laut.de-Kritik
Farbenfroher kompakter Samtcord zum Hören.
Review von Philipp KauseDas Cover zu "Hope And Fury" verrät bereits ein Leitmotiv Joe Jacksons auf dieser Platte, das Meer, den Hafen. Da beobachtet ein Ich-Erzähler Kinder beim Sandburgenbauen ("See You In September"), nach dem Motto: Irgendwer muss diesen Job schließlich tun. Er lässt aber offen, welchen - das Burgenbauen oder das Beobachten. Ambivalent, augenzwinkernd war er immer. Am Landungssteg, dem Pier, erklingen Seefahrerlieder. "End Of The Pier" ist eine kleine Familienchronik und sogar generell ein Abbild der Working Class, gehüllt in schwarzen Humor. Der Tune spinnt das Motiv des Meeres weiter. "Welcome To Burning-By-Sea" lässt die Küstenkulisse mit der Dramatik eines Gewitters in vielen Farben und Klangfarben erstrahlen und macht bereits aus dem Album-Einstieg einen der üblichen Chamäleon-Auftritte des "Steppin' Out"-Hitmakers.
Knapp fünf Jahrzehnte mischt er jetzt mit. Nach einer Zeitreise, die zuletzt 110 bis 120 Jahre, vor den Ersten Weltkrieg, zurück führte, verrührt der sehr britische Singer/Songwriter jetzt wieder vieles, das man in England in den Swinging Sixties erfolgreich aufgriff, und fügt noch einiges hinzu: Als Motown, Klassik, Skiffle, Mod und Garage im UK aufeinander prallten, plus/minus 1965, gab es zwar noch nicht die iPhone-Fotos, die Joe im Text von "Do Do Do" behandelt. Aber viele Gruppen legten damals schon diesen druckvollen Uptempo-Brit-Beat mit besagten heterogenen Einflussquellen vor, seinerzeit in Mono und knapp zwei Minuten. Joe Jackson schöpft wiederum aus der Klangqualität heutiger Tage, und kann sich bei der fruchtvollen Implosion der genannten Zutaten mehr Zeit nehmen.
Stets wirkt er auf "Hope And Fury" äußerst stilsicher, als sei das Album wahlweise aus dem Schreiben heraus direkt ohne das klitzekleinste Zögern in seine Berliner Studioaufnahmen geflossen und würden wir lauter Volltreffer-First Takes hören. Oder es steckt das andere Extrem dahinter - dass die Nummern alle jahrelang gärten und reiften, um genau jetzt im rechten Moment geerntet zu werden. Jedenfalls macht alles einen sehr überzeugenden Eindruck. Er hat es selbst koproduziert. Ob der Grandseigneur mal Jazzrock Marke Toto aufführt, wie bei "After All This Time", oder ob er sich auf der Spielwiese des Northern-Soul austobt, wie im schwungvollen "Made God Laugh" - seine Rezeptur geht prima auf.
Gleichermaßen vereint er Hardbop-Phrasierungen bei "The Face" mit Pub-Rock-Gegröle im Call-and-Response-Muster. Die E-Orgel schraubt alles zusammen, was aufs erste Hören irgendwie nicht zusammen gehört. Sie dominiert im dschungelig-perkussiven Artpop "Welcome To Burning-By-Sea" und sorgt für einen psychedelischen Touch. Ähnliches Muster, ganz andere Stimmung: Das E-Piano treibt die ebenfalls recht perkussiv geschäftige Nummer "End Of The Pier" durch einen interessanten Spannungsaufbau. Joe werkelt und wandelt sich im Vortrag von hintergründigem Understatement über eine pathetische laute Passage bis zu ausgelassenem "La-la la-la". Bei "See You In September" sorgen seine Tastentöne für Seriosität, ergänzen den Klassik- und Kammer-Pop der Streicher: Susan Aquila , Geige, Lourdes Rosales, Bratsche. Gleichzeitig kontrastieren sie den ambivalenten Humor der Lyrik, wodurch der Wortwitz eine "doch doch, ich meine das wirklich so"-Attitüde aufgeklebt bekommt.
Schwungvoll, manchmal hypnotisch, mit gleitenden Stilbrüchen, appelliert die Platte trotz ihres unüberhörbaren Stiff Upper Lip-Kunstanspruches und schräger Punkjazz-Dissonanzen ans kollektive Wohlbefinden, samt ernster Momente. Ein Liedeinstieg wie "Dad came home half dead, another hard day down the mine (...) Mother's head would hurt, from working on the factory line" scheint poesiepreisverdächtig. Diese Sozialstudie spielt vor hundert Jahren und vergleicht dann in der letzten Strophe mit der heutigen Zeit. Das Ganze könnte in Portsmouth spielen, wo Jackson als Jugendlicher lebte, damals florierende Industrie- und Hafenstadt. Er betont indes, der Schauplatz sei fiktiv.
Ebenso glänzen Reime wie "Who had the nerve to observe I had an attitude?" inmitten der eloquenten Flut. Oder es hagelt Süffisanz ("where the Green Man rules and resists being dissed by political fools"). Oder es bleiben Bilder haften wie "all the crocodile tears I refused to cry" im Salsa-geschwängerten "I'm Not Sorry". Es ist ein bissiges Plädoyer dafür, sich nicht in Form von Lippenbekenntnissen für etwas zu entschuldigen, nur weil einen jemand mit Erwartungen dazu drängen würde. Empfindet man keine Reue, kann man das Entschuldigen demnach auch gleich bleiben lassen und zu ein bisschen Konfrontation stehen.
Da ist sie wieder, die punky-Anarchie des New Wave-Komponisten, der Ende der Siebziger ganz am Rande auch den Spirit der britischen Punk Explosion ein- und ausatmete - auch wenn er sich stilistisch dafür immer zu nah an Synths, Pop, Soundtracks und Jazz bewegte. Die Gesinnung des vorsätzlichen Regelbruchs bewahrte er sich. In "I'm Not Sorry" gelingt ihm wieder sein typisches Oxymoron, zugleich luftig tänzelnd und vehement hämmernd zu klingen - ein echter Joe Jackson-Track eben. Ob in "Do Do Do" ein bisschen die Sparks und Caesars anklingen, oder ob die Talking Heads an manch anderer Stelle nicht fern sind oder in "Fabulous People" das Who's Who des fünften Kontinents von Crowded House bis Triffids oder anderswo The Stranglers anklingen - der studierte Pianist und Drummer bewegt sich natürlich nicht als Solitär durch die Entertainment-Welt und saugt vieles auf.
In jedem Tune auf dem kurzweiligen Hybrid "Hope And Fury" dringt aber binnen Sekunden immer die Handschrift dieses Songschreibers durch. Und dass man sie so spürt, liegt diesmal nicht nur an seinem charakteristischen Synkopen-Pling Pling-Spiel und seiner bärbeißigen Stimme, sondern am multidimensionalen Komponieren, das jede einzelne Melodie und jeden einzelnen Rhythmus durch die Soul-, Punk-, Jazz- und mindestens noch eine weitere Linse, zum Beispiel Latin, spiegelt. Beim Fusionieren gerinnt alles zu einer so geschmeidigen wie auch rauen Oberfläche - ein bisschen wie Samtcord. Fazit: "Hope And Fury" ist ein saustarkes Spätwerk, wird bestehende Fans beglücken und sogar neue hinzugewinnen, obwohl es weit davon entfernt ist, sich irgendeinem Massengeschmack anzubiedern. Ohren öffnend! Sollte man gehört haben.


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