laut.de-Kritik

Sexting im Halbschlaf.

Review von

Rrr. Zzz. Schnarch. Glucks.

Huh?

Rrr. Zz..

Nein, nein, nein, was? Ja, ich bin ich wach! Klar, ich bin wach! Nein, ich schlafe nicht am Arbeitsplatz?! Guckt, hier: Ich bin an diesem neuen Jazeek-Album dran! Ich arbeite! Ich habe es immerhin schon bis zu ... Track vier geschafft.

Haha, lustig, was haben wir gelacht. Ja, ich finde dieses neue Jazeek-Album langweilig. Was für eine Überraschung. Wer ihn nicht mitbekommen hat: Jazeek ist der R'n'B-Prettyboy, der nach einem Come-Up mit Fame-Sample-TikTok-Hits im Lockdown jetzt seit ein oder zwei Jahren die deutschen Top-Streams nicht mehr verlassen hat. Er ist immens poppig, aber auf eine Art, über die es wirklich wenig zu reden gibt. Seine Stimme ist gut, seine Beats in Maßen solide, und mit der richtigen Interpolation an der richtigen Stelle versteht man schon, warum der immer wieder Hits landet.

Aber goddamnit, das Album ist nicht sein Medium. Fast fünfzig Minuten sülzt dieser Mann einem auf "Most Valueable Playa" ans Ohr, wobei man nach dreißig Sekunden schon das Gefühl hat, alles Relevante verstanden zu haben. Jazeek ist kaum ein Artist, er ist das Stockphoto auf einem Romance-Roman. Er ist ein TikTok-Thirstrap-Account, der zufällig seine eigenen Sounds macht.

Und es könnte ja schlimmer kommen. Ich bin mir sehr sicher, Jazeek gehört zu der Kohorte Leuten, die Drakes "Some Sexy Songs 4 U" gut fanden, und das scheint mir eine total valide Position. Mach einfach einen großen Schlag Songs, erwarte gar nicht, dass jemand das Album allzu aktiv durchhört und die auserwählten Tracks werden dann ihren Weg in irgendwelche Playlists finden. Und ich bin sicher, dass Songs auf diesem Album kompetent und angemessen einen Abend am Späti oder das romantische Leben von irgendwelchen Teenies untermalen werden.

Das Problem bleibt nur: Fast fünfzig Minuten Spielzeit geben Jazeek viel Raum, seine eigene Flachheit zu zeigen. Es gibt keinen einzigen Moment, in dem er als Typ klug oder eigenwillig oder gar humorvoll rüberkommt. Er leiert so monoton sein "hier dings ihr wisst schon, R'n'B"-Programm herunter, komplett mit allen abgestandenen Highlife-Fantasien, dass man nur aufhorcht, wenn er zwischendurch besonders inkompetent textet.

Und ja, da sind wieder ein paar ulkige Blüten dazwischen. Es gibt tolle Einblicke in seine Person, wie zum Beispiel auf "Akon": "Weck mich mit einem BJ, wenn ich schlaf, du weißt ich liebe das". Ich liebe den Hinweis darauf, dass er Oralsex gut findet, freaky stuff. Aber besonders gefällt mir der hierdrin versteckte Teilsatz "weck mich, wenn ich schlafe". Gut, das noch mal zu verdeutlichen, wann man geweckt werden kann.

Auf "Honey" wird es richtig international. Seinen zahlreichen weltweiten Fans schmachtet er hier zu: "Baby, I'm sorry", lange Kunstpause, "but I can't deny your pictures make me horny". Aber ihr habt noch gar nicht gesehen, wie Mr. Worldwide der Junge gehen kann. Im Outro von "Como Estas" säuselt er "Hola, como estas, she said 'konichiwa', she said 'bonjour madame'". Pitbull und Jason Derulo sind irgendwo stolz.

Aber nehmen wir die Namen unserer Recession-Pop-Ikonen nicht in vain in den Mund, denn das Komische ist ja: Jazeek raspelt seine furchtbaren Pick-Up-Lines nicht einmal mit dem angemessenen Humor. Er delivert jede einzelne der aufgezählten Lines, als wäre gerade ein Welpe gestorben. Das Schlimmste: Er klingt dabei immer noch stimmlich extrem wie Xavier. Wir hören also die Stimme eines jungen Naidoos in einer Tonlage, als würde er sich Gedanken über Gott und den Himmel machen, aber die Wörter, die aus seinem Mund kommen, sind Sachen wie "dein booty ist hot, dein booty ist hooot, konichiwa, madame, du machst mich horny".

Was nicht heißen will, dass Jazeek sich vor ernsten Tönen scheut. Ich hatte ein bisschen Bammel vor Tracks mit den Namen "Das Leid Der Menschen" und "Leben". Letzterer ist auch nur eine Anhäufung von ganz viel "Ja, ja, ja, ja, ma baby", also whatever. Aber Ersterer ist doch irgendwie kurios. Wir bekommen lyrische Nuggets wie "Kenn 'ne Frau, die sich in den Schlaf weint / Wegen euch könnt es ihr letzter Tag sein". Ich habe keinen Platz, hier darauf einzugehen, auf wie vielen Ebenen dieser seltsame Track nicht funktioniert. Auf jeden Fall gibt er mir Whiplash am Ende eines Albums, auf dem ich diesem Jungen die Dreiviertelstunde davor gefühlt dabei zugehört habe, wie er sich in den Schlaf sextet.

Entsprechend bleibt das Bild von Jazeeks neuem Album genau das gleiche wie das von seinem Letzten. Ja, er ist talentiert, ja, man kann sich alle Songs geben, nur halt eventuell nicht konzentriert am Stück. Er ist ein charakterloser Himbo mit ganz guter Stimme, dessen Streaming-Optimierungs-Playlists aus Gründen der Label-Bürokratie als Album veröffentlicht werden. Seine Tracks heißen "AKON" oder "Hotline Bling" und haben entsprechend viel Anspruch, ihren Inspirationen irgendetwas hinzuzufügen. Er ist wahrlich Autopilot sein Vater - und damit nur konsequent gerade einer von Deutschlands erfolgreichsten Artists. In diesem Sinne: Gute Nacht. Weckt mich, wenn ich schlafe.

Trackliste

  1. 1. Hold You
  2. 2. Ma Baby
  3. 3. C Me Now
  4. 4. Playboybunnies (feat. Luciano & Miksu / Macloud)
  5. 5. Hotline Bling
  6. 6. Monday
  7. 7. AKON
  8. 8. Honey
  9. 9. Rollercoaster
  10. 10. Leben
  11. 11. Do You Lie (feat. Milano)
  12. 12. Como Estas
  13. 13. LV
  14. 14. Crazyyy (feat. Samira)
  15. 15. Like This
  16. 16. Bad Ting (feat. Murda)
  17. 17. Ma Baby 2 (feat. Lune)
  18. 18. Meine Augen
  19. 19. Das Leid Der Menschen

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