laut.de-Kritik

"All we are, deep inside my heart - für immer!"

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Liebe Metal-Fans, schauen wir uns doch mal tief in die Augen – und dann ins Glas: Wer liebt sie nicht, die Faust schüttelnden, alle umarmenden Metal-Songs mit hohem Fremdschämfaktor? Wer noch nie aus vollem Halse "Other bands play, Manowar kill" oder "We are prisoners of our time, but we are still alive" mitgegrölt hat, verbrennt Shirts wie Kutte jetzt bitte eigenständig im Hof – und wer "All We Are" von Warlock nicht für die allergrößte dieser einfach gestrickten Heavy-Hymnen hält, liest am besten nicht weiter.

"All we are, all we are we are, we are all, all we need."

1987 stürmte "All We Are" als erste Single von Warlocks viertem Album "Triumph And Agony" wie die Dothraki MTVs "Headbangers Ball" und Kinderzimmer. 1987 ging Heavy Metal gerade noch so als rebellisch durch. Alte Menschen schüttelten den Kopf, wenn junge Männer mit langen Haaren, Lederjacken und zerrissenen Jeans durch die Straßen irrten. Druck von außen schafft Zusammenhalt in der Szene, und "All We Are" war die musikalische Umsetzung dieses Gefühls. Beginnend bei Sängerin Doro, den mächtigen Shouts, den dröhnenden Tom-Drums, dem Trademark-Riff und dem ewig unterschätzten, treibenden Groove lieferten Warlock den perfekten Live-Song ab.

Für die Chöre hatte die Band damals Freunde, Fans und andere Leute ins Studio geholt, und schon während der Aufnahmen bemerkte Doro, wie die Gesichter im ganzen Studio bei "All We Are" aufleuchteten. Das könnte die Single werden. Der Rest ist Geschichte. Seit jenen Zeiten hat die Sängerin praktisch kein Konzert ohne die Szene-Hymne gespielt.

AC/DC haben "Highway To Hell". Warlock haben "All We Are" – und sie haben Doro. Oder Doro hat sie, denn bereits nach ihrem dritten Album "True As Steel" kämpft die 1982 gegründete Band mit Auflösungserscheinungen. Peter Szigeti und Frank Rittel waren bereits ausgestiegen, Tommy Bolan und Tommy Henriksen kamen neu hinzu. Neben Schlagzeuger Michael Eurich arbeiteten mehrere Session-Musiker an den Aufnahmen mit, darunter auch Cozy Powell an den Drums. "Triumph And Agony" bildet so den Übergang von der Band Warlock zur Künstlerin Doro.

Im Gegensatz zum Hip-Hop und auch zum Punk-Genre hatte man als Fan jedoch nie das Gefühl, dass die Sängerin diese Ausnahmestellung suchte oder von der Szene anders gesehen wurde als ihre männlichen Kollegen. Doro war immer eine von ihnen. Wie groß diese Leistung als Frau in so einem Umfeld wirklich war, wurde vielen erst Jahrzehnte später bewusst. Immerhin stand sie 1986 als erste Frau überhaupt beim Monsters Of Rock in Castle Donington auf der Bühne – vor, auf und hinter der Bühne bewegte sie sich in einer nahezu vollständig von Männern dominierten Welt. Heute wissen wir sehr viel besser, was Frauen selbst mit einem solchen Standing in solchen Umfeldern aushalten mussten. Und wie viele Frauen sie mit ihrer Art und ihrer Arbeit inspirierte, haben ebenfalls die wenigsten verstanden.

Ihre Meisterleistung auf dem Karrierehöhepunkt "Triumph And Agony" wurde maßgeblich von Produzent Joey Balin unterstützt. Fern der Heimat in den hochprofessionellen Power Station Studios in New York legt die Sängerin alle Ketten ab und erklimmt im kreativen, internationalen Umfeld neue Höhen. Warlock hatten ja schon früher großes Potenzial für catchige Metal-Tunes und große Rock-Hymnen gezeigt, "Without You" oder vor allem "True As Steel" seien hier erwähnt. Doch erst mit ihrem vierten und letzten Album kriegen sie es richtig auf die Straße.

Direkt nach "All We Are" bricht "Three Minute Warning" mit aufheulenden Gitarren, dynamischen Breaks und Nackenbrecher-Part im Hook wie die bereits erwähnte Reiterhorde über einen herein. Man spürt sofort: Das hier ist professioneller, größer und reifer als auf den Alben zuvor. Doro kreischt und singt sich die Seele aus dem Leib. Ihre absolute Hingabe und das Ausloten ihrer Grenzen drücken das Gaspedal des eh schon energetischen Tracks noch härter durch.

Der musikalisch stärkste Song ihrer gesamten Karriere folgt. "I Rule The Ruins" baut gar Synthies ein, unterlegt von einem Mötley-Crüe-Groove, den Tommy Lee nicht besser hinbekommen hätte. Der melodische Refrain brüllt sich dieses Mal nicht die Seele aus dem Leib, sondern drosselt die Lautstärke. Doro und Warlock stand es immer gut zu Gesicht, wenn die Songs zwischen harten Screams und gefühlvollen Parts switchten, um beide stärker zur Geltung zu bringen. "Kiss Of Death" nimmt zuerst das Tempo ganz raus, baut langsam Spannung auf und explodiert wie Doros Stimme im Refrain, als die Werwölfin den Mond ansingt: "Oh I am I said / The Queen of the dead / By the light of the moon / I bring the kiss of death". Jene waren ja nicht nur dank Michael J. Fox in den 80ern groß in Mode.

Leider bleibt sie nicht komplett auf diesem Weg, wie A-ha ein Jahr später allen empfehlen sollten. "Make Time For Love" ist die Standard-Herzschmerz-Ballade mit Lyrics aus der sechsten Klasse. Das Liebeslied ist der einzige Ausfall des Albums, obwohl es im Kontext der Kolleg:innen zu jener Zeit auch nicht abstinkt. Viel schwerer wiegt, dass Doro als Solokünstlerin nach "Triumph And Agony" ab der Grunge-Phase auf Soft-Rock-Pfaden wandelt. Dass dies nicht ihre Komfortzone ist, zeigt "Make Time For Love" deutlich. Über die Jahrzehnte erkämpfte sie sich jedoch wieder den Titel Metal-Queen zurück. Trotzdem bleibt die Gewissheit: Man hätte ihr hier eine stabilere Band gewünscht, mit der sie hätte wachsen können.

Eine Band wie die Scorps oder Accept zum Beispiel. Beide deutschen Aushängeschilder stehen bei "East Meets West" Pate, und der klassische Hardrock muss sich hinter beiden Bands nicht verstecken. "Metal Tango" gehört mit seinem Titel mit Sicherheit zu den schlimmeren Entgleisungen überhaupt, doch zum Glück bleibt der erwartete Horror-Mix aus harten Riffs und Tango-Rhythmus aus. Der "Tango" stampft im Midtempo, während sich Lead-Gitarre und Doro duellieren, als wären sie Matthias Jabs und Klaus Meine. Ihre stärkste Leistung liefert Doro indes auf "Touch Of Evil" ab. Ultra-aggressiv peitscht sie den straighten Metal-Banger bis zum Halford'schen, chaotischen Ende.

Tja, und dann kam "Für immer". Der zweite Alltime-Moment beendet das starke, ikonische Album auf eine nie zuvor und auch später kaum gehörte Art. Die Ballade beginnt mit dunklen Klavierharmonien, doch bombastische Tom-Drums und marschierende Soldaten-Snares geben dem Track eine einzigartige Atmosphäre. Doro singt zuerst auf Deutsch, wechselt im Refrain ins Englische und beendet "Für immer" gar auf Spanisch. Ist das jetzt eine Ballade oder nicht? Auf jeden Fall sticht dieser Track aus jeder Metal-Balladen-Compilation heraus und wurde auch fast 40 Jahre später nie wirklich kopiert.

Für das Album schließt er den Kreis zum "All We Are"-Opener, denn der Text kann als Liebeserklärung an eine Person, als rührender Abschied von der zerbrechenden Band oder eben als Schwur an die Metal-Szene gelesen werden. Für uns galt Letzteres: "All we are, deep inside my heart – für immer".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. All We Are
  2. 2. Three Minute Warning
  3. 3. I Rule The Ruins
  4. 4. Kiss Of Death
  5. 5. Make Time For Love 5
  6. 6. East Meets West
  7. 7. Touch Of Evil
  8. 8. Metal Tango
  9. 9. Cold, Cold World
  10. 10. Für Immer

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