laut.de-Kritik
Injury Reserve lebt.
Review von Yannik Gölz"By The Time I Get To Phoenix" ist eins der besten Rap-Alben dieses Jahrhunderts. Und wenn man an diesem Statement rütteln kann, dann nicht an dem "besten", sondern vielleicht an "Rap": Nach dem Tod ihres Bandmitglieds Groggs hat das verbleibende Duo dem Wegbegleiter eine völlig dekonstruierte, abstrakte, sehnsuchtsvolle Ode gewidmet, die die Grenzen des Hip Hops in allerlei Richtungen überwunden hat. Es ist schwer anzuhören, ungestüm, überfordernd und wunderschön.
Was macht man als Band, nachdem man ein "By The Time I Get To Phoenix" veröffentlicht hat? Was macht man nach dieser gigantischen kreativen Explosion? Injury Reserve scheint dieses Thema ziemlich umgetrieben zu haben, denn Injury Reserve existieren nun nicht mehr. Die verbleibenden Mitglieder RiTchie und Parker Corey haben sich unter dem Namen By Storm neu formiert - und sich nun endlich an den wahrscheinlich so schweren Nachfolger gewagt.
"My Ghosts Go Ghosts" setzt offensichtlich die musikalischen Durchbrüche des Vorgängers fort, findet aber eine neue Atmosphäre. Es ist ein Album über die Zeit nach dem Trauern, darüber, ob und inwiefern Zeit nun alle Wunden heilt - oder ob das Leben einfach nur so lange absurd und deplatziert neue Schauplätze eröffnet, bis die Emotionen verblichen genug sind, um unter dem Rauschen des Tagesgeschehens zu verschwinden. "Fuck me, just move / I thought we was on some 'turn over a new leaf' or two / I stretch my limbs out like, 'man, it's so roomy, let's groove'", rappen sie zur Eröffnung der zweiten Hälfte - doch bis sie dahinkommen, muss erst einiges durchlebt werden.
Der Opener "Can I Have You For Myself?" ist viellicht einer der eindringlichsten Tracks des Jahres. RiTchie wendet sich an seine Frau, er eröffnet, dass die beiden ein Kind erwarten. Was schön und hoffnungsvoll klingt, wird von einer der niedergeschlagensten und melancholischsten Produktionen untermalt, die man sich vorstellen kann. Im zweiten Part klingt er, als würde er regelrecht in Tränen ausbrechen. Er hat Angst davor, dass Dinge sich verändern werden, er empfindet Scham darüber, dass er weitermachen kann.
Die Lines, die er an seine Partnerin richtet, gehen massiv unter die Haut: "Don't get it twisted, baby, I'm thankful / I guess it hit me, how the littlе things are gon' to change too / Just for a minute, can wе soak it in and just tangle?" - diese Beschwörung von Liebe und Komfort zerrüttet das Herz. Es ist einer der offensten und erwachsensten Songs über eine Partnerschaft, die die Rapmusik je gehört hat - und unter RiTchies absoluter Erschütterung spürt man tiefe Liebe und Tenderness. So paradox es klingt: Dieser Track lässt keine Zweifel, dass er ein guter Vater sein wird.
Das Thema des Festhaltens bleibt: "Dead Weight" behandelt die Frage, ob er sich die Haare abschneiden will. Er rezitiert all die Argumente, die er dafür gehört hat, all die Gedanken, er würde sich freier und entlastet fühlen, es würde einen Neubeginn markieren. Es gipfelt wieder in einer zerstörerischen Line: "They say 'Kid, yeah, you're his twin, shit / I mean that in the best way' / If I shed it, they'd forget him, nah forget it, no way".
Schnell hat dieses Album eine ganze Kammer an so spezifischen und geladenen Details für diesen seltsamen Zwischenzustand gefunden. Der Schmerz difundiert nicht, er zieht sich nur in diese kleinen Objekte zurück, von denen aus er sich jeden Moment entzünden kann. Und ja, es geht weiter, natürlich geht es weiter, aber selbst Vaterschaft oder der neue Bandname oder gar eine neue Frisur können viel helfen.
Apropos neuer Bandname: "Grapefruit" scheint das Paradox vom Anfang des Artikels ziemlich direkt zu benennen. Hier steht die Frage im Vordergrund, wie man aus solch einer Lebenssituation überhaupt noch Kunst wringen soll. "I ain't got much morе in me, for me to rip open, for y'all to just peek", rappt RiTchie dann, als wolle er uns versichern, dass er weiß, dass keine transzendentale Wahrheit mehr in ihm drinsteckt, mit deren Hilfe all das Erlebte plötzlich Sinn haben würde. In ihm drin ist nur roter Matsch. Eine Grapefruit.
Besonders hart wird dieser Kontext im darauffolgenden - und wahrscheinlich besten Track des Albums zusammengebaut. "In My Town" kontextualisiert den zermürbenden Künstler-Burnout mit einem stagnierenden Leben, einem Kind, das seine Frau und er erwarten. Die langen Fahrten zu irgendwelchen College-Shows werden wie unreife Farcen gezeichnet, den nie ganz überwundenen Schmerz tragen sie im Kofferraum herum. Die Musik, die herauskommt, zahlt die Rechnungen nicht. Wenn RiTchie dann in den letzten vier Lines darüber rappt, dass er gerade nebenbei Essen ausfährt, um über die Runden zu kommen, bricht es dem Hörer absolut das Herz: "Hey there your favorite rapper at your door now / If you wanna skip the fees, you can call now / Here I am delivering eats, writing in the car now / For them apps to them streets, nigga all around".
Und doch: "My Ghosts Go Ghosts" suhlt sich zwar durch allen Terror der Existenz - und schafft es doch irgendwie zu einem optimistischen Ende. "Double Trio 2" kanalisiert Injury Reverse in allen emotionalen Facetten - und "And I Dance" macht den trotzigen, emotionalen Kern des Albums. Dann sind sie halt Blue Collar-Arbeiter, die ihrem Pipedream von der Musik hinterherrennen, die von Tragödie gepeitscht wurden, denen das Leben jetzt und später um die Ohren fliegen wird: "We ain't gotta clean all this shit tonight (Dance with me; that's all that we can do) / Shit like this only happens once in your life".


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