laut.de-Kritik
Unauffällige Genre-Musik mit fulminantem Finale.
Review von Philipp KauseLiebe sorgt für Komplikation. Und so widmet sich "The Trouble With Love" von Joanne Shaw Taylor Heartbreak-Momenten und Geschichten von der im Hinterkopf präsenten Ex, fragt nach der Qualität und dem Effekt der Liebe in "What Good Is My Love? ft. Orianthi", geht Unzertrennlichkeit trotz Problemen in "You And Me (Rachel's Song)" auf die Spur, berücksichtigt das "Bad Boy"-Syndrom und covert Celeste auf dem steinigen Pfad zur Selbstliebe in "This Is Who I Am".
Die Notwendigkeit eines Covers für diesen erst letzten Herbst erschienenen Song wird nicht so ganz klar. Zwar passt er textlich halbwegs in den Kontext, aber Joanne spielt ihn mit ihren Musikern ultra nah am Original klebend nach, sogar das Pathos am Klavier übernimmt die Crew. Ab der fünften Minute trimmt sie ihn auf Heavy Electric Blues, biegt in ein langes Solo ein, das aber geringfügig etwas an der Gesamtstimmung ändert. Insofern findet hier ein Nachspielen mit Annex statt. "Ich hoffe, wir sind ihm gerecht geworden", kommentiert Joanne den defensiven Ansatz im Umgang mit dem Stück der jungen Soul-Kollegin in der englischen Heimat.
Joanne Shaw Taylor residiert seit vielen Jahren in den USA, wo sie unter anderen Nashville und Detroit als Wohnsitze ausprobiert hat. Ihre Connections lassen die Auswanderung logisch erscheinen, immer wieder kooperierte sie etwa in den letzten Jahren mit Joe Bonamassa. Das Album erscheint auf seinem Label-Ableger Journeyman, der Titelsong "The Trouble With Love ft. Joe Bonamassa" profitiert von seinen Gitarrenkünsten. Was wie ein Cowgirl-Ritt loslegt, wird im Verlauf des Liedes blasser, schöne, jedoch unauffällige Genre-Musik. Sie bleibt fest im Korsett der Konventionen verhaftet, sodass auch dieser Track mehr auf die Sicherheit setzt, nichts verkehrt zu machen und Hörgewohnheiten zu entsprechen.
"Hell Or High Water" wie auch "Bad Boy" und "Tired Of Being Right" nehmen ebenso überschaubar im Sattel des Erwartbaren Platz, teils von Joannas rauer Seite her als geradliniger Singer/Songwriter-Sound mit integrierten Soli durchgespielt, "Tired Of Being Right" ein bisschen melancholisch. In dieser Song-Perle kombiniert die 41-Jährige Soft Rock mit je einem Touch Soul, Country und Rhythm and Blues. Alles fein, aber so wirklich Aufmerksamkeit zieht der Longplayer über weite Strecken nicht. Dafür gestaltet er sich in den Arrangements zu beiläufig, geschäftsmäßig, diszipliniert, serienmäßig. Die feurige Gitarrenarbeit steht als isolierter Bestandteil in fast jedem Stück brav und gezähmt für sich, ohne der Dramaturgie etwas Gutes zu tun.
Die charakteristischsten Nummern sind die letzten drei: "Never Gonna Please 'Em All" referiert klar auf die texanischen Rauschebärte, ist ein weiteres Bekenntnis Taylors zum ZZ Top-Stil. Ob sich "You And Me (Rachel's Song)" auf die Rachel von der Initiative Keeping The Blues Alive bezieht, die an unserem Interview mit Joanne teilnahm, ist nicht überliefert, und der Tune ist außerordentlich stark und lässig. Er erinnert an entscheidende Momente einer Beziehung oder Freundschaft, die sich dadurch auszeichnet, über lange Zeitstrecken irgendwie miteinander klar kommen, selbst wenn es holpert - solange man kleine Momente zu schätzen weiß. Auf einer Dachterrasse möchte die Ich-Erzählerin mit ihrem Gegenüber "auf die nächsten fünf Jahre anstoßen", voll des ironischen Blicks zurück auf die ersten Begegnungen ("say hello to the ghosts of who we were back then").
Höchst atmosphärisch taucht "Death Wish" in eine ästhetische Mischung aus Wüstenrock-Lead Guitar, Keyboard-Loops und Taylors Reibeisen-Modulation ein. Hier baut sie Spannung auf, die sich alsbald kraftvoll im ersten Mini-Solo entlädt und zu einer explosiven Bridge aufschaukelt. Ein ungefähres Wabern und eine mellow-ambivalente Grundstimmung treffen auf Präzision an den Saiten und ein fulminantes instrumentales Ende. Tolle Momente und Tracks gibt es also, mehr davon wären noch schöner gewesen.


Noch keine Kommentare