laut.de-Kritik
Die Bank gewinnt immer.
Review von Yannik GölzFür einen Artist, der seit mindestens sieben Jahren erfolgreich im Game ist, XXL Freshman, zwei Alben draußen, ist Baby Keem schwer zu greifen. Ich persönlich habe immer noch das Gefühl, dass ihn etwas Enigmatisches umweht. "Die For My Bitch" war fun und hat bewiesen, dass er Soundcloud-Rap mit Strategie und einem Album-Konzept machen kann, das seinen Contemporaries abgeht. "The Melodic Blue" hat ihn als einen klugen Schüler von Trap-Melodien etabliert. Aber ein bisschen blieb immer das Gefühl: Dafür, dass Kendrick Lamar ihn als absolute Geheimwaffe zu sehen scheint, dafür, dass seine Gastauftritte bei Artists wie Kanye oder Don Toliver als Hype-Momente gelten, haben wir noch nicht alles bekommen.
Jetzt ist das dritte Album da, und sieh' an: "Ca$ino" kommt bisher wahrscheinlich am dichtesten dran, Baby Keems volles Potential zu zeigen. Einmal mehr scheint sein Ansatz: Seine Musik ist eine Sammlung an Studien und Auseinandersetzungen mit anderen Rappern. In einem Interview sagte Baby Keem einmal, er wolle der Flow-König sein, der jedes Genre bespielen könnte. Dieser Alleskönner-Anspruch kann tricky sein. Ich glaube, er hat in jüngerer Vergangenheit schon Leuten wie Kenny Mason oder J.I.D ein Bein gestellt, die handwerklich auch alles könnten, außer sich für ein richtig kohärentes Album festlegen, wer sie nun sein wollen.
Keem umschifft dieses Problem nicht. Im Gegenteil: Schon die ersten paar Tracks auf "Ca$ino" preschen durch Drumless-Storytelling, livetauglichen Rage und modernen R'n'B. Dennoch fühlt sich das Projekt wie ein geschlossenes Werk an. Erstens, weil es trotz der teils erratischen Genre-Sprünge mit der richtigen Intensität immer wieder um gewisse Themen kreist. Zweitens, weil Keems Rap-Experimente quasi durchweg von Erfolg gekrönt sind. Die Tracks auf "Ca$ino" sind durchgehend stark. Bei einer Laufzeit von unter vierzig Minuten kriegen wir hier all killer, no filler.
Wenn man inhaltlich eingrenzen wollte, worum es geht und warum dieses Tape "Ca$ino" heißt, scheint die Antwort: Das Leben ist ein Gamble, du weißt nicht, was herauskommt. Das ist trotz ab und zu eingespielter Sounds einarmiger Banditen jetzt zwar nicht das megadetailliert ausgearbeitete Albumkonzept, aber es hilft ein wenig, um einzuordnen. Schon im Intro betont Keem: "But I stay inside my laboratory, switchin' up the category" und erzählt darum die ungehörte Geschichte, die sich im Laufe seiner Diskographie zugetragen hat. Der Tod seines Onkels (hätte er etwas tun können?), die Obdachlosigkeit seiner drogenkranken Mutter. Gleichzeitig sein Erfolg, die hektischen Wandel seines Lebens. "No Security" ist ziemlich gut darin, zu etablieren: Hier kriegen wir ein Album, das in komprimiertem Raum widersprüchliche und oszillierende Lebenserfahrungen verarbeiten will.
Das direkt der Track nach diesem Traumatalk ein Rage-Banger ist, der seine Stadion-Qualität definitiv auf Tour mit Kendrick gelernt hat, fühlt sich aufs mehrfache Hören gar nicht so widersprüchlich an. Trotzdem: Das erste Drittel kann durchaus Whiplash verpassen, wenn dem Rage-Track direkt zwei experimentelle, wenn auch ziemlich interessante R'n'B-Cuts folgen. "Birds And The Bees", basiert auf einem 2007er-Feist-Sample, besticht nicht nur mit wirklich großartigen untypischen Vocal-Melodien, sondern adaptiert auch einen Art Pop-Fusion-Sound, der absolut im Ohr bleibt.
Dass Kendrick von allen Tracks ausgerechnet auf dem relativ unscheinbaren "Good Flirts" gastiert, erscheint ein bisschen verwunderlich. Der Track ist okay, Kendrick rappt über Pinterest und DVDs am Abend. Vielleicht wollte man eine "Melodic Blue"-Situation vermeiden, wo Kendrick auf beiden Features so völlig amok gelaufen ist, dass es fast ein wenig das starke Album überschattet hat.
Im Mittelteil aber blüht Keem wirklich auf. "House Money" ist der Crossover-freundlichste, gradlinigste Raptrack, aber "I Am Not A Lyricst" und "Highway 95 Pt. 2" bilden in meinen Augen die Kernstücke des Albums. Beide haben offensichtlich sowohl in Produktion als auch im Vocal-Stil ordentlich Outkast studiert, aber im Gegensatz zu einem Cole, der vor zwei Wochen zu wesentlich halbgareren Ergebnissen seinen inneren André 3000 kanalisiert hat, kriegt Keem die emotionale Tiefe und den Weirdo-Faktor perfekt umgesetzt.
"Highway 95 Pt. 2" insbesondere: Ja, da ist viel klug beobachtete musikalische Adaption, insbesondere der unterschwellig funky Beat, der in den simplen Sounds irre viel Atmosphäre generiert. Aber vor allem prämiert der Track wirklich Keems Ansatz von Track-Studien. Während er einem einheitlich durchgeführten melodischen Flow alles abringt, nutzt er den emotionalen Auftrieb für ein paar einschneidende Lines über seine zerrütteten Familienverhältnisse. Die Überlegung "Sister, go on and be somethin' decent / I ain't never gon' be shit to my nieces" hallt über generationsübergreifendes Trauma nach, der zweite Verse wird noch konkreter: "Momma at the door about three in the mornin' / I wake up as a burden, I'm the kid that no one wanted / Abusers all around me, I'm lookin' at 'em sideways."
"Ca$ino" nutzt Keems quasi endlose Fähigkeit, andere Artists zu kanalisieren, seinen großartigen Rap- und R'n'B-Geschmack und seine Chamäleon-Art überraschend effektiv, um seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen. Er kommt der Intensität und Widersprüchlichkeit seiner letzten zehn Jahre immer wieder sehr nahe und lässt dabei keine Sekunde Monotonie aufkommen. Das Album tut zwar von Anfang an kein klares Konzept oder eine supereinheitliche Sound-Vision auf, aber damit etabliert sich Keem endgültig als der, der er ist. Das hier muss der Artist sein, auf den Kendrick und so viele andere seit Jahren wetten, und dieses "Ca$ino" scheint tatsächlich eine sichere Bank.


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