laut.de-Kritik

Metal für die Großraumdisko.

Review von

In Ivan Moody stecken so viele verschiedene Sängertypen, dass man manchmal glauben könnte, der Five Finger Death Punch-Frontmann wäre eine KI-Schöpfung. Mal zieht's den 46-jährigen Glatzkopf zu David Draiman hin. Dann brüllt er plötzlich in bester Meskil-Manier. Und nach einer Rolle rückwärts präsentiert er sich dann plötzlich als handzahmes Boygroup-Mitglied. Im Sommer 2026 wirft das Aushängeschild einer der erfolgreichsten Metal-Bands der letzten zwanzig Jahre nun zum zehnten Mal all seine Fertigkeiten in einen Topf und verrührt das imposante Repertoire mit den allseits bekannten Trademarks seiner Mitstreiter. Im Hause Five Finger Death Punch geht also weiter alles seinen gewohnten Gang.

So startet "Legacy", das mit Spannung erwartete Studio-Jubiläum der Kalifornier, mit mystischen Keys, klinisch aufbereitetem Schlagzeuggewitter und metallischen Powerchords. Sekunden später ist auch Ivan Moody mit von der Partie – in gewohnter Platzhirsch-Manier. Man legt das Vermächtnis offen, mit Nachdruck und aller Gewalt.

Die Mächtigen der Welt halten zitternd den Atem an, wenn die Band musikalische Ohrfeigen im Akkord verteilt: "They start the war, we wear the boots -They lose the battle, we lose the troops", grummelt Moody vorwurfsvoll, während sich hinter ihm eine brettharte Wall of Sound aufbaut ("De Oppresso Liber"). Der melodische Refrain dient schon mal als Appetizer für alle, die die Band vor allem wegen ihrem Hang zur poppigen Melodramatik lieben und schätzen.

Bevor es die Band aber diesbezüglich auf die Spitze treibt, sorgt die krawallige Single "Eye Of The Sorm" erst noch für ein leichtes Beben vor den heimischen Boxen. Mit dem Band-Tagebuch in der Hand blickt Ivan Moody dankbar gen Himmel. Gitarrist Zoltan Bathory bringt es kurz vor der Veröffentlichung des Albums in einem Interview treffend auf den Punkt: "In dem Song 'Eye Of The Storm' geht es einfach um uns. Das sind wir. Das ist unser Zuhause. Nicht viele Bands schaffen es so lange", klopft sich der Riff-Verantwortliche stolz auf die Brust.

Nach so viel breitbeinigem Getöse ist es dann aber ##zeit für all die weichen Herzen in der Arena. Das voller Drama steckende "Nails In The Coffin" klingt nach Metal aus der Großraumdisko: Die mit allerlei Effekten aufgeplusterten Instrumente vereinen sich mit Moodys poppigem Chorus zu einem großen Ganzen, das nicht so richtig weiß, wo es hingehört. Mit der Ballade "In Time" gehen Five Finger Death Punch dann noch einen Schritt weiter. Die muskelbepackten Männer breiten die tätowierten Arme aus und laden ein zur gemeinsamen Verarbeitungstherapie.

Pünktlich zur Halbzeit liegen alle Karten auf dem Tisch. Die Band ist durch, hat alles reingehauen und wieder einmal gezeigt, was sie musikalisch ausmacht und was sie im Stande ist zu leisten. Wer das abfeiert, der klatscht auch während der zweiten Albumhälfte zufrieden und glücklich in die Hände. Abermals pendelt die Combo mit viel Pathos und Tamtam zwischen hart und zart hin und her.

Einem zuckersüßen Refrain ("Unscathed") folgt metallisches Industrial-Gebolze ("Joke's On Me"). Mit "Everybody Lies" treiben es Ivan Moody und Co. dann auf die Spitze. Ein Drumcomputer und ein Kinderchor übernehmen das Kommando. Jetzt zuckt sogar der eingefleischte Fan kurz zusammen. Hält die Band fürs Finale noch eine Überraschung parat? Nicht wirklich. Zwei ausdruckslose Filler ("Shelter", "Scapegoat") schließen den musikalischen Kreisverkehr. Die Soundgeschichte von Five Finger Death Punch bekommt auch im 21. Bandjahr kein neues Kapitel. Das kann man kritisieren, schönreden, abfeiern oder auch einfach nur zur Kenntnis nehmen. Ich tendiere zu Letzterem.

Trackliste

  1. 1. Legacy
  2. 2. De Oppresso Liber
  3. 3. Eye Of The Storm
  4. 4. Nails In The Coffin
  5. 5. In Time
  6. 6. Unscathed
  7. 7. Joke's On Me
  8. 8. Everybody Lies
  9. 9. Shelter
  10. 10. Scapegoat

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