laut.de-Kritik

Wo findet der Rap zum Punk?

Review von

Vor ein paar Monaten hat A$AP Rocky eine Single namens "Punk Rocky" veröffentlicht. Die klang nicht gerade punkig und hat eher mit Tame Impala-eskem Indie-Sound experimentiert. "Punk Rocky" klang nicht verkehrt, reihte sich aber kurios in den wachsenden Katalog von Alternative-Curiosity der aktuellen Amirap-Garde ein. Von Newcomern wie Teezo Touchdown oder KayCyy über etablierte Stars wie Playboi Carti, Lil Yachty oder Vic Mensa: Viel kontemporärer Hip Hop fühlt sich dieser Jahre angezogen vom rebellischen Spirit von Punk - auch wenn, wenn wir ehrlich sind, die tatsächliche Subversionskraft nie über ein Mode-Statement hinausgeht.

Dieses neue Vince Staples-Album funktioniert als Kontrastprogramm dazu. In "Cry Baby" steckt kein Vivienne Westwood, kein Nagellack und keine Konterkultur-Geste der dritten Verwertungsebene für den Gucci-Runway. Dieses Album studiert Punk als ehrliches, absolut unironisches Medium des Protests. Wir kriegen aufrichtig an die USA-Flagge gerichtete Mittelfinger, wie wir sie auf unserer aktuellen Ironie-Ebene fast schon nicht mehr gewohnt sind. Allein dadurch stellt "Cry Baby" ein paar sehr kluge Fragen an die Rolle und die Möglichkeiten von Musik als Gegenkultur.

Aber um einmal ein bisschen einfacher anzufangen: "Cry Baby" klingt vor allem erstmal super. Eines der besten Dinge, die Vince aus seinem Vorlagematerial lernt, ist die Reduktion aufs Wesentliche. Wenn "Blackberry Marmelade" nach einem performativen Schlagzeug-1-2-3-4 Bassriff und Drums einsetzt, dann haben wir eigentlich schon fast alle Soundelemente auf dem Tisch. Der Groove trägt, Vince rappt großartig und geladen. Dieses Album ist gut darin, ein Gefühl von Dringlichkeit zu vermitteln.

Mir scheint es so, als würden hier viele Elemente aus klassischem Punk- und Post-Punk-Songwriting durch moderne Produktionstechniken und Hip Hop- und Neosoul-Instrumentation gefiltert. Wenn "Go Go Gorilla" anspielt, entsteht nicht zum einzigen Mal der Eindruck, dass wir, wenn auch auf völlig anderem Weg, bei klassischem Gorillaz-Sound landen. Hier fehlt nur noch die Damon Albarn-Hook.

Das führt aber im Umkehrschluss dazu, dass "Cry Baby" (wie der Titel es vielleicht vermuten lässt) nie ganz an die emotionale Farbpalette der Wut heranreicht. Hätte man beim Thema und der Punk-Ambition ja vermuten können, richtig? Aber nein. Vince klingt müde und fertig. Und aus dieser Stimmung entstehen textlich auch die besten Songs: "Red line, gentrified, they give wrist slaps to them and sentenced mines / Went from bread lines to picket lines to main line prison time for the crimes that we commit / But genocide don't mean nothin' to Uncle Sam / Guess it's dignified in America, probably just dreamed that they were sellin' us", rappt er auf ebenjenem Track. Es trifft.

Oder auf "Running Man": "I just punched my ticket at Grand Minstrel Station / I left all my baggage, had nothing worth taking / I'm rushing, not chasing, I'm tired / Controlled by my worldly desires". Vince ist am besten, wenn er seine eigene Rolle einfließen lässt. Wenn er die Melancholie verarbeitet, dass selbst sein Ruhm, seine Plattform und seine jetzigen Möglichkeiten ihn nicht an einen Punkt bringen, an dem er viel verändern könnte.

Leider sind nicht alle Songs so geschrieben, im Mittelteil sammeln sich ein paar textliche Hänger. "TV Guide" bis "Made In America" wirken lyrisch wie Oldhead-Pastiches. Damit meine ich, dass er textet, als wäre er ein Rebell aus den Elden Times, ohne zu antizipieren, dass die selben Slogans heute vielleicht nicht mehr gleich funktionieren.

"TV Guide" ist der seltsamste Vertreter. Der klingt ehrlich wie ein Alternative TV-Punk-Track aus den Achtzigern, wenn er einen Erzähler spielt, der den ganzen Tag nur fernsieht bis schließlich der Breaking News-Mann im Fernsehen seine Meinung und seinen Verstand übernimmt. Es ist ja nicht so, als gäbe es diese Fox News-Zombies nicht mehr. Aber offensichtlich ist Vince niemand, der den ganzen Tag fernsieht - und selbst, wenn man den Fernseher als Stand-In für das ganze Social Media-Game versteht, dann haben wir hier doch ein seltsam unterkomplexes und ungelenkes Bild.

"The Big Bad Wolf" fühlt sich an wie von einem Conscious Rapper aus den frühen Achtzigern. Nur folgerichtig, dass er das "cop shot the kid"-Bit von Slick Rick massiv interpoliert, das Kanye schon für einen ebenso hängengeblieben Nas-Track ausgeschlachtet hat. "Only In America" ist die rockige Version des ähnlich benannten Childish Gambino-Tracks. Vince redet ironisch darüber, dass Amerika so toll ist. Aber eigentlich ist es das gar nicht!

Trotzdem: Auch diese Tracks fügen sich nicht uneffektiv in das Gesamtbild von "Cry Baby" ein. Immerhin klingen auch sie stark, mehr noch gehören sie in dem Spielraum der Experimente von Vince dazu. Dieses Album befragt den Kanon der Protestmusik, sucht nach der Schnittmenge von Rap und Punk, sucht nach den Erzähltechniken und Songwriting-Ideen, die sich ins Hier und Jetzt übertragen lassen. In einer Welt voller Punk-Kostümierung für den nächsten TikTok-Trend fühlt sich "Cry Baby" wie ein sehr aufrichtiger Effort an.

Trackliste

  1. 1. Blackberry Marmalade
  2. 2. Go! Go! Gorilla
  3. 3. White Flag
  4. 4. The Running Man
  5. 5. TV Guide
  6. 6. The Big Bad Wolf
  7. 7. Only In America
  8. 8. Do You Know The Devil
  9. 9. Cotton
  10. 10. 7 In The Morning

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4 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 20 Stunden

    Yoan, stimme da mit der Review überein. Musikalisch wäre das für mich ne glatte 5/5, textlich war ich nach 2-3 mal hören auch etwas unterwältigt.
    Gerade das benannte TV Guide fand ich auch komplett strange. 2026 nen Song zu bringen, den Nina Hagen quasi schon 1978 gedroppt hat... Was ist das?
    Ansonsten aber alles geil. Er rappt zum niederknien, die Songs sind super, der Sound ist toll.
    4/5 auf jeden Fall.

    • Vor 4 Stunden

      Kannte den Nina Haben Song nicht, aber dem Lesen nach ist das auch quasi nicht der gleiche Song.

    • Vor 4 Stunden

      Nein, natürlich ist das nicht der gleiche Song, das war, sollte eigentlich klar sein, eine Überspitzung. Wäre ja auch reichlich seltsam, wenn zwei so unterschiedlich sozialisierte Menschen den gleichen Song über Fernsehkonsum machen würden.
      Was ich damit sagen wollte, war, dass ich da mit Yannik übereinstimme: Fernsehkritik ist ein klassisch Topos der popkulturellen Linken der 80er und frühen 90er Jahre, der heute halt seltsam aus der Zeit gefallen erscheint.
      Und wenn ich den schon wieder aufgreife, dann muss da für mich irgendwie noch mehr passieren, als das, was da bei Staples verhandelt wird.
      Und dass der Song ausschließlich die Vergangenheit beschreibt, ist auch nicht korrekt. Der Chorus ist im Präsens formuliert: Television you turn me on etc.
      Wäre der Chorus auch ein Rückblick, wär der Track für mich etwas schlüssiger, aber selbst dann fände ich das textlich noch eher dünn.
      Ich finde da keinen neuen, spannenden Gedanken oder ein interessantes Sprachbild drin. Es ist basically: yoa, halb als Kind viel Ferngesehen, und ich glaube, das hat irgendwie meinen Kopf gefickt.
      Das kann man als Künstler:in natürlich so formulieren, aber nu, das hab ich halt schon drölfhundert mal so oder so ähnlich gehört, weswegen ich es nicht so dope finde.

    • Vor 3 Stunden

      Haben den Hagen-Song gerade nochmal gehört und muss dir in dem Punkt recht geben: der Vergleich/die Überspitzung funktioniert da nicht so richtig.
      Beide behandeln zwar das gleiche Themenfeld, aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.
      Hatte den Hagen-Song da inhaltlich anders im Kopf.

  • Vor 19 Stunden

    *olden times.

    Abgesehen davon immer schǒn, von Vince Staples zu hören und/oder über seine Kunst zu lesen.

  • Vor 19 Stunden

    Die Review ist diesmal tatsächlich etwas zu sehr um den inhaltlich großen Wurf bemüht. Politik cool und so, aber das wichtigste hier ist, dass Vince mal wieder in den dritten Gang hochschaltet, was Beats und Raps angeht. Die letzten Projekte waren sicher werthaltig, aber auch etwas eingeschlafen. Das ist super produziert und ich kenne kaum ein anderes Album in dem Stil, das nicht cringe ist. Klappt musikalisch zum Beispiel noch besser als bei Slowthai.

    Textlich finde ich es spannend, dass er so ein bisschen aus der Gangster-Perspektive raus ist oder? Und das Trump keine Rolle spielt, aber das ist bei ihm auch irgendwie konsequent.
    Ich liebe einfach seine Stimmfarbe bei White Flag!

  • Vor 12 Stunden

    @yannik: die musikalische Analyse finde ich ziemlich gelungen, da beschreibst du sehr treffend, wie es sich anhört, aber deine Analyse der Lyrics find ich größtenteils fragwürdig.

    „Leider sind nicht alle Songs so geschrieben, im Mittelteil sammeln sich ein paar textliche Hänger. "TV Guide" bis "Made In America" wirken lyrisch wie Oldhead-Pastiches. Damit meine ich, dass er textet, als wäre er ein Rebell aus den Elden Times, ohne zu antizipieren, dass die selben Slogans heute vielleicht nicht mehr gleich funktionieren.“

    Oder vllt verstehst du die Slogans nur nicht und vllt sind die „Elden Times“ jetzt nicht so lange her, dass du nicht selbst noch als Kind in den Genuss exzessiven Fernsehkonsums hättest kommen können, wie Vince in seiner Kindheit und Jugend.

    „TV Guide" ist der seltsamste Vertreter. Der klingt ehrlich wie ein Alternative TV-Punk-Track aus den Achtzigern, wenn er einen Erzähler spielt, der den ganzen Tag nur fernsieht bis schließlich der Breaking News-Mann im Fernsehen seine Meinung und seinen Verstand übernimmt. Es ist ja nicht so, als gäbe es diese Fox News-Zombies nicht mehr. Aber offensichtlich ist Vince niemand, der den ganzen Tag fernsieht - und selbst, wenn man den Fernseher als Stand-In für das ganze Social Media-Game versteht, dann haben wir hier doch ein seltsam unterkomplexes und ungelenkes Bild.“

    Lies doch nochmal. Allein schon die ersten Zeilen. Es ist ziemlich offensichtlich, dass das Vergangenheit beschreibt:
    „Woke up, turned on the TV, went to sleep watchin' TV“
    Und worum es geht:
    „Breakin' news on the TV, must be true, it's on TV“
    Massenmedien haben die Macht Menschen zu manipulieren. Werbung funktioniert, Propaganda funktioniert, und beides wird gemacht. Diese Manipulationsmacht wird kontrolliert von Menschen, die zu einer Klasse von Menschen gehören, die sehr stark davon profitieren, wenn das System, dass ihnen diese Macht verleiht, erhalten bleibt. TV in den States ist ein Propagandainstrument des Kapitalismus (und nicht nur dort).
    Und falls du immer noch zweifelst, dass Vince hier auch von kindlichen Perspektiven spricht:
    „Pacified by the TV, glued my eyes to the TV“
    Wenn Mensch weiß, dass Pacifier im deutschen Schnuller heißt, ist das sehr obvious.
    Außerdem sind alle seine Referenzen so datet, Marlon Brando, Al Pacino, und die ganzen alten Filme. Das Zeug, mit dem er aufgewachsen ist wahrscheinlich. Das ist ein sehr persönlicher Song mit Hinweisen auf das Unterdrückungssystem, dass nicht nur die afroamerikanische Minderheit in den Staaten, sondern auch den Rest (wenn auch weniger schlimm) fickt.

    • Vor 12 Stunden

      „ Aber offensichtlich ist Vince niemand, der den ganzen Tag fernsieht“
      Das alleine ist also schon extrem doof, aber dann:
      „- und selbst, wenn man den Fernseher als Stand-In für das ganze Social Media-Game versteht, dann haben wir hier doch ein seltsam unterkomplexes und ungelenkes Bild.“

      Tust du so, als wäre es entweder so, dass Vince heute ein tv zombie ist oder dass es dann ein stand in für social Media sein müsste? Nö?!

    • Vor 12 Stunden

      „The Big Bad Wolf" fühlt sich an wie von einem Conscious Rapper aus den frühen Achtzigern.“

      Fühlt sich an? Hört sich nicht so an. Meinst du nur den Text? Dann einerseits: Liegt vielleicht daran, dass er in einem Land aufgewachsen ist, dass seine Vorfahren, die einst aus Afrika entführt wurden, in Sklaverei mit erbaut haben und in dem er systematisch unterdrückt wird. Und das sich in der Sache seitdem nicht viel getan hat. Aber abgesehen davon: ist der Text wie einer von einem conscious rapper aus den achtzigern? Rly?

    • Vor 3 Stunden

      "„Pacified by the TV, glued my eyes to the TV“
      Wenn Mensch weiß, dass Pacifier im deutschen Schnuller heißt, ist das sehr obvious."

      Nö. "Pacify" ist ja ein vollkommen gängiges Wort das in allerlei Kontexten verwendet wird. Dass das hier noch eine zweite Ebene haben könnte (wobei das Kleinkinder mit (älteren) Kindern vermischen würde) ist sicherlich möglich, aber nur dann eine sinnvolle Annahme, wenn der Rest des Liedkontextes auch in die Richtung geht. Was er ja dMn nach tut, aber als Argumentation für deine Lesart ist das halt nur dann überzeugend, wenn man deine Annahme schon teilt und entsprechend ist es eher wenig obvious oder zweifelausräumend.

    • Vor 2 Stunden

      Erstes Beispiel der ersten Bedeutung von pacify im Oxford English Dictionary:
      „The baby could not be pacified.“

      Ebenfalls beim Cambridge:
      „He pacified his crying child with a bottle.“

      Meriam Webster:
      „pacify a crying child“

      Also in allen großen wörterbüchern der englischen Sprache das erste Beispiel der ersten Bedeutung, und das nicht ohne Grund. Es ist die Hauptbedeutung, ähnlich wie bei „stillen“ im Deutschen, natürlich wird das auch in anderen Zusammenhängen benutzt, aber in der Alltagssprache ist das schon ein Hinweis auf Kindlichkeit. Nimm hier noch Catcher in the Rye als coming of age novel hinzu, wenn das dann für dich nicht so obvious ist, dass du die Möglichkeit in Betracht ziehen musst, dass das aus dieser Perspektive geschrieben sein könnte, dann machst du etwas falsch.

    • Vor einer Stunde

      Und das ganze Album heißt Cry Baby verdammte Axt. Ich sehe da außerdem ne Serie – auf Dark Times der Radio-Track, jetzt hier der TV-Track, in 5 Jahren kommt dann die iPod-nano-Hymne.

    • Vor 3 Minuten

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Minuten durch den Autor entfernt.

    • Vor einer Sekunde

      Also in allen großen wörterbüchern der englischen Sprache das erste Beispiel der ersten Bedeutung, und das nicht ohne Grund. Es ist die Hauptbedeutung"

      Ne, die Hauptbedeutung(sofern es denn überhaupt eine gibt) ist das, was als erstes als "Bedeutung" angegeben wird. Nicht das Beispiel. Also zum Beispiel:

      to allay the anger or agitation of : soothe
      (Merriam Webster)

      to cause someone who is angry or upset to be calm and satisfied
      (Cambridge)

      1.) (transitive) To bring peace to (a place or situation), by ending (or suppressing) war, fighting, violence, anger or agitation.

      2.) (transitive, figurative) To mollify, placate or soothe (someone or something).
      (Wiktionary)

      (Meine auch, das Wörterbücher das normalerweise herausstellen, wenn es da eine klar dominante Assoziation gibt, indem sie da eine separate Bedeutung zu machen oder sowas wie "in particular a child" o.ä. ranhängen. Mag mich da aber auch irren)

      Den Take, dass das in der Alltagssprache Hinweis auf Kindlichkeit ist, finde ich aber auf jeden Fall schon sehr wild, gerade wenn man sich nicht nur das erste Beispiel und das volle Spektrum der Bedeutungen anschaut und die Tatsache, dass das oft in sehr ernsten Kontexten benutzt wird.

      Bringt aber letztendlich nicht viel, da weiter darüber zu diskutieren, weil es ja letztendlich um subjektives Sprachgefühl geht und ich dir dann halt auch nicht viel mehr sagen kann, als dass das so nicht stimmt und du kannst es halt akzeptieren oder nicht (und andersherum).

      Und nochmal um das klarzustellen. Ich sage nicht, dass das keine gewollte Assoziation ist oder dass es da nicht weitere Hinweise gibt, die das Bestätigen. Nur dass es ein seltsames,/ungeeignetes Beispiel ist um Überzeugungsarbeit zu leisten.