laut.de-Kritik

Roadtrips, Hedonismus, gescheiterte Liebe und reichlich Alkohol.

Review von

Nach "Helldunkel" war mehr oder weniger zu erwarten, dass mit "Fahrt Ins Blaue" von Chapo102 und 102 Boyz die Sellout-Apokalypse in die Phase der Postapokalypse übergeht, und siehe da: Erwartung erfüllt. Aber da ist noch etwas anderes, das ich bei diesem Album verspüre, oder besser gesagt, nicht verspüre.

Haken wir erstmal ganz fix die Instrumentals ab, da diese sich eh kaum voneinander unterscheiden. Diese fühlen sich alle so an wie ein Mischmasch aus deutschem Indie-Pop-101 und lahmarschiger Lagerfeuermusik, bei der ich vor Müdigkeit meinen Marshmallow am Stock verkokele. Was gibt der Interpret her, wenn schon die Akustikgitarren-getränkten Beats in schnarchnäsige Territorien fallen? Roadtrips, Hedonismus und gescheiterte Liebe, also ebenfalls Indie-101, gepaart mit Alkohol. VIEL Alkohol.

Ich habe ja nichts gegen einen guten Saufsong. Auch wenn ich 102 Boyz längst nicht mehr auf dem Schirm habe, erinnere ich mich an Nummern wie "Bier" oder "Saufen" aus der "Asozial Allstars"-Ära zurück, die viel mehr Spaß machten. Aber nach genauerer Auseinandersetzung mit dieser LP dachte ich, an einer regelrechten "Leitkultur-Fatigue" zu leiden. Dürfte aber eher daran liegen, dass Chapo hier so performt, als hätte er ein massives Trinkproblem, um das er sich nicht kümmert, und es nervt extrem, ihm bei diesem Absturz zuzuhören.

Besonders verdeutlicht das "Tote Tauben". Nebenbei bemerkt, benutzt Chapo über lange Strecken des Albums eine grässliche Grölstimme, die dem Hörer vermutlich irgendeine Emotionalität suggerieren soll. Vielleicht auch Mitleid bei uns erzeugen soll? Ich hoffe nicht. Ich will ihn aber fast schon dafür loben, wie exzellent er mit dieser Delivery das Bild eines elenden Trunkenbolds verkörpert, zum Beispiel im Moment, wenn er die Zeilen "Ich war schon lange nicht mehr nüchtern / Ich war schon lange nicht ich selbst / Und eigentlich bin ich ja schüchtern / Dagegen hab' ich was bestellt", droppt. Das hätte ich mir dann aber lieber in filmischer und nicht in musikalischer Form gegeben, denn so klingt es schlichtweg eklig.

Dann braucht er sich auch nicht zu wundern, dass seine Love Interest scheinbar nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte, wie er auf "Wer Hat Diese Frau Gesehen?" beklagt: "Sag mir, wann seh', wann seh' ich dich wieder? / Wenn ich den Boden seh' vom Glas", und "Und ich heb' mein Glas, trink' auf dich wie jeden Tag / Und ich trink', weil ich den Kummer nicht ertrag'." Bereits in der ersten Zeile auf dem ersten Song "Fahrt Ins Blaue" klingt es so, als wollte Chapo sie wie einen Gegenstand in seine Karre werfen: "Pack' die Klampfe ein und danach meine Frau / Auf der Fahrt ins Blaue, ja, da gibt's keinen Stau." Urks ...

Der Titeltrack hebt sich übrigens ein wenig vom Rest des Albums ab, leider nicht im guten Sinne. Die Nummer wirkt durch Chapos Delivery so, als hätte man einen kontemporären Mainstream-Country-Sänger aus den Staaten verdeutscht. Hätte nur noch gefehlt, dass Chapo sich auch thematisch an dieses Genre anbiedert und gegen Migranten oder böse Liberals hetzt, die einem vermeintlich das BBQ oder den Ford F-150 verbieten wollen. Zum Glück handelt es sich nur um einen langweiligen Roadtrip-Song.

Der Plotpoint mit der Love Interest beherbergt zwar den ein oder anderen netten Einfall wie solche Zeilen: "Hab' von 'nem Sprüher-Kumpel Schlüssel für die BVG / Schnapp' mir das Mic, und schrei': 'Wer hat diese Frau geseh'n?'" in "Deutsche Oper", aber auch merkwürdige wie "Uns're Liebe war ein iPhone und kein 3210" in "Schön, Dass Du Da Warst". Kennste? Kennste? Weil das Nokia 3210 quasi unzerstörbar ist und bei dem iPhone beim ersten Fall auf den Boden das Display kaputt geht? Mhm. Höchst romantisch.

Auf "Entgiftung" rät sie Chapo sogar, sich für sein Saufproblem einzuweisen. Wäre doch eine Lösung, oder? "Mein Baby sagt, ich brauch' Entgiftung, ich sag': 'Bla, bla, bla.'" Oh, doch nicht? "Ihr tut alle so, als wär' ich wie Christiane F / Doch mir geht's nicht schlecht, klar, es könnte besser sein / Hätt' ich jetzt die Kohle für mein'n gottverdammten Lieblingswein." An der Stelle glaube ich fest daran, dass er sich extra dem Entzug entzieht, weil er sonst keine anderen verschissenen Themen findet, mit denen er seine Musik füllen kann.

Okay, auf "Wir Sind Laut" widmet er sich spezifischer dem Themenkomplex "Zoomer-Zukunftsängste": "Wir sind mittendrin im Lеben, doch wir kenn'n uns hier nicht aus / Hab' gedacht, in meinem Alter hat man Garten und ein Haus", oder "Was ist GEZ und wie zahlt man seine Steuern? / Sag, wie findet man 'ne Wohnung und seit wann sind Mieten teuer?". Ein bisschen kommt es mir bei dem Song aber vor, als säße ich wieder vor der Review von "Kids" von Kasi & Antonius von vor paar Wochen. Ist das jetzt der neueste, heiße Scheiß in der aktuellen deutschen Indie-Pop-Generation? So weit ist es also schon gekommen.

Das Schärfste aber: Bei all der Wut und Genervtheit, die man beim Lesen dieser Rezension möglicherweise aus mir heraushört, habe ich eigentlich (und hier kehre ich an den Anfang zurück) während des mehrfachen Durchhörens dieser Platte nahezu nichts verspürt. Mich störte nahezu nichts, genauso wie mich nahezu nichts erfreute. Erst im Nachhinein und mit genauerer Analyse hat sich für mich manifestiert, was an diesem Album alles falsch ist.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn ich in eine Situation geraten wäre, Chapo102s "Fahrt Ins Blaue" zu hören, ohne zu reviewen, wäre dieses Projekt vermutlich wie kaum ein anderes musikalisches Werk einfach an mir so vorbeigeglitten. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Ist das hier die egalste Musik aller Zeiten? Auf jeden Fall ein würdiger Kandidat.

Trackliste

  1. 1. Fahrt Ins Blaue
  2. 2. Wir Sind Laut
  3. 3. Deutsche Oper
  4. 4. Es Tut Mir Nicht Mehr Weh
  5. 5. Apropos
  6. 6. Warschau (mit Gustav)
  7. 7. Tote Tauben
  8. 8. Wer Hat Diese Frau Gesehen?
  9. 9. Entgiftung
  10. 10. Bist Du Jetzt Glücklich
  11. 11. Atemnot
  12. 12. Schön, Dass Du Da Warst
  13. 13. Hinterkopf
  14. 14. Schöne Dinge
  15. 15. Für Immer

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