laut.de-Kritik
Alle modernen Rap-Genres durch die Pinball-Maschine georgelt.
Review von Yannik GölzFearDorian ist einer der interessantesten Gestalten des neuen Rap-Untergrunds. Als Teil eines semi-offiziellen Movements mit Polo Pers <3 <3 <3 (das ist wirklich sein Name), AyooLii und Ritchie wurde ihm schon so mancher Genre-Begriff übergestülpt. Jerk, Plugg oder Lowend? Oder doch Evergreens wie Emo-Trap oder das immergrüne und nie ganz weggegangene Cloud Rap?
Der Grund, dass FearDorian genre-technisch gar nicht so leicht zu katalogisieren ist, liegt darin, dass der Junge ein ziemlich wandelbarer Artist ist. Sein neues Album "Leaving Home" wirft mit modernen Rap-Ideen um sich, die sich anfühlen, als sollte man sie einer kohärenten Strömung zuordnen können. Aber im Kern bleibt doch ein sehr wandelbares musikalisches Empfinden. Um den Versuch zu wagen, es einmal herunterzubrechen: Dorian wirkt wie ein Tyler The Creator, der mit der Lil Peep-Soundcloud-Generation groß geworden ist.
Und ich spreche von später Phase Tyler und früher Phase Peep: So finden wir hier definitiv eine große Affinität für sphärische, emotional uneindeutige Samples, die links und rechts weit an die Horizontlinien der elektronischen Musik schauen. Den Cloud Rap hört man immer dann heraus, wenn die repetitiv-blockigen Samples so weit davonhallen, dass man einen Burial-Ambient-Track heraushören könnte. Den Emo-Trap hört man in den "17"-esken Gitarren auf Tracks wie "Forecasting". Und doch ist da nichts mit den schwerfälligen 808s der Zehnerjahre, sondern ein klares Bekenntnis zu diesen schubhaften, gechoppten Bässen, die man typisch für moderne Jerk- oder Lowend-Projekte finden würde. Sogar ein vereinzeltes Jersey Club-Drumpattern findet sich auf "Pray 4 The People" - interessanterweise stilbrechend unter einem der politischsten und ernstesten Songs des Albums.
Stilbruch ist sowieso die Methode, die diese ganze junge Rappergeneration auszeichnet. Der große Durchbruch von Charli XCXs "Brat" war diese Erkenntnis, dass es persönliches Indie-Songwriting so viel spannender macht, wenn man es über Britney Spears-Produktion legt. Nach der selben Logik baut FearDorian hier erzdepressiv-frostige Synthesizer-Beats, um darauf mit monotonster, druffster Stimme zu wiederholen, was für ein geiler Typ er sei. Wenn er mal einen fröhlich klingenden, tanzbaren Knock in die Hand bekommt, schüttet er sein Herz aus.
Vielleicht ist es dementsprechend auch sinnlos, weiter über Genres zu sprechen. Ich habe ja diesen Impuls, weil innovative Sounds mich irgendwie triggern, das sofort in eine Schublade oder eine Bewegung sortieren zu wollen. Aber gerade mit Leuten wie FearDorian scheint es mir schon so, als wäre seine Kunst, musikalische Ideen quer durch die Pinball-Maschine zu orgeln. Sachen wie "Pressure" oder "One Thing is Certain" sind halt einfach unikate Resultate von einem kreativen Dude, der mit der Produktion experimentiert.
Aber diese Vielseitigkeit, diese musikalische Frischheit macht "Leaving Home" so beeindruckend. Ich würde nicht einmal sagen, dass das Tape mit seiner post-post-post-ironisch invertierten Melancholie eine richtig kohärente emotionale Stoßrichtung hat. FearDorian scheint einfach einer der interessantesten Rapper-Producer der Gegenwart zu sein. Er macht trotz wiederkehrender Motive nie den selben Song zwei mal und Stand jetzt fühlt es sich auf jedem Track aufregend und erfrischend an, was dieses Mal klanglich oder textlich passieren wird.
Noch keine Kommentare