laut.de-Kritik

Winehouse 2.0: Sopranessenz über satten Bässen.

Review von

Eigentlich war es ein genialer Schachzug, den prägnanten Samples in Doja Cats 2023er-Sommerhit "Paint The Town Red" gleich ein ganzes Album mit neuen Originalen im Stile von "Walk On By" hinterher zu schicken. Brooke Combe kam Musikfans 2025 wohl trotzdem nur unter, wenn sie gezielt und sehr hartnäckig nach Soul-Nachwuchs Ausschau hielten. Vielleicht liegt es daran, dass "Dancing At The Edge Of The World" ein wenig beworbenes, gleichermaßen einschüchternd perfektes Debüt eines noch unbekannten Namens darstellt.

Das muss aber kein Hindernis sein. Es gibt diese Geschichte von Sade, wie sich die Band Anfang der Achtziger schwer tat, einen Plattenvertrag zu ergattern, weil sie auf einem organischen Sound samt fetter Bassdrum bestand, inmitten einer Ära von Synthetik, sowie auf einer klaren eigenen Handschrift, die sich durchs gesamte Debüt ziehen sollte. Daran erinnert dieser antizyklische Erstling der 29-jährigen Brooke.

Vorneweg: Das Vinyl ist aktuell wohl ausverkauft.
Die CD braucht in den meisten Online-Shops einen Monat Import-Lieferzeit. Und in Läden auf dem europäischen Festland stand dieser UK-Release eh nie. Die Gitarristin, Pianistin, Keyboarderin und Singer/Songwriterin aus einer schottischen Kleinstadt führt die Geschichte des britischen Soul auf ihre ganz eigene Art fort.

Alle Tracks orientieren sich massiv an den 1960ern. Aber nicht in Form eines Abklatsches und ohne jeglichen Mainstreamkompromiss. Vielmehr als es Mick Hucknall und Simply Red in der Regel wagten, inszeniert sie in ihrem Retroreigen lupenreinsten Northern Soul in verschiedenen Spielarten. Nie allerdings ahmt sie dabei jemanden konkret nach, dazu klingt das Resultat zu zeitgemäß und selbstbewusst.

Als Songwriterin mit famoser Ausdrucksweise, die in ihren kompakten Abhandlungen über Liebe, Romantik und Alltagspsychologie kristallklare Worte findet (ähnlich Ella Eyre) und diese so lebendig wie eine Schauspielerin betont, zieht sie ihren Stil durch. Ihre Stories kleidet die Newcomerin rundherum in wunderschöne Melodien, die so viel Harmoniekunde beweisen und Eingängigkeit bieten wie selten.

Alle Songs gehen ohne Umwege schnurstracks ins Ohr, und obwohl ich ein Fan langer Songs bin und hier jedes Stück nur um die drei Minuten kurz ist, fehlt nichts: Es hagelt Überraschungsmomente in der Instrumentierung. Es gibt Spannungskurven und Bridges. Die Künstlerin gibt neben ihrer beeindruckenden Stimme noch viele weitere Hör-Anreize. Zum Beispiel erscheinen kurzzeitig psychedelisches Wah-Wah-Gebratzel in "Guilt" und Zitter-Gitarren in "If I Could Only Be Yours", in dem ein übermächtiges Orgel-Spektakel alles durchtränkt.

Es gibt noch eine Geschichte, an die Brooke Combe erinnert; Anita Baker hat sie mal erzählt: Man wächst als Grundschülerin in einer Entertainment-Kultur auf, in der kaum dunkelhäutige Frauen im Fernsehen auftreten. Zwischendurch stechen eine Diana Ross mit ihren Supremes oder eine Martha Reeves mit ihren Vandellas heraus.

Die junge Anita nimmt zuhause einen Kamm in die Hand, stellt sich vor den Spiegel und trällert, wie in der Gospel-Kirche gelernt los. Es würde nicht verwundern, wenn es bei Brooke Combe ähnlich gelaufen wäre. Ihre choralen Arrangements strahlen ganz viel von dieser Martha Reeves-Wärme und "Heat Wave" aus.

Spaß am guten Groove durchdringt dabei als Hauptmerkmal jede Faser der Platte. Brooke präsentiert sich als ungeheuer starke Vokalistin, ob in Phrasierung, Ausdruckskraft oder Tonspektrum. Ihr müheloses Säuseln im Sopran überrascht angesichts ihrer tiefen Sprechstimme. Die himmlischen Höhen, in denen sie schwungvoll trällert, kontrastieren Bassline-Tiefe und erdige Beats. "The Last Time" wählt besonders eindrucksvoll diesen cleveren Kniff, jauchzende Vocals und massive Bassigkeit zu kombinieren. In "Shaken By The Wind", verfasst mit Tom McFarland von Jungle, singt sie sogar mit subtilem Vibrato zum flowenden Klavierspiel.

Unter diesem Aspekt ist Combe, die Omas Motown-Sammlung ebenso wie 2000er-Neo-Soul studierte, mehr als eine neue Variante einer möglichen nächsten Amy Winehouse. Einen Vertrag mit Island/Universal hatte Brooke Combe auch schon, mittlerweile ist Universal nur noch der Vertriebspartner ihrer Indie-Firma. Das Europäische ist ihrer neuen Platte aber kaum anzuhören, sie könnte auch aus Detroit oder Philadelphia stammen.

Wo immer diese 'Edge Of The World' liegt, "Dancing At The Edge Of The World" präsentiert sich als ziemlich pure Soul-Scheibe, die super klingt. Hin und wieder klingen in einzelnen Momenten Gabrielle oder Heather Small an. Doch das bleiben Augenblicke, dann steigt Brooke wieder tiefer in ihre amerikanischste Souligkeit ein. Die aufmerksamen Texte, die sie so gut betont, erscheinen in sattem Sound. Stellenweise scheint eine LSD-Idylle manche Zeile zu umwabern ("Butterfly"). Andernorts zeichnen Streicher die Atmosphäre der "Lanewood Pines". In insgesamt vier Stücken ist ein Streichquintett zu hören.

"Freedom never felt so sweet", meint die Künstlerin im Titellied, eine zutreffende Aussage bezüglich ihres Longplayers, dessen Über-Song "Guilt" heißt. Dieser mächtige, kantige Psychedelic Soul-Tune transportiert etwas Geheimnisvolles. Das charismatische Arrangement wirkt so edel wie auch kratzig. Die Credits verraten nichts über die brummeligen Geräusch-Akzente, die sich wie Tenorsaxophon und Clavinet anhören. Der Sound biedert sich nicht an. Der attraktive Gitarren-Jam fügt sich in die bravouröse Drei-Minuten-Kompaktheit nahtlos ein.

Geschrieben haben den Song Brooke selbst und James Skelly von The Coral, der die gesamte LP produziert hat, Paul Butler kümmerte sich um die Umsetzung. Er arbeitet seit langem mit Michael Kiwanuka zusammen, (ko-)produzierte zuletzt auch die Seratones sowie Nick Waterhouse ("Promenade Blue").

Der Text von "Guilt" erzählt, wie man sich guten Gewissens in die verkehrte Person verlieben kann, weil eine magnetische Verbundenheit vermeintlich absolute Gewissheit gibt: "Bonnie and Clyde / It's the perfect crime under the covers / Natural-born lovers - but we're killin' each other. / Diva or wife - a kiss or a knife to the gut. / (...) You're no good for me and it's killin' me / A pain only you can heal. / You're no good for me and it's killin' me. / I'm chained to the way I feel -
but I love it.
"

Trackliste

  1. 1. Prelude
  2. 2. This Town
  3. 3. Guilt
  4. 4. Shaken By The Wind
  5. 5. L.M.T.F.A.
  6. 6. The Last Time
  7. 7. Pieces
  8. 8. If I Could Only Be Yours
  9. 9. Lanewood Pines
  10. 10. Butterfly
  11. 11. Dancing At The Edge Of The World

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