laut.de-Kritik
Der RHCP-Kobold lädt zum Jazz-Dinner.
Review von Rinko HeidrichDer Bassist der Red Hot Chili Peppers macht plötzlich auf Jazz. Was im ersten Moment irritieren mag, wirkt mit Blick auf Fleas Jugend nur logisch. Sein Stiefvater, Walter Urban Jr., spielte Bass, was den jungen Michael Balzary dazu brachte, seine ursprüngliche Leidenschaft für die Trompete vorerst hintanzustellen. Auch wenn das Verhältnis schwierig war und der Stiefvater zu Gewaltausbrüchen neigte, hinterließ dessen Liebe zum Instrument bleibenden Eindruck. Flea spielte sogar selbst in einer Schul-Jazz-Band, bevor ihn sein Kumpel Hillel Slovak (Gründungsmitglied der RHCP) auf den Pfad des Punk führte. Bei genauerer Betrachtung liegen die beiden Genres auch nicht so weit auseinander: beide aus einem Anti-Establishment-Gedanken entstanden, brachen sie schnell mit gängigen Konventionen.
Fleas Autobiografie "Acid For The Children" legte offenbar die Erinnerungen an seine Wurzeln frei. Der Punk, aber auch der Jazz-Rebell kommt durch, wenn Flea in "A Plea" gegen ein paranoides Gewalt-System anbrüllt: "Civil War! I hear it in the air / I feel it in the air / Who's your neighbour, who's your friend? / Ah, there's hate all around." Im Gegensatz zum filigranen Spiel um ihn herum wirkt das roh und wild; seine Stimme wird selbst zum Instrument. Die ist nicht besonders virtuos, aber die gallige Abscheu gegen Ungerechtigkeit kommt aus tiefstem Herzen. Dabei appelliert er ausdrücklich an die Menschlichkeit: "We are human beings right here / Come on!".
Das mag naiv klingen, aber angesichts sämtlicher Grabenkämpfe und Hatespeech muss man es eben mal direkt ansprechen. Am Ende des Songs fleht er noch leise "Shine A Light", als ob er der Verhärtung der Gesellschaft auch nichts mehr entgegen setzen könne. Genau so wenig wie er die Lage im Iran retten kann, doch die Frau auf dem Albumcover strahlt Stolz und Hoffnung aus: Es ist Fleas Schwiegermutter Shahin Badiyan, die Aufnahme stammt aus der Zeit vor dem Mullah-Regime.
Thom Yorke muss man dagegen nicht zweimal bitten, einen kryptischen Weltuntergangs-Text für "Traffic Lights" einzusingen. Den Radiohead-Sänger kennt Flea vom gemeinsamen Projekt Atoms For Peace. Zusammen mit Drummer Mauro Refosco kommt es zu einer kleinen Reunion der Supergroup. Deren Album "Amok" setzte 2013 auf elektronische Akzente, das minimalistische, Percussion-getriebene "Traffic Lights" erinnert stark an die Beatnik-Ära, in der Dichter wie Kerouac oder Ginsberg im Jazz ihren musikalischen Freigeist-Verwandten fanden. Yorke liefert leider keine besonders motivierte Höchstleistung ab und stört mit seinem narkotischen Genuschel die musikalisch gut eingefangene Großstadt-Hektik.
Das ätherische Downtempo von "Frailed" stört nichts; die psychedelische Jazz-Funk-Fusion versprüht eine hitzige Stimmung, in die man ohne vokale Aufdringlichkeit wunderbar hineinfällt. Auch das Funkadelic-Cover "Maggot Brain" nimmt diese verträumte Spiritualität auf. Es bleibt Geschmackssache, ob man den intimen Kammermusik-Vibe von Fleas Interpretation oder den lauten Gitarren-Aufschrei des Originals bevorzugt.
Damals wies George Clinton seinen Gitarristen Eddie Hazel an, er solle so spielen, als sei ein Mensch gestorben und plötzlich wieder zum Leben erwacht. Flea ersetzt das aufgedrehte, entrückte Solo durch sanftes Trompetenspiel. Seine Version klingt konzentriert und ehrfürchtig, wirkt dabei aber fast ein wenig verkrampft - der Respekt vor Clinton, der einst die Karriere der Peppers mit seiner Produktion für "Freaky Styley" anschob, scheint fast zu groß.
Mehr Respekt hätte hingegen die Version von Jimmy Webbs "Wichita Lineman" vertragen. Glen Campbell erschuf bereits 1968 mit seinem Cover den ultimativen Goldstandard, den seitdem nie wieder jemand erreichte. Nick Cave erledigt leider seinen Job und wirkt dabei wie eine Karikatur seiner selbst. In seinem eigenen abgründigen Set erschafft der Mann wirklich Großes, aber einen unpassenderen Interpret dürfte es wohl kaum geben. Eine Version, die es genau so wenig braucht wie eine Rap-Interpretation von "Into My Arms".
Es ist aber auch das Resultat einer Versöhnung. Anfang der Nullerjahre bezeichnete der Australier die Red Hot Chili Peppers als "Müll", revidierte aber später seine flapsige Aussage und entschuldigte sich bei Flea. Er habe sich damals in der Außenseiter-Rolle wohl gefühlt und einfach nur provozieren wollen. Der nahm es ihm nicht übel und reichte ebenfalls die Hand der Versöhnung. Musikalisch bleibt die Sache zwar diskutabel, symbolisch passt es perfekt zu dem Come-Together-Gedanken des Albums.
Leider verbirgt sich hinter diesen großen Gesten nicht unbedingt große Musik. Die Verletzlichkeit von Frank Oceans Stimme, die "Thinkin Bout You" auf ein noch größeres Level hievte, fehlt in der Neu-Bearbeitung. Es ist eben doch frustrierend, wie Flea um sich herum Jazz-Größen versammelt - wir reden über Genre-Koryphäen wie Anna Butterss und Josh Johnson - und dennoch alle gerade mal einen Instrumental-Jazz-Standard hinbekommen, den eine biedere Kurpark-Band zur Kaffee-Und-Kuchen-Zeit auch nicht langweiliger performen könnte. Höhepunkte sind hingegen das wirklich schöne, und nie zu aufdringliche Trompetenspiel.
Auch in der Umarbeitung des Klassikers "Willow Weep For Me" will der Funke nicht recht überspringen. Die Credits weisen auch John Frusciante auf, was erklärt, warum die Nummer in experimentelle, fast krautrockige Gefilde abdriftet. Am Ende wabert der Song jedoch ziellos dahin. Hinaus geleitet uns der Song "Free As I Wanna Be", das klingt nach einer Affirmation, doch wirklich befreit spielen Flea und seine Gäste nicht immer auf. Die wahre Befreiung liegt am Ende darin, wie Flea die Erwartungshaltung der RHCP-Fans ignoriert und sich selbst beschenkt.
Sein Image als clownesker Funk-Kobold bekommt hier eine anspruchsvolle, erwachsenere Facette. Der 63-Jährige muss keine Ego-Kämpfe mehr ausfechten, wie sie bei den Peppers teilweise sogar auf offener Bühne stattfanden. Hier ist er nicht der Grimassen schneidende Bassist, sondern Michael Peter Balzary: ein passionierter Jazz-Fan seit Kindheitstagen und ein ernstzunehmender Künstler. "Honora" hätte mehr Flea-Entertainment womöglich gut getan, dafür waren wir dem sensiblen, reflektierten Menschen hinter der Kunstfigur wahrscheinlich noch nie so nah wie auf "Honora".


1 Kommentar
Da ich im Jazz nicht sonderlich bewandert bin und die Originale nicht kenne, habe ich keine Meinung zu den Neuinterpretationen. Aber das Album ist abwechslungsreich und hat einen schönen Sound. Ich hätte hier generell auf Vocals verzichtet. Fazit: 3-4 Sterne