laut.de-Kritik
Die Ukrainer bleiben unbequem und progressiv.
Review von Jan HassenpflugAlles andere als leicht zugänglich präsentieren sich Jinjer auch auf ihrem fünften Studioalbum. "Duél" lässt einen verstört, aber zugleich auch fasziniert zurück. Es gibt schlicht kein Raster, in das sich die Band aus der Ukraine pressen ließe, keine transparente Struktur, der sie folgt. Und so entzieht sich die Platte sämtlichen Erwartungen oder gar Vergleichen.
Eine Abtastphase braucht es nicht. "Tantrum" steigt staubtrocken ein und lässt die diabolischen Growls von Tatiana Shmayluk gleich für sich sprechen. Erst später mischen sich melodische Schlaglichter in den organischen Sound. Doch das bedeutet nicht etwa, dass ein umarmender Chorus das Herz erwärmt. Im Gegenteil leben auch die Clean-Passagen auf "Duél" von technischer Kälte, Dissonanzen und einer experimentell anmutenden Ausgestaltung.
Tracks wie "Tumbleweed" oder "Hedonist" entfachen über dem langsamen Wehklage-Gesang gar eine hypnotische Wirkung. Stimmlich drängen sich dabei vereinzelt Ähnlichkeiten zu Bands wie Lacuna Coil oder den Guano Apes auf. In Sachen Geschwindigkeit herrscht ein enormer Kontrast zwischen harten und soften Ausschnitten. Während ein Song wie "Kafka" in diesem Wirrwarr verhältnismäßig lange braucht, um an Struktur zu gewinnen, erleichtert "Green Serpent" schon den Einstieg über griffige Leadgitarren. Ein echter Anspieltipp!
Wer tiefer eintauchen und erleben möchte, wie sich die Jinjer-Songs langsam besser erschließen, muss sich weiter dem dissoziativen Zwiegespräch zwischen Höllenschreien und verletzlichem Clean-Gesang hingeben. Genau dieses vertonte Duell bleibt die Konstante im Portfolio der vierköpfigen Band aus Donezk. Im Wesentlichen unterscheiden sich die Stücke darin, wie sehr sie jeweils eine der beiden Facetten in den Fokus rücken.
"Rogue" beißt so schnell und aggressiv zu, wie das Krokodil im gleichnamigen Horrorfilm. Insbesondere Hardcore-Stilmittel wie Beat- oder Breakdowns erschaffen das wohl wildeste Monster der Platte. "A Tongue To Sly" und "Dark Bile" legen genauso viel Wert auf die brachialen Qualitäten.
Dagegen zeigt sich "Someone's Daughter" ungewohnt gefühlvoll: "You teach me how to be a man / Though I am someone's daughter", reflektiert die Rollen, die Frauen im Zuge der Geschichte innerhalb einer von Männern dominierten Gesellschaftsstruktur einnehmen mussten. Der Song beschreibe einen feministischen Transformationsprozess von Naivität zu Weisheit, von Schwäche hin zu Stärke und der Freiheit, selbst bestimmen zu können, erklärte Shmayluk in einem Interview. Wenngleich das Thema weniger persönlich aufgearbeitet wird, so knackt der Exkurs dennoch eine ansonsten sperrige Schale.
Trotz einiger Songs mit Wiedererkennungswert strengt ein kompletter Durchlauf von "Duél" die grauen Zellen an. Sich im Sound der Ukrainer zurecht zu finden, kostet Kraft. Kein Snack für Zwischendurch also! Es braucht eine gewisse Neugierde, viel Wertschätzung für die starke technische Umsetzung und die organisch gehaltene Produktion, um die abschreckenden Barrieren zu überwinden. Dann schlägt die Freude über einen wilden Genremix abseits der Norm womöglich erst richtig durch.
7 Kommentare mit 15 Antworten
Für Metalcore schon schwer zu verdauen aber cool.
Die Entwicklung Jinjers zu mehr Technik und weniger Transparenz war schon absehbar. Ich werde mal reinhören. Glaube, das ist mehr als eine 3 wert. Dafür ist die Band schon viel zu gut.
Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.
Wobei Songwriting - insbesondere atmosphärisches und immersives - ihnen tatsächlich bisher auf 5 Studioalben verstreut immer nur song-, nie albenweise gelingen mag, IMO. Der Sog von Isis, The Otolith (Danke nochmals für deinen Tip damals!
) oder neuerlich eben auch Iress vermag nie mal über 2-3 Stücke anzuhalten... wobei das vielleicht auch einfach nicht Ziel dieser sich im Kontrastspiel der Vocals sowie im Studio und live - Gesang genauso wie Instrumente technisch in jedem Moment über alle Zweifel erhaben präsentierenden Ausnahmeband.
Mag Jinjer ja trotzdem oder manchmal wohl eher gerade deswegen total, aber es ist halt eine andere Qualität von Liebe, die ich zur Bemessung gezwungen jedoch ähnlich wie Du vermutlich auch durchgängig im "Gehört. 4/5"-Feld ansiedeln würde als darüber oder darunter.
Und Metalcore isses ja vong seinen eingepflegten Stilelementen (inzwischen) am allerwenigsten bzw. seltensten, ma sagen.
Mir kommt Progressive Metal mit Alternative-Vocals vielleicht eher in den Sinn.
Genremixe sind im metalcore nichts neues. Die Sängerin ist wild. Ich bin aber mehr fan von spiritbox
Yes! Absolut fire für die kommende Platte.
...werde ich nach dem humorvoll parierten Red Carpet-Gag der Sängerin, die dort zuvor von einer Interviewerin mit Poppy verwechselt wurde, ebenfalls ma anchecken.:)
Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.
Album gefällt mir ganz gut. Ihre vielleicht bislang roheste Aufnahme. Viel wütender, als ich die Band in Erinnerung habe. Die emotionalen Kontraste bündeln Jinjer in ein kompakteres, aber nicht unbedingt zugänglicheres Format. Die Tightness und die schönen Gesangsschleifen der Vergangenheit vermisse ich ein wenig, aber dafür ist das ein ganz anderes Biest. Da musste vielleicht tatsächlich mal was raus.
Jinjer einfach das, was Guano Apes vielleicht mal hätten werden können, wären sie mal klar gekommen und hätten bisschen mehr Chuzpe, Rückgrat und Konsequenz an den Tag gelegt.
Finde Duel jetzt gar nicht SOO schwer zugänglich im ersten Eindruck. Vieles geht mir richtig gut rein und der Wechsel zwischen harmonischen Parts und hart ins Xsicht gerotzter Wut macht mich eh an.
Hätte Bock, sie damit nochmal live zu sehen. Abreißen tun sie ja eh, aber mit diesen Tracks im Gepäck... Muss vielleicht danach die Halle renoviert werden