laut.de-Kritik

Ein Memelord macht ernst(er).

Review von

Baran Kok ist ein großartiger Shitposter. Das war zumindest mein erster Eindruck von ihm. Wenn er Songs wie "Herr Officer" oder "Hey Alexa" droppt, hat er sichtlich Freude daran, dass Leute davon verwirrt sind. Auf doppelter Ebene: Er hat den Spirit von jemandem, der der homophoben Rapszene sein bestes Leben ins Gesicht halten wird. Aber er hat offensichtlich auch Spaß daran, dass Leute die Frage nach einem 'offen schwulen Rapper' viel zu ernst nehmen.

Nichtsdestotrotz: Diese ersten Tracks waren ziemlich fun. Als Shitposts, weil er adäquat bescheuerte Lines kickt ("Ich mach' Urlaub in Dagestan, ich war noch da gestern" oder "Dein Macker heißt Max, aber macht nur das Minimum"). Aber auch auf Musik-Ebene. Klar, gerade am Anfang hat man ihm die Routineprobleme sehr angehört. Aber man kann nicht leugnen: Da rappt ein Typ mit einem Riesenhaufen Charisma, der dazu noch sehr guten Amirapgeschmack mitzubringen scheint. "Herr Officer" ist eine inspirierte Lil Wayne-Hommage, die Platzierung der Hook auf "AMG Kanacke" kommt richtig cool mit der Entfaltung des Beats.

Die "Fag Life EP" steht nun vor einer delikaten Aufgabe: Die Leute weiter abholen, die ihn als parodistischen Memelord mögen. Aber trotzdem etablieren, dass da ein musikalisch ernsthafter Artist im Kern steht, der ehrlich etwas reißen will.

Für die erste Flanke gibt es den "Samenbank Flavour". Die offensichtliche Bushido-Umkehr gewinnt jetzt keinen Kreativitätspreis. Es ist mehr oder weniger genau der Track, den ihr erwartet, wenn ihr den Tracktitel seht. Es gibt vereinzelt lustige Lines ("Werd ich frech, bombt er wieder, Tränen und Ayliva-Lieder / Kеin Spaß, wenn ich sag': 'Ich vermiss dich und den Siеbener'") - und Bushido hat mit der Verwendung des Wortes "straight" ja auch wirklich nur darauf gewartet. Aber alles in allem ist das die Sorte Track, die ich mir gerade am wenigsten von Baran wünsche.

Viel interessanter scheint er als Texter, wenn er weniger Punchlines schreibt und mehr beobachtet. Allein schon der hypnotische Stoopid Lou-Beat auf dem Intro macht eine etwas trippiere und verstrahltere Atmosphäre, gegen den Barans Shittalk ein bisschen mehr Härte und Energie gewinnt. Aber die ganze Szene, die er auf "Easy White Chocolate" über einen Typen im Closet entwirft? Das ist stellenweise überraschend starkes Storytelling: "Credit-Card und Apple Pay / juckt ihn nicht, weil Daddy payed / Nach dem Sex weint er in meinem Arm und sagt, er ist nicht gay".

Der Beat von Lucry und Suena auf "Scheiß Auf Hip Hop" klingt wie straight aus der Ringtone-Rap-Ära. "Du bist ein Opfer, weil du glaubst Tätern", setzt er zwischen Punchlines und Alles-Egal-Attitüde. Das ist der Moment, in dem man am meisten spürt, dass der Kerl es durchaus ernst meint.

"Fag Life" ist sicher noch nicht die finale Form von Baran Kok. Aber vergleicht man es mit seinen ersten Tracks, dann spürt man die Entwicklung eigentlich auf jedem Level: Der Flow ist um Welten besser geworden, seine Präsenz als MC ist eh gut. Da sind ein paar absolute Banger drauf. Wenn er jetzt noch wirklich die Frage für sich endgültig klärt, wie er langfristig den Ernst und das Shitposting so zusammenbringt, dass es sich gar nicht im Weg steht, könnte das richtig krass werden.

Trackliste

  1. 1. Fag Life
  2. 2. Hola Papi
  3. 3. Easy White Chocolate
  4. 4. Scheiß Auf Hip Hop (feat. Lucry & Suena)
  5. 5. Samenbank Flavour

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