laut.de-Kritik
Nachtclub-Flair und Leidenschaft in voller Blüte.
Review von Philipp KauseWürde Jessie Ware einen Nachtclub betreiben, gäbe es dort neben warmen Studio 54-Grooves hoffentlich auch ebenso warme Küche. Die Kochbuchautorin und Essens-Podcasterin hätte sicher keine Probleme, dort eine Feuerstelle in Form von Herd und Ofen zu betreiben, wenn schon sie selber in ihrer Superblüte "Superbloom" am Glühen, Brodeln und Brennen ist. In "I Could Get Used To This" ist das schon mal der Fall: "I'm burning" trällert sie lauthals.
Die himmelhoch jauchzend besungenen Gründe lauten Ekstase (Titelsong), schnelle Bewegungen und sexuelle Befriedigung ("Automatic"), gut beheizte Räume, Ausdauer und ein "red hot physical touch" ("Sauna"), Mister Right ("Mr. Valentine"), ewige Liebe ("Love You") und eine Stimmung, in der frei nach Hot Chocolate "jeder ein Gewinner" ist: "No Consequences". Der megaschöne Club-Soul mit Stakkato-Passage und choralem C-Teil ("I believe you are free to fall in my arms tonight") platzt schier vor Romantik, Begeisterung und Gespür für eingängiges Komponieren.
Dribbel-Beats mit Casio-Spielerei, Film-Score-Üppigkeit und Reminiszenzen an besten Disco-Soul und Electro-Funk geben auf "Superbloom" eine zauberhaft atmosphärische Kulisse für Jessies leidenschaftliche Gesänge ab. Das Versichern ewiger widerstandsfester Liebe vom Wert eines Diamanten samt Vergleichen mit Ozeanen und Universum zeigt die 41-Jährige in süßem Riperton-Sopran. "Love You" heißt das glücksbeschwipste Liebesbekenntnis auf ordentlich groovenden Keyboards. Hier führt eine Frau vor, was es bedeutet, um den Mann zu werben. Dieser jedoch ignoriert die Nuancen ihres Gefühls-Kosmos blöderweise. Er sollte einfach das Lied hören, dann dürfte alles klar sein.
Trotz einer viel versprechenden Langstrecke durch die A- und den Anfang der B-Seite kippelt die LP in einen langweiligen Part über. "Don't You Know Who I Am" erinnert schon sehr arg und platt an den ewigen Disco-Überhit "I Will Survive", allerdings ohne entsprechende euphorische Hook, dafür mit viel zu viel Geige. Die sphärische Ballade "16 Summers" ist hart kontrastierend eine Steilvorlage dafür, dass Celine Dion sie covern möge. Sie passt aber leider überhaupt nicht in den Flow.
Inmitten der Fülle an erstklassiger Unterhaltung spielen diese beiden Ausreißer aber eine vernachlässigbare Rolle. Sehr viel Pfeffer, Geschmackssicherheit, Wagnis und Retro stecken derweil in der Hypnose-E-Orgel des bezirzenden "Ride" mit Acid-House-Elementen und Eurodance-Snare-Tripletts. Diese mitreißende Hymne macht auch ohne viel Text süchtig. Hier gibt Ware im "giddy-up giddy-yo"-Chorus keineswegs die helle Fieps-Maus, sondern eine Röhre im Vokal-Register einer Adeva oder Heather Small und sorgt fürs Highlight der Platte. Jessie Ware hat ihre gewohnte Rezeptur mit Bravour auf neue Klassiker angewandt.


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