laut.de-Kritik

Eine Hand in der Steckdose, die andere auf der Playmobil-Farm.

Review von

Wie soll ich das Wort "Bitknot" übersetzen, um zu verstehen, was zum Kuckuck das sein soll? Eine Häppchenschlinge? Eine verknotete Bohrerspitze? Oder vielleicht gar ein Slipknot-Tribut? Für Letzteres sprechen zumindest schon die ersten Sekunden des Albums.

Denn die verzerrten Instrumente schlagen direkt in die Fresse, wenn auch wesentlich noisiger als numetallisch. Von wegen gebrechliches, kleines Pferd; das ist ein verdammter Rammbock! Die Wucht ebbt aber sofort ab, und es folgt ein netter Singsang auf einem vor sich hin tutenden Indietronica-Bett. Doch nicht so heavy? Ah, da kommt der Refrain und es wird schon wieder auf mich eingehämmert. Es steht wohl eher ein trojanisches Pferd auf dem Flur, Verzeihung, "Doorway".

Feeble Little Horse beherrschen diese Kontraste zwischen Laut und Leise, zwischen gottlos übersteuert und mädchenhaft cute meisterhaft, oft auch gleichzeitig. So hat sich die Band aus Pittsburgh mit ihren zwei vorherigen Alben, insbesondere dem 2023er-Werk "Girl With Fish", eine treue Fanbase aus Gen-Z-Indieheads und Pitchfork-Leser:innen erspielt. Sie klingen wie eine Shoegaze-Band, die vornehmlich Kinderliedermelodien schreiben möchte, dabei aber immer wieder in die Steckdose fasst.

Auf "Bitknot" tun Feeble Little Horse das in einem etwas elektronischeren Rahmen. Die Bandbesetzung ist noch immer ein wesentlicher Bestandteil des Sounds, aber die E- und Akustikgitarren werden öfters durch bewusst unsubtile Synthesizer abgelöst. Hintergrundstimmen glitchen herum, werden hochgepitcht und auseinandergeschnipselt. Ästhetisch passt das wunderbar, denn die für Feeble Little Horse typische Mischung aus ruppig und zuckersüß ist ja auch die Essenz des Genres Hyperpop. Fans von Underscores, Ninajirachi und Wednesday werden daher gleichermaßen Spaß mit "Bitknot" haben.

Die visuelle Identität der Band, die man auf Instagram begutachten kann, ist zudem schon lange von Y2K-Computergrafiken, cursed Animationen und überholten Schriftarten gekennzeichnet. Wenn man dieser Romantik für die Kindergartenzeit des Internets folgt, erschließt sich dann doch eine mögliche Erklärung für den Titel "Bitknot". Heavy und 2000er-verliebt wie Slipknot, aber durch den Computer, durch Bits und Bytes gejagt.

Wohlgemerkt kein Terabyte, sondern ein niedliches, kleines Bit: nicht umfangreich, sondern möglichst kurz. Mit nur 25 Minuten Spiellänge wird "Bitknot" diesem Anspruch gerecht, was auch eine gut ausgesiebte Tracklist mit sich bringt. Das medial überreizte TikTok-Gehirn gibt nicht viel Aufmerksamkeitsspanne her, und so bleiben auch die Songs kurz gehalten. Muss man jeden Refrain wiederholen? Nein, also lassen wir das. Fast jeder Track endet zwar etwas früher, als man selbst vermuten würde, gehetzt wirkt das Album aber trotzdem nicht.

Vielmehr haben Feeble Little Horse ein Gespür dafür, wie man die Prägnanz und das Momentum eines Stücks behält. Selbst die 62 Sekunden von "Paris" wirken nicht wie ein unnötiges Interlude, sondern ein süßer, kleiner Song, der einen thematischen Epilog zum vorherigen "Dior" bildet und sich trotz der kurzen Dauer ins Hirn brennt.

Zu den stärksten Songs gehört "Rewind", eine sauschöne Ballade, die überzuckert und berührend zugleich wirkt. Kein Lärm zerbombt sie, nur ein paar klangliche Akzente schmücken sie aus: Ein Synthesizer scheint ein Banjo zu imitieren, und die hochgepitchten Stimmsamples fliegen wie die kitschigsten Amor-Babys auf kleinen Wölkchen umher – und diese Mischung macht süchtig. In Songs wie "Poison" oder "Shady" sind künstliche Flöten-Sounds der geheime Star, die zu den folkigen Akustikgitarren verdammt gut schmeckten.

Diesen ruhigeren Momenten mit ungewöhnlichen Klangelementen gibt "Bitknot" den Vorrang. "Cradle" etwa ist ein gemächliches Emo-Duett, bei dem die beiden Sänger:innen über einen gemeinsamen Wechsel in ein sesshaftes Leben und Familiengründung sinnieren. "Shopping" kommt deutlich verzerrter um die Ecke. Das Riff klingt wie eine sich ständig neu aufbauende Welle und wird von dichten Shoegaze-Gitarren unterfüttert – Kevin Shields von My Bloody Valentine ist hoffentlich stolz darauf, wie Feeble Little Horse seine klanglichen Ideen in ein 2020er-Gewand zaubern. Texte über die parasoziale Beziehung zu Fashion-Influencer:innen erden den Song dann endgültig in der Jetztzeit: "And would you fuck with these shoes? I wanna look just like you".

So derb wie das Album begann, beendet "DMT" es. Ganz für den Schluss hat Sängerin Lydia Slocum sich die Screams aufgehoben, die klarstellen, dass es hier nicht um eine klassische Droge geht, sondern um "death, money, tech" – die Drogen der mächtigsten Strippenzieher und Plagegeister unserer Zeit. Wer denen verfallen ist, ist nur zu bemitleiden; denn ihr Herz ist wahrscheinlich zu abgehärtet, um die niedlich ausgefranste Welt von Feeble Little Horse zu verstehen. Für alle anderen bleibt sie ein wohliger Rückzugsort, der auf eine so holprige Art verwunschen ist wie eine in Microsoft Paint erstellte Einladung zum Kindergeburtstag.

Trackliste

  1. 1. Doorway
  2. 2. Poison
  3. 3. Rewind
  4. 4. Shady
  5. 5. Dior
  6. 6. Paris
  7. 7. Cradle
  8. 8. Upside Down
  9. 9. Guts
  10. 10. Shopping
  11. 11. DMT

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