laut.de-Kritik
Wieder mal total okay.
Review von Franz MauererBoah, ist Chet Faker schon lange dabei. "Built On Glass" ist zwölf Jahre her und damals wirkte es so, als könnte aus Nick Murphy so richtig was werden. Danach ließ er sich erst Zeit, von 2019-2021 erschienen gleich vier Alben, zwei unter echtem Namen, alle waren total okay und total egal. "Take In The Roses" ist schon wieder fast fünf Jahre her, da wollen wir uns das gefühlte Comeback "A Love For Strangers" doch zu Gemüte führen.
Ob Faker jemals Soul war, darüber lässt sich trefflich streiten, jetzt ist er jedenfalls im Pop angekommen. Nur seine Stimme hat nach wie vor etwas enorm Angenehmes, Souliges. Dabei biedert er selbst bei den "mhmhmhm"s auf "Far Side Of The Moon" nie schleimig an, macht auch nicht auf Über-Aussie, sondern ist komfortabel austauschbar – H&M-Kleidung als Sänger. Komfort braucht Qualität: Die Nähte halten auf dem gesamten "A Love For Strangers". Beim Vorübergehen wippt man vorm Schaufenster bei "This Time For Real", lässt wie der Sänger im Video bei "Over You" den Fahrtwind ins Gesicht treiben, tanzt vielleicht sogar bei "Oh No Oh No".
Selbst in den kitschigsten Momenten des Pathos-Sermons "Can You Swim?", der Akustikselbstmitleidsmasturbation "Inefficient Love", dem Hauch "A Level Of Light" und sogar dem faulen "Remember Me" mag man dem knuffigen Bartträger nicht böse sein, das liegt aber nicht nur an der Knuffigkeit, sondern: schlecht ist das alles nicht. Nur eben auch nicht richtig gut. Neben der Stimme ist es die instinktive Musikalität des Komponisten Murphy, die beispielsweise einem "A Level Of Light" immer im richtigen Moment das nächste Stilelement, den nächsten Schubs, die nächste Krücke reicht, damit das alles passt – und man als Hörer nicht mal auf die nächste Verzierung wartet, sondern der Musikstrom nahtlos fließt. Wie behaglich das alles ist, merkt man, wenn auf "The Thing About Nothing (feat. aLex vs aLex)" (interessant ausgewählte) Gäste auftreten: nein, danke. Der Nick reicht uns.
Zwei Arten Ausreißer gibt es: Im Outro "Just My Hallelujah" wirft er sich hüllenlos in den eigenen Schmerz und die Freude an der eigenen Tiefe, dass durch diese Unmittelbarkeit eine Nähe erreicht wird, in der er vom Unterhalter zum Songwriter wird; kommt dann, wie stets, sein Talent für die Details dazu, dann hat man schnell einen klasse Schmusesong. "1000 Ways" darf man einen Song natürlich nie nennen, das erinnert zu sehr an "A 1000 Times" und damit einen der besten Songs aller Zeiten, aber auch der reißt aus und auch der nach oben. Der Beat und die flirrende Melodie zeigen auf, was für eine tolle Decke Murphys Stimme ist. Durch das ganze Album hindurch ist immer beides flächig und getragen, Musik und Stimme; hier ist es nur die Stimme und es ist echt nicht leicht, sich nicht in diesen Schmuseaussie zu vergucken. Nimmt man dann noch das wirklich gelungene Interlude "Angels Dolphins 1:11" hinzu, weiß man: Hier ginge so viel mehr, hier steckt eine Mischung aus Sampha und James Blake, die ein Produzent hervorlocken müsste.


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