laut.de-Kritik
Break-Up-Americana wie einst auf "Sea Change".
Review von Michael SchuhWenn ich mich in den letzten Jahren mit Menschen über Beck unterhalten habe, fiel oft der Satz: "Nach 'Sea Change' hat er mich verloren." Das muss nicht zwingend mit Qualitätsverlust seitens des Künstlers einhergehen. Es könnte auch damit zu tun haben, dass sich Lebensumstände ändern, und die Beck-Fans der 90er plötzlich Kinder bekommen und infolgedessen andere Dinge tun, als die Diskografien von Lieblingskünstlern auswendig zu lernen.
Interessanterweise bekam auch Beck nach dem 2003 erschienenen "Sea Change" Kinder, was ihn aber nicht daran hinderte, weiter auf die ihm eigene sprunghafte Weise Musik aufzunehmen. So richtig im Fokus der Aufmerksamkeit stand er damit nicht mehr, bei den Deutschen sowieso nicht, die interessierte mehr sein öffentliches Bekenntnis zur dubiosen Scientology-Glaubensgemeinschaft. Ich erinnere ein Konzert zur tollen "Guero"-Platte in München, wo man die halbe Halle abhängte und es war immer noch dürftig besucht. 2014 erschien dann "Morning Phase", ein 'companion piece' zu "Sea Change". Ergebnis: drei Grammys. Danach wilderte er wieder zwei Alben lang im funky Dance-Sektor, und wer aus Nachwuchs- oder anderen Gründen 2019 "Hyperspace" verpasst hat, sollte zumindest mal die Tracks "Uneventful Days" oder "Star" gehört haben.
Der neue Albumtitel "Ride Lonesome" deutet es schon an: Der 56-Jährige sattelt ein drittes Mal sein Pferd, erneut geht es allein mit der Klampfe in den Sonnenuntergang. Der Unterschied zu "Morning Phase": 2014 waren zwar auch schon alle Musiker von "Sea Change" dabei, nicht aber Star-Producer Nigel Godrich. Der hatte jetzt erst wieder Zeit. Dessen Einfluss aufs Songwriting zu benennen, ist als Außenstehender schwierig. Becks gewünschten Sound aus Akustikgitarre und Orchestrierung, verbunden mit erhabenen, meist todtraurigen Gesangsmelodien und Chören, versetzt der Brite aber wieder in dieses sehr vertraute, organisch-warme Setting.
Becks erstes Wort ist ein brüchiges "Yesterday". Und das reicht eigentlich schon, man ist sofort wieder drin im Thema: Die Frau ist weg, es fühlt sich scheiße an, aber, "you got to try to find the road", den Weg zurück alleine nach Hause. Die Instrumentierung transportiert eine Behäbigkeit, die wie ein Schleier wirkt, der in solchen Trennungsmomenten die harte Realität verdeckt, während man selbst im Selbstmitleid badet. "Run Away" knüpft genau da an, es ist 'desolation day', für den Klavier, Glockenspiel und Gitarren sphärische Akzente setzen.
Wie sehr man den lonesome Beck am Ende vermisst hat, und warum "Sea Change" so gut war, diese Erinnerung erwischt einen erstmals bei "In The Night" mit voller Wucht. Eine hypnotische Gesangsmelodie, nach unten gezogen von massiven Streichern, akzentuiertes Fingerpicking, schlicht vollendetes Break-Up-Songwriting.
In diese tiefen Schlünde zieht einen "Ride Lonesome" nicht durchgängig, aber der Anfang setzt einen Ton, den Beck und seine fünf Studiomusiker mit der Routine absolvieren, die eine Band besitzt, die sich seit 28 Jahren kennt ("Mutations"). Nicht zu vergessen den fast 80-jährigen Vater des Sängers, David Campbell, der schon die Streicher bei den Stones und Streisand überwachte.
In "Bleed" jault Beck herzzerreißend, das ätherische "For Your Love" ist der dramatische Höhepunkt und "If You Don't Know What Love Is" wieder so ein Folk-Juwel. Demgegenüber wirkt manches zu vertraut ("Disappearing Act", "It Ends Right Here") und schwingt geräuschlos vorüber. Hätte er "Sea Change" nie gemacht, wäre "Ride Lonesome" ein Ereignis. So ist es ein wenig 'more of the same', das man gerne mitnimmt: Wenn schon Americana, dann bitte so.


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