenen Vortrags. Als Sänger war er gewiss nicht die große Soul-Stimme, wie "Meeting Over Yonder" demonstriert, aber progressive Kraft für den britischen Soul-Pop. Er spielte Simply Red in die Hände, schuf eine Grundlage für die später aktiven M People. "Headstart For Happiness" war nicht nur wunderschön, sondern überhaupt die Blaupause für sogenannten Blue-Eyed Soul. Ein Happy-go-lucky-Tune, der einem ein positives Gefühl gibt und den Glauben, Berge zu versetzen.
Die politische Seite von The Style Council kommt hier noch kaum zum Tragen. Im Anschluss an "Café Bleu" reiste die Band nach Warschau, um sich im Schulterschluss mit der Solidarnosc-Bewegung im Video zu "Walls Come Tumbling Down" zu positionieren. Wer sich für die politisch messerscharfen Aussagen der Folge-LPs interessiert, möge gerne in der Band-Biographie weiter lesen. Neben ihrer kritischen Einstellung bleibt die Band mit ihrem brillanten Verschmelzen von dezenten Jazz-Einflüssen und Genres der Charts-Musik unique. Sie trauten sich, die Distanz zwischen diesen Gefilden aufzuheben und schufen dabei einige der großartigsten Hymnen der Achtziger.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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