laut.de-Kritik
Eine Hook-Maschine mit 90er-DNA.
Review von Emil DröllWährend die beiden Vorgänger "Red Light Habits" von 2023 und "House Of Commando" (2024) noch deutlich experimenteller daherkamen, stellen Bird's View nun auf "Above Chaos" alle Weichen in Richtung Alternative-Rock. Bereits der Titeltrack und Opener verdeutlicht es: treibende Drums, ein zurückhaltendes Riff und dann die erste Hook mit starkem 90er-Vibe, den die Rodgauer so gerne einfangen.
Besonders eindrucksvoll gelingt das auf "Blinding Buzz". Mit angezogenem Tempo prescht der Song nach vorne, nur um sich im nächsten Moment wieder zurückzunehmen, Foo Fighters-Mitsingcharakter aufzufahren und enormes Feierpotenzial freizusetzen. Dank des permanenten Start-Stopp-Spiels gelingt es der Band dabei mühelos, niemals ins Belanglose abzudriften.
"Better Off" zeigt sich verletzlicher und homogener, hebt sich dadurch aber etwas weniger deutlich ab als "Blinding Buzz". Grungiger wird es mit "Shadows": schwerere Gitarren, erneut nahezu perfekte Hooklines und ein Song, der eher an Stadionmomente denken lässt als an Clubshows.
"Ways To Fail" rückt den Gesang stärker in den Fokus. Der Track baut sich langsam, aber konsequent auf und explodiert erst in der zweiten Hälfte so richtig: unfassbar eingängig, ohne dabei jemals stumpf Ideen zu wiederholen. Mit "No Name Rooms" setzen Bird's View dann auf Clean-Gitarren, Melancholie und weniger auf unmittelbare Tanzbarkeit – und genau das tut dem Album ausgesprochen gut.
Mit "In Between" folgt dann der erste Song, der nicht wirklich hängen bleibt und etwas zu generisch rockt. "Colors Of A Day" macht den kleinen Durchhänger aber sofort vergessen: schweres Riffing, melodischer Gesang und eine große Chor-Hook. Das klingt längst nicht mehr nach Proberaum, sondern nach einer Band, die sehr genau weiß, wohin sie will. Ohne Zweifel der stärkste Track des Albums, vielleicht sogar der beste ihrer bisherigen Diskografie.
"Hallway Eyes" macht dann punkiger weiter, funktioniert aber genauso gut. "Otro Dia" schlägt wieder kuscheligere Rocktöne an, ehe "Selling A Hand" genau das liefert, was Bird's View am besten können: antreiben. Der Song lässt permanent den Kopf nicken, während die screamartigen Gesangselemente perfekt sitzen und dem Track zusätzlichen Charakter verleihen. "Chaos B.C." beschließt das Album rotzig und roh, einer der härteren Tracks der Platte.
Insgesamt zeigen Bird's View auf "Above Chaos" eindrucksvoll, dass sie ihr kreatives Chaos mittlerweile kanalisiert haben. Das Album wirkt strukturiert, stimmig und überraschend frisch, obwohl sich die Band an den großen Vorbildern des Genres orientiert. Mit mehreren echten Highlights macht "Above Chaos" vor allem eines: neugierig darauf, was Bird's View auf den kommenden Alben noch liefern werden.


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