laut.de-Kritik
27 Minuten schweres Glück durch erhöhte BPM.
Review von Sibel TayçimenFarces drittes Album "The Label" kommt hochverdichtet und punchy daher und bewegt sich zwischen Pop, Electroclash, Trance und einem unterschwelligen Emo-Gefühl. In nur 27 Minuten begleitet man die in Wien lebende Veronika J. König durch Songs über Begierde, Selbstbilder und Fremdzuschreibungen. Der Albumtitel ist dabei Programm: "The Label" kreist um das Bezeichnen und das Bezeichnetwerden, um Zuschreibungen, die die Sängerin annimmt oder wieder abstreift. Musikalisch geschieht das mit eingängigen Hooks, AutoTune-Einsatz, scharfkantigen Synthesizern, fragmentierten Gitarren und einem Sound, der zwischen Euphorie und Reibung schwankt.
Das erste Label, das man einem Album verpassen kann, erfolgt meist auf Grundlage des Covers. Creative Director Ela Kielhorn stellt mit dem Artwork unter Beweis, dass dieser Gedanke bei der Komposition präsent war. Auf dem Cover ist ein gerahmtes Foto abgebildet: Es zeigt Farce, mit Blitz fotografiert, unter einem schwarzen Nachthimmel. Sie trägt einen schwarzen Hoodie, eine Lederjacke und eine dunkle Jeans. In ihrer Hand hält sie einen überbelichteten, reflektierenden Gegenstand – Handy oder Spiegel? Nicht eindeutig. Der von Frances Stusche gestaltete Metallrahmen lässt eher an düstere Genres als an Pop und Electronica denken. Die unzähligen, unregelmäßig gewachsenen Spitzen und die glänzende Oberfläche verleihen dem Cover etwas Massives und Brutales. Der Rahmen umgibt die Sängerin nicht bloß, sondern schließt sie regelrecht ein. Das Porträt wirkt wie ein bewusst inszenierter Blick auf sie und markiert gleichzeitig die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Farce und dem Blick der betrachtenden Person.
Auf Bandcamp ergänzt die Sängerin, dass das Album (eigentlich in Majuskeln geschrieben!) unter anderem "for lonely girls", "theatre kids in corporate jobs", "neurotic lesbians" und "later in life queers who love David Byrne" sei, während es sich gleichzeitig gegen "reductivism", "boring pop" oder "bootlickers" richtet. Peak Internetkultur. Dieses Selbst-Kategorisieren in "aesthetics" und "niches", das auf Plattformen wie TikTok oder Instagram ständig stattfindet, greift einen zentralen Gedanken des Albums auf: Kategorien schaffen Zugehörigkeit und grenzen gleichzeitig aus.
Musikalisch beginnt "The Label" überraschend gitarrenlastig. Der Opener "Deeply Strange People", benannt nach Farces Newsletter, erinnert mit seiner direkten Stimme und den elektrischen Gitarren stellenweise an St. Vincent. Die Zeile "You're a sweet, sweet kid of some really strange people" verbindet familiäre Herkunft mit der Frage, welche Geschichte wir über andere erzählen. Gegen Ende öffnet sich der Track kurz: Pfeifen legt sich über die Gitarren, Farce singt langsamer, der Song franst aus.
Mit "Cherry Angioma" zieht das Album das Tempo weiter an. Das stotternde "Ch-ch-ch-cherry angioma" entwickelt sich zur catchy Hook, bevor der Song nach gut einer Minute deutlich elektronischere Gefilde betritt. Synthesizer und gesteigerte BPM treiben den Sound in Richtung Trance, ohne die poppige Eingängigkeit zu verlieren. Die Coca-Cola-Referenz verankert die elektronisch-euphorische Klangwelt in einer sehr konkreten Pop-Gegenwart.
"Migraine Sex" verbindet tranceartige Beats mit geschichteten Kopfstimmen und spoken-word-artigen Parts. Während der Blick der Sängerin nach innen wandert, tritt ein negativ konnotiertes Selbstbild hervor: "And I can't be anything, anything unfortunately". Die Liebesgeschichte eröffnet Selbstreflexion, in der deutlich wird, dass im Kontakt mit einer anderen Person etwas Produktives entstehen kann. Die Zeile "Before I met you, I never wanted to be a singer" kehrt immer wieder zurück.
In "Jesus In Iowa" tragen wabernde Beats und eine warme, straight-forward gerichtete Stimme zunächst ein fast überhöhtes Liebeslied. Wenn Farce singt, "We found love / We saw Jesus in Iowa" wirkt das etwas absurd und pathetisch, bis sie die eigene Erzählung mit "Or was it OH - IO / How the hell would I know / I never made it to America" selbst wieder unterläuft.
Mit "Big Swiss" erreicht das Album einen weiteren Höhepunkt. Inspiriert von Jen Beagins gleichnamigem Roman kreist der Song um das Begehren einer anderen Person. Der wiederholte Wechsel zwischen "I wanna know her" und "I don’t know her" bringt genau dieses Gefühl eines Crushs zum Ausdruck. Musikalisch verdichtet sich die Wiederholung zu einem Sog, während der Text zeigt, wie Begehren in Obsession umschlagen kann. "Skin On Skin" arbeitet auch mit Wiederholung und klanglicher Übersteigerung, die ihn zu einem der unmittelbarsten Popsongs des Albums macht – ein Flirt mit dem Genre Hyperpop. Der Instrumentalpart kurz nach der Songmitte lässt den Track kurz aufatmen, bevor er wieder zu seinem tanzbaren Puls zurückfindet.
Die zweite Albumhälfte öffnet den Blick zunehmend auf Popkultur und Öffentlichkeit. "1st Millennial Saint" beschreibt Fandom als quasi-religiöse Erfahrung. Das evozierte Bild von fünfzigtausend trauernden Amerikaner:innen ist irgendwie beides, aufrichtig und ironisch. Gerade diese Gleichzeitigkeit und die Steigerung von Emotionen und Sound erinnert an Hyperpop. "Culture Vulture" greift das Performen von Szenezugehörigkeit auf. Zwischen deutlichen Electroclash-Anleihen und tanzbarem Beat erörtert Farce, wer eigentlich wieso dazugehören möchte, und formuliert in den Zeilen "Culture vulture / Scene succubus / Culture vulture / You wanna be one of us" die Kritik an der inneren Aushöhlung der Szene, wenn der Fokus bloß auf dem Gesehenwerden und auf Aufmerksamkeitshascherei gelegt wird. Man möchte sich in den Song schmeißen und durch den Beat tanzen.
In "Going To The People Museum", einem der stärksten Songs des Albums, läuft die Gegenüberstellung von Selbstbild und Fremdzuschreibung schließlich zusammen, wenn Farce "I'm just a word to them / Personal mythology" singt. Obwohl das eigene Leben vielschichtig und komplex ist, von außen nicht unbedingt einsehbar, können andere daraus nur ein einziges Etikett machen.
Mit "Tar" endet das Album widerständig. Es geht darum, sich nicht kleinmachen zu lassen, auch wenn andere es versuchen mit Aussagen und Fremdzuschreibungen, die "like a shoe in a tar pit" festgefahren sind. Mit heavy AutoTune-Einsatz und unterstützt von zusätzlichen Backing Vocals entfaltet der Song noch einmal eine Hartnäckigkeit, die Eindruck hinterlässt.


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