laut.de-Kritik

Anscheinend kennen Chabos sie.

Review von

Teeniestars passieren. Da führt kein Weg vorbei. Statistisch fühlt niemand Musik härter und intensiver als Teenies, also macht es nur Sinn, dass es Musik gibt, die von ihren Altersgenossen produziert wird. Manche von ihnen waren großartig, manche bescheuert. Oft haben sich ihre Arbeitsverhältnisse im Nachhinein als ausbeuterisch herausgestellt. Man kann nur hoffen, dass die Musikindustrie dazugelernt hat. Aber natürlich ist es schwer, dem gegenüber nicht ein bisschen zynisch zu sein.

Trotzdem: Zah1de präsentiert sich auf ihrem ersten Album als ein ziemlich guter Teeniestar. Die über TikTok absolut viral gegangene Rapperin und Tänzerin lebt auf Singles wie "Mona Lisa Motion" einen cartoonhaften Rappertraum. In Zeiten, in denen jeder erfolgreiche Rapper das Rapstarleben nur noch als eine tragische Malaise beschreibt, ist Zah1des helle Freude über den Fame ehrlich erfrischend. Sie jetsettet nach Paris und Dubai. Sie sieht ihren Nailtech öfter als ihre ABF. Sogar Lehrer stalken sie auf Instagram!

Zah1de wirkt, als hätte sie Spaß. Und das bedeutet in diesem freudlosen Game ehrlich etwas. Ein Teeniestar verkauft ganz automatisch eine Fantasie. So oft Zah1de gerade in ihren früheren Singles wie eine Aneinanderreihung von Gen Alpha-TikTok-Topkommentaren geklungen hat, findet sie im Laufe des Albums immer mehr eine Stimme. Eine Stimme, die im Grunde genau das ist: Wenn sie sagt, sie ist "immer noch Zah1de from the block", dann meint sie, dass sie wirklich nur eins von hunderttausenden Mädchen in den Kommentarbereichen ist. Sie reißt die selben Witze, sie hat den selben Humor. Die Aufgabe eines Teeniestars ist es, all die Kids zu verkörpern - und ihrer Gewöhnlichkeit Glamour zu verleihen.

Dazu liefert sie auf diesem Tape quasi die Dokumentation, wie sie in einem halben Jahr geil rappen gelernt hat: Wo ihre Debütsingle "TikTok Sportlich" noch amtlicher Müll war, auf dem man ihr ein paar 'how you do fellow kids"-ass-Bars geschrieben hat und die wackelbeinige Delivery mit unpassendem Autotune überspielen wollen - sind wir heute bei Tracks wie dem absolut vernichtend benannten "Labubu Freestyle".

Und was soll ich sagen? Ich muss beschämt berichten, dass "Labubu Freestyle" ein absoluter Brecher ist. Zwischen dem ersten Track und dem Point of Arrival hier hat sie einen supersouveränen Flow gefunden, der interessant vor und hinter den Beat ausfällt. Truth be told: Ich halte Zah1de raptechnisch für ein Talent. Sie versteht, wie sie Pointen setzt, sie versteht, wie man mit Timing arbeitet, sie hat eine ehrlich gute, prägnante Stimme. Das Handwerk hat sie graduell gelernt, aber darin, rotzfrech und kompromisslos Charakter in einen Bar zu legen, darin war sie von Anfang an wie ein Natural. Wenn sie auf "Ballert Auf Lautlos" über Hater rappt, flößt sie dem abgedroschensten Thema der modernen Musikgeschichte überraschende Lebendigkeit ein.

Wenn man ihr dann noch eine effektive und moderne Produktion zur Hand gibt, die man problemlos jedem anderen A-Lister hätte geben können, wird richtig ein Schuh daraus. "Labubu Freestyle" modernisiert Pharrell-Texturen, mit Teenie-Star Benno! kanalisieren sie eine Bubblegum-isierte Version von britischem Rap. Die beiden Hit-Singles "Mona Lisa Motion" und "Ballert Auf Lautlos" schaffen mit den richtig gut gepaceten Songstrukturen wohl den bisher überzeugendsten Entwurf von Jersey Club im deutschsprachigen Raum.

Am Ende ist es natürlich eine Frage der Erwartung. Klar, "Pretty Privilege" ist kein "Mann Beißt Hund". Aber für deutschen Pop-Rap ist es klanglich vielseitig, up to date mit den interessanten Raptrends der Gegenwart und musikalisch detaillierter, als man erwarten würde. Zah1de versteht komplett, wie sie ihre Rolle ausfüllt: Ihre Aufgabe ist es, einen Tagtraum zu verkaufen. Sie ist vermutlich eine von wenigen deutschen Rappern, die dazu in der Lage ist. Für uns mag es vielleicht albern und befremdlich sein, eine junge Frau über die TikTok-Trends rappen zu hören. Aber das ist nun mal wertfrei das MTV ihrer Generation. Vor fünfzehn Jahren wolltest du zu TRL, heute wollen die Leute Reels dominieren. Das sind alles Zeichen der Zeit. Ich bin froh um jeden Artist, der diesem Blödsinn immerhin ein bisschen Freude und Glamour abringen kann.

Nur eine Sache bohrt mir ein wenig im Hinterkopf. Zu einem gewissen Grad wiederholt Zah1de im Moment das Badmomzjay-Playbook. Die war auch supertalentiert und ist meteorisch in den deutschen Rap-Olymp aufgestiegen. Wenn Zah1de auch hier auf bestimmten Tracks schon ihre Streaming-Zahlen und Video-Shares vergleicht, dann deuten sich ähnliche Muster wie die an, die Badmomzjay von einer hungrigen jungen Stimme nur zum nächsten langweiligen deutschen Mainstreamrapper werden ließ. Wird Zah1de auf ihrem nächsten Album dann auch nur berappen, welchen Brand-Deal sie jetzt an Land gezogen hat? Man kann nur hoffen, dass sie sich ein bisschen von ihrer explosiven Naivität behalten kann.

Trackliste

  1. 1. TikTok Sportlich
  2. 2. Mona Lisa Motion
  3. 3. Labubu Freestyle
  4. 4. Ballert Auf Lautlos
  5. 5. Kreuzberg Money
  6. 6. Zahide Did It Better
  7. 7. Kotti D'Azur
  8. 8. Married 2 The Game
  9. 9. Uff Yaa
  10. 10. FYP
  11. 11. Rede
  12. 12. Type Girl
  13. 13. Pretty Privilege

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LAUT.DE-PORTRÄT Zah1de

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11 Kommentare mit 89 Antworten

  • Vor einem Tag

    Ich versuch ja immer ein bisschen am Zahn der Zeit zu bleiben, aber die ist mangels Tiktok mehr oder weniger komplett an mir vorbei gegangen. Hab jetzt gerade mal reingehört und muss sagen, dass das rein musikalisch ein Stück über dem ist was ich erwartet hab. Beim anschließenden Blick auf Wikipedia dacht ich erst ich kann ich nicht mehr rechnen. Die ist ernsthaft erst 15? Für das Alter tatsächlich ne sehr souveräne Rapperin.
    Ich hoffe nur dass sie das Dasein als Teenie-Star heile übersteht.

  • Vor 21 Stunden

    Habe das Album gestern Abend noch durchgehört und 4/5 geht klar. Technik beeindruckend für das Alter, Songs gehen gut nach vorne, Inhalte sind halt lange nicht so materialistisch, wie das manche hier gerne hätten, sie spiegeln einfach nur sehr gut die Lebensrealität und die Träume von jungen Menschen heute wider, und hat dabei halt auch ziemlich gute Lines. Musikalisch sehr abwechslungsreich, neben den Anlehnungen an Timbaland/Fatman Scoop-00er-Club-Ästhetik, Neptunes, 20er-Trap auch bei Rede eindeutige Miami-Bass-Referenzen auf REDE. Ich erkläre jeden Hater hiermit offiziell zum Genrefremden. Amen.

    • Vor 21 Stunden

      Verweis auf Who's that girl von Eve auf Labubu Freestyle.

    • Vor 20 Stunden

      Pretty Privilege erinnert mich stark an Flower Boy Tyler oder Kendrick.

    • Vor 16 Stunden

      Habe jetz auch mal angehört, um zu checken, ob ich genrefremd bin. Puh, bin zum Glück nicht. Bin da bei Caps, das ist schon alles ziemlich gut gemacht. Flow stellenweise echt beeindruckend, Beats ballern durchweg. 3/5, weil mir die Bad Bitch Attitude doch stellenweise etwas arg aufgesetzt vorkommt.
      Hoffe, sie wird nicht so schnell verheizt, das könnte noch groß werden.

    • Vor 15 Stunden

      Flow ist für mich nur beeindruckend mit, wenn die Lyrics auch selbst verfasst wurden. Mit Übung kann jeder Teenager schnelle Passagen von Eminem oder Savas nachrappen. Oder heute von Reezy oder Sosa La M oder wem auch immer. Aber insgesamt seid ihr vllt weniger als ich von den generellen Trends im Deutschrap genervt, weil ihr weniger damit beschallt werdet. Ist auch alles okay und dem Mädel selbst will ich nix. Es klingt nur wirklich alles nach Schema F, was momentan so funktioniert. Wie in fast allen Lebensbereichen.

    • Vor 15 Stunden

      Zudem verhärtet sich bei mir der Eindruck immer mehr, dass langsam vergessen wird, dass gute Lyrics mehr bedeutet als keine allzu simplen Reime und ein guter Flow. Und wie oft in modernen Texten der Sinn zugunsten des Reims gebogen wird, man sich inhaltlich ständig widerspricht oder was gute Wortspiele oder Sprachbilder und keine arg konstruierten sind. Wenn Eingängigkeit der einzige Maßstab ist, bin ich raus.

    • Vor 15 Stunden

      Ne Chris, warum hat dann bitte Jimi Blue nie so abgeliefert? Warum hatten wir dann bis jetzt noch keinen Teenierapstar? Und ich habe mir schon gedacht, dass irgendwann einer das realkeeping aus dem Rucksack holt. Aber bevor wir dazu kommen:

      „Mit Übung kann jeder Teenager…“ lässt sich beliebig erweitern mit jeder art von Achievement, aber genau das ist es halt. Ein Achievement. Ist es mehr wert, wenn das jemand mit oder ohne Übung kann? Ist mit Übung auf jeden Fall mehr Arbeit. Ich hätte mit 14/15 wesentlich mehr Übung oder Talent gebraucht, um auf dem Level nachrappen zu können, und ich respektiere das Mundwerk eines jeden, der die Übungen gemacht hat und sowas abliefern kann. Das Argument ist also eine absolute Null.

      Und das alles geht ja vom worst case aus, den du an anderer Stelle beschreibst: Wenn sie minimale bis keine Einflüsse auf die Texte hätte. Ich persönlich finde es mittlerweile lächerlich vehement darauf zu bestehen, dass vortragende Person und Autor identisch sein müssen, egal wo. Gibt halt keinen Grund das zu fordern, außer esmusssosein. Aber selbst wenn, die hat Writer-Credits für alle Songs und daher nehme ich erstmal an, dass sie die zusammen mit ihrem Umfeld geschrieben hat.

    • Vor 14 Stunden

      Darfst du ja selbstredend so sehen. Im Rap finde ich das eben nicht, denn hier ist genau das der Faktor, der ihn zur Kunstform erhebt. Dre ist auch kein geiler Rapper, dafür ist oder war er ein guter Produzent, immerhin.

      Dann nimm das gerne an, ich bezweifle es, weil es dasselbe Spiel ist, dass Labels bei Giesinger und Co spielen. Und eigentlich bist du gut darin, hinter kapitalistische und systemische Fassaden zu schauen. Lindemann etc, auch wenn das ein drastisches Beispiel ist.

    • Vor 14 Stunden

      Zwischen Jimmy Blue und Zahide liegen schlicht einige Jahre und Lernprozesse der Musikindustrie mit Gespannen wie Laas/Shirin etc.

    • Vor 14 Stunden

      Und warum wir den noch nie hatten? Potenzielle Reichweite. Und Jugendliche werden immer informierter, da die prägenden Kanäle immer allgegenwärtiger sind. Da hast du dann zwar schon noch eine Dichotomie in Lover und Hater, aber jeder kennt dich. Und dass sie für Labels mega lukrativ ist, ist doch logisch.

    • Vor 14 Stunden

      uniformierter, scheiß Autokorrektur.

    • Vor 14 Stunden

      Habe es (noch) nicht gehört, aber spontan fällt mir ein: Haben wir nicht durchaus alle damals F.R. ganz schön gefeiert oder ihm zumindest Props gegeben, als er mit 14 (?!) durchgestartet ist wie manch andere Schlichtgestalt in diesem Game ihr ganzes Leben nicht?

      Warum hier also nicht auch? :)

    • Vor 6 Minuten

      Ich weigere mich, ein zwölfjähriges Kind, dass in der RBA aufploppt und 17 von 17 Battles gewinnt, in den gleichen Topf zu rühren wie ein Tiktok-Hype, der Dinge von sich gibt wie „ Ihr Window-Shopper, ihr wollt alles, aber kauft nix“.

    • Vor 2 Sekunden

      Dass Lyrics an Qualität verloren haben, beschränkt sich laut meinem Sohn (18) nicht nur auf Rap, sondern erstreckt sich auf die ganze deutschsprachige kontemporäre Popmusik. Er meinte, selbst ein kompletter Mainstream-Act wie Grönemeyer habe seinerzeit weitaus interessantere Sprachbilder gefunden, als die, die heute big sind. Er hat mir dann so verschiedene Sachen vorgespielt, äh... Zartmann und noch irgendjemand, und das war textlich tatsächlich sehr schlimm. Also, einfallslos.
      Und das ist bei dem Albung hier auch schon ähnlich, da sind halt gute Catchphrases drin (ich liebe dieses Uff Ya! wirklich sehr), aber dass ich da ein nachfühlbares Bild von Lebensrealitäten und Träumen von jungen Menschen gefunden hätte, kann ich nun nicht gerade sagen. Ist halt das Standart-Schema-F-Rari-in-Paris-Gesülze, nur halt in ganz gut gesülzt.
      Sohn hört jetzt vermehrt französischen Rap, damit er die Texte nicht verstehen muss :)