laut.de-Kritik

Viel Wir, wenig Wow.

Review von

Kaffkiez sind längst in der ersten Liga des deutsch-popigen Indie-Rocks angekommen – zumindest, was ihre Reichweite und Sichtbarkeit betrifft. Nach Chartplatzierungen und Auftritten auf nahezu jeder relevanten Festivalbühne legt die fünfköpfige Band aus Rosenheim mit "Wir" ihr drittes Studioalbum vor. Das ist gut produziert, sauber gespielt, genretypisch verlässlich. Aber genau darin liegt auch das Problem: "Wir" macht wenig falsch, aber ebenso wenig richtig aufregend.

Die einzelnen Songs klingen für sich genommen zwar jeweils ganz stabil, doch das aus bisheriger Kaffkiez-Diskografie vertraute Muster des scheinbar immer gleichen Songwriting-Standards katapultiert sie ins Mittelmaß. "Wir" liefert genau das, was man erwartet, irgendwo zwischen Kraftklub, AnnenMayKantereit und Provinz – aber bei Kaffkiez-Sänger Johannes Eisner immerhin ohne die manchmal irritierende Betonungsakrobatik der Genre-Kollegen.

"Vorhang Auf" eröffnet das Album mit klassischem Deutsch-Alternative-Rock: treibende Hook, mitsingbarer Refrain, Bewegung in den Beinen. "Vorhang auf, wir sind jetzt wieder da, [...] spür' was die Hook mit deinen Beinen macht" – wenn ich jedoch beim Hören tief in mich hineinspüre, stellt sich so gut wie keine Ekstase in den Beinen ein, zumindest lasse ich mich zu leichtem Mitnicken hinreißen.

"Chaot" klingt etwas energetischer und angenehm nach vorne gehend, doch bleibt textlich simpel. "Ich bin ein Chaot, eh, ist das hier schon die Hook? Mein Gehirn ein Labyrinth, werf' meine Pläne in den Wind. Bin ein Chaot, eh, war das hier schon die Hook?" – ja, das war sie. Und die funktioniert live hoffentlich besser als im Albumkontext.

Mit "Hast Du Noch Zeit" wird es emotionaler. Eine melancholische Rockballade über Nähe, Nacht und die Frage nach dem Danach: "Kommst du noch mit zu mir? Was haben wir noch zu verlieren? Es ist schon kurz vor vier, was soll denn noch passieren?" Musikalisch solide, textlich massenkompatibel – nichts Überraschendes, aber ein ordentlich umgesetzter Song fürs Stamm-Repertoire jeder Indie-Rock-Gruppe.

"Halb So Schön Wie Du" klingt wie der routiniert eingespielte Prototyp eines Kaffkiez-Songs: gefällig, glatt, ohne Ecken. Erst "In Nächten Wie Diesen" bringt etwas Abwechslung. Der ruhige Beginn weicht im Refrain einer tanzbaren Explosion zum Pirouetten drehen, um zumindest kurzzeitig aus dem Albumtrott auszubrechen. Ein Beweis dafür, dass die Band auch mehr Dynamik kann.

Ein kleines Highlight folgt mit "Benz". Für einen kurzen Moment könnte man die Rosenheimer Band für Schwaben aus Stuttgart halten, schließlich beginnt der Song mit Auto-Anlassgeräusch und weniger später heißt es gar: "Mein Coupé ist rot, die Farbe der Sieger." Und weiter: "Wenn deine Miete steigt, gewinn ich wieder. Ich bin Sympathieträger, denn mich liebt das Geld, nenn' mich Daddy, ich kauf' den Rest der Welt." Sein ironisch gebrochener Text macht den Track zu einem der stärksten des Albums – hier stimmt das Verhältnis zwischen augenzwinkerndem Humor, pointierter Beobachtung und musikalischer Leichtigkeit.

"Angst Zu Sterben" setzt dem eben aufgekeimten Ironie-Modus eine ernsthafte Ballade entgegen. Inhaltlich ebenfalls einer der Lichtblicke des Albums: Es geht um den Tod, das Vergessenwerden und was darauf folgt. Keine tiefschürfende Philosophie, aber spürbar ehrlich und bewegend.

Mit "Keine Stadt", "4000 Grad" und "Capri Sonne" verfällt das Album wieder in eine Routine mit viel Standard und wenig Ausschlag. Erstgenannte Songs gehen nahezu unter, während "Capri Sonne" immerhin durch seinen Beat wieder etwas Tanzenergie freisetzt. "Noch Nie Vermisst" und "Akademiker" tragen weiterhin das gleichklingende Soundkorsett und bieten austauschbare Indie-Themen zwischen Sehnsucht, Verliebtsein und einem ironischen Blick auf das Bildungsbürgertum.

Zum Ende hin gewinnen die Texte wieder etwas an Tiefe. "Eine Frage" stellt das ewige "Was wäre, wenn?" in den Mittelpunkt: "Wenn ich nur ein bisschen mutig bin? Was wäre, wenn? Wenn ich dich nochmal zum Lachen bring? Was wäre, wenn? Wenn wir das 'wäre' gar nicht kenn'?" – inhaltlich reflektierter als bisher, sogar fast ohne pathetisch zu werden.

"Mein Traum" schließt das Album mit einer gefühlvollen Ballade über das Verlassenwerden, das Vermissen und den eigenen Traum, der einem in der Nacht fremdgeht. Der Griff zur großen Emotion und auf die Tränendrüse sitzt, auch wenn er erwartbar bleibt.

"Wir" ist ein durchweg ordentliches Album und überdurchschnittlich hörbarer Vertreter des eigenen Genres. Sehr gut produziert, ohne größere Makel, stilistisch geschlossen, mit einzelnen starken Momenten. Doch genau diese Geschlossenheit wird zur Schwäche: Überraschungen bleiben aus, musikalische Risiken werden kaum eingegangen, textliche Aha-Momente sind rar. Kaffkiez sind im Mainstream angekommen und liefern eine Platte, die Genre-Fans zuverlässig abholt, die jedoch ohne Besonderheiten auskommt und ohne neue Wege zu gehen.

Trackliste

  1. 1. Vorhang Auf
  2. 2. Chaot
  3. 3. Hast Du Noch Zeit
  4. 4. Halb So Schön Wie Du
  5. 5. In Nächten Wie Diesen
  6. 6. Benz
  7. 7. Angst Zu Sterben
  8. 8. Keine Stadt
  9. 9. 4000 Grad
  10. 10. Capri Sonne
  11. 11. Noch Nie Vermisst
  12. 12. Akademiker
  13. 13. Eine Frage
  14. 14. Mein Traum

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LAUT.DE-PORTRÄT Kaffkiez

Der Bandname erklärt sich schnell: Die Gründungsmitglieder Johannes 'Gotti' Gottwald und Johannes 'Eisna' Eisner stammen aus der oberbayrischen Provinz.

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