laut.de-Kritik
Viktorianische Streicher und (selbst)zerstörerische Liebe im XCX-Universum.
Review von Ben SchiwekDer Film setzte Emily Brontës Buchtitel "Wuthering Heights" in Anführungszeichen, um klarzustellen: Das soll keine haargenaue Adaption sein. Ähnlich verhält es sich mit Charli XCX' neuem Release und dem Wörtchen "Soundtrack": Von den zwölf Songs auf "Wuthering Heights" kommen im Film nur wenige vor, und die meist auch nur als kürzere Ausschnitte, ansonsten dominiert dort der Score von Anthony Willis. Das ist kein Kritikpunkt, nur eine Klarstellung, mit was wir es hier zu tun haben: ein Companion-Album, das die Themen und Ästhetik des Films weiterdenkt und ins XCX-Universum transportiert.
Charli XCX anzuheuern, um Musik zu einem ohnehin mit Spannung erwarteten Blockbuster wie diesem beizusteuern, ist ein schlauer Move. Zum einen nimmt man die Hype-Nachwehen der "Brat"-Jahreszeiten (das war nicht nur ein "Summer") mit, zum anderen zeigt man: Brontës Stoff aus dem 19. Jahrhundert trifft auf eine Künstlerin, die die Gen Z wie kaum eine andere definiert – das wird also eine bewusst moderne Reinterpretation.
Auch für Charli ist das ein geschickter Schachzug, vielleicht sogar der einzige, der ihr möglich war. Nach "Brat" fühlte sie sich verständlicherweise kreativ ausgebrannt. Was tut man, wenn man das popkulturell relevanteste Album der 2020er veröffentlicht hat? Richtig, gar nicht erst versuchen, etwas Ebenbürtiges zu schaffen, sondern etwas gänzlich anderes, bei dem es auch erstmal nicht nur um Charli selbst geht, sondern um den Film. So sagt Charli es selbst: "Diese Sammlung an Songs ist ein Album, und natürlich steht mein Name drauf, aber ist es ein Album von Charli XCX? Ich weiß es nicht einmal. Es ist mir auch nicht wirklich wichtig, es herauszufinden."
Stattdessen taucht Charli in Emily Brontës – oder eher Emerald Fennells – Welt ein, "in eine Welt, die sich unbestreitbar roh, wild, sexuell, gothic, britisch, gequält und voller echter Sätze, Zeichensetzung und Grammatik anfühlte", erklärt die Musikerin weiter. "Ohne eine Zigarette oder eine Sonnenbrille in Sicht war alles völlig anders als das Leben, das ich gerade führte." Also schreibt sie Songs, die von den Themen und Perspektiven der Charaktere inspiriert sind, was meistens heißt: Hier ist ein Song über (selbst)zerstörerische Liebe, über eine Beziehung, die vorherbestimmt und perfekt wirkt, und dennoch eine toxische Dynamik annimmt. Und noch einer.
Das fasst Charli XCX hier und da gut in Worte: Zum Beispiel sind die besungenen "Chains Of Love" ein schönes Bild für die Zweischneidigkeit der Loyalität, naja eher Obsession, die Catherine und Heathcliff füreinander haben. Die Ketten sind eine starke und unzerbrechliche Verbindung, andererseits sind sie für immer einengend und von schwerem Gewicht. Allzu spannend geraten Charlis Texte aber größtenteils nicht. Klar, das sollen keine persönlichen Lyrics sein, es ist ja für den Film gemacht; und klar, das darf ruhig dramatisch überhöht wie der Film sein. Des Öfteren gerät es dadurch aber zu generischen Booktok-Phrasen.
Am cleversten sind da wiederum die ersten beiden Tracks, da hier doch etwas von Charlis persönlichem Meta-Commentary versteckt scheint. John Cales Gedicht in "House", über eine selbsterschaffene, wunderschöne Welt, in der man sich zunehmend gefangen findet und schließlich erkennt: "I think I'm gonna die in this house" – das trifft zwar auch auf die beengende Dynamik in "Wuthering Heights" zu, wäre aber schon ein grober Zufall, wenn Charli das nicht als Metapher für ihre Post-"Brat"-Desillusionierung beabsichtigt hätte. Und auch "Wall Of Sound" treibt diese Idee weiter: Charli fühlt sich gelähmt und wird von einer Mauer an Gefühlen überwältigt.
Auch musikalisch sind diese beiden Songs gute Beispiele dafür, wie Charli sich an die Welt von "Wuthering Heights" anpasst. Das viktorianische Flair des Films setzen Charli und Produzent Finn Keane vor allem in Streichern um. Mal sind diese sanft und majestätisch, mal erzeugen sie beunruhigende Kakophonien. Wie der Kontrast aus Lintons übertrieben luxuriösem Schloss und der verregneten Armut und Gewalt in der Außenwelt. Elegant und brutal, das war die Idee, die Charli im Kopf hatte, nachdem sie dieses Credo von John Cale gehört hatte. Das passt auch zu Charlis musikalischen Stärken, da sie auch auf vorherigen Alben mal zuckersüßen Pathos, mal dröhnende Synths lieferte.
"House" ist auf der brutaleren Seite: der mit Abstand düsterste und intensivste Song, ein absoluter Leckerbissen, der danach auch nicht überboten wird. "Wall Of Sound" setzt auf die erwähnten kakophonischen Streicher, "Always Everywhere" wiederum auf Eleganz und schön überhöhte Sehnsucht. Drums braucht es da in einigen Tracks gar nicht, da die Streicher – beispielsweise in "Seeing Things" – oft rhythmisch agieren.
So richtig klickt aber nur wenig hier, was nicht an der Produktion, sondern an den Songs liegt. "Dying For You" und "Chains Of Love" werden Fans der großen Pathos-Balladen glücklich machen, ihnen folgen vor allem in der zweiten Hälfte zunehmend beliebiger klingende Pop-Melodien auf B-Seiten-Level. Zum Schluss baut "Funny Mouth" noch mal Spannung und Momentum im Refrain auf, kommt aber nicht an die Atmosphäre von "House" heran. Ansonsten passiert viel, das ganz nette ästhetische und thematische Ideen aus "Wuthering Heights" umsetzt, aber weder die Identität des Films, noch die Identität Charlis zu 100% zur Geltung bringt.


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