laut.de-Kritik

So klingen die Sleaford Mods auf LSD.

Review von

Mit seinem dritten Studioalbum "The Ooz" mauserte sich King Krule zum Liebling des Feuilletons. Clever getextet und musikalisch herausfordernd: Pitchfork kürte das Werk zum besten Rockalbum 2017. Dabei sträubt sich der "Jazz fusion"-Ansatz des Londoners mit Händen und Füßen gegen jegliche Massentauglichkeit. Auf dem Nachfolger "Man Alive!" gibt sich King Krule noch kantiger und streicht den Begriff "Hit" final aus seinem Wortschatz.

Herrlich krude, vermischt Archy Marshall, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, Psychedelic Rock, Industrial und Hip Hop. So klingen die Sleaford Mods, wenn man sie unter dem Einfluss von LSD hört. Die Gitarren schleppen sich zäh durch die Takte, die Drums können sich nicht zwischen analog und digital entscheiden, und das warme Saxofon kämpft gegen kühles Synthie-Geblubber.

Wer sich nicht auf die Musik einlässt, fühlt sich schnell überfordert. Ohne Refrains und vermeintliche Strukturen verlangen die Lieder eine hohe Aufmerksamkeit. Den definitiv vorhandenen Genuss an "Man Alive!" müssen sich die Hörerinnen und Hörer hart erarbeiten. Dann aber eröffnet sich eine Welt, die einen mit ihrer Atmosphäre in den Bann zieht.

Der 25-Jährige berichtet mit Sprech- und leidendem Gesang aus einem Leben, das trostlos scheint. Während Gleichaltrige erste Karriereschritte gehen, sitzt Protagonist King Krule allein in der Kneipe. "What am I good for? / I've got no signal / Abandoned, to the voice in my head", klagt er im Opener "Cellular" über den verloren gegangenen Kontakt zur Außenwelt im Allgemeinen und zu Herzensmenschen im Speziellen: "I phone my ex / I phone my ex!"

Der Brite fühlt sich von seinen sozialen Umständen gelähmt. Die Musik unterstreicht diese bedrückende Stimmung. "Man Alive!" beginnt mit einem zähen Groove, den die Platte im Laufe der 41 Minuten verliert. Ohne Drums mäandert "Theme For The Cross" im letzten Albumdrittel vor sich hin. Im darauffolgenden "Underclass" verirrt sich King Krule in einen verrauchten Jazzkeller, wo seine Energie endgültig schwindet.

Simpler gestrickt als der Vorgänger, dabei aber effektiv: "Man Alive!" fordert und belohnt. Monotonie kommt nicht auf. Stattdessen lässt sich King Krule von seinen Lebensumständen inspirieren und zeichnet eine beklemmende Momentaufnahme aus dem Leben eines jungen Briten: "I hang my head for those / Who ain't been held too close."

Trackliste

  1. 1. Cellular
  2. 2. Supermarché
  3. 3. Stoned Again
  4. 4. Comet Face
  5. 5. The Dream
  6. 6. Perfecto Miserable
  7. 7. Alone, Omen 3
  8. 8. Slinky
  9. 9. Airport Antenatal Airplane
  10. 10. (Don't Let The Dragon) Draag On
  11. 11. Theme for the Cross
  12. 12. Underclass
  13. 13. Energy Fleets
  14. 14. Please Complete Thee

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4 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 6 Jahren

    Fand King Krule bisher immer doof, und trotz mehrmaliger Versuche ist praktisch nichts von ihm hängengeblieben. Macht diese Platte etwas anders?

  • Vor 6 Jahren

    King Krule fasziniert ... zumindest mich, und dann auch nur, wenn die Randbedingungen ausnahmslos stimmen (angepisst sein, unendlicher Weltschmerz, alle Scheiße, sogar Mutti etc.). Hier gibt es auch kein “bisschen mögen“ - entweder ja oder nein, schwarz oder weiß. Ich verfolge seine Karriere bisher nahtlos. Massentauglich war einzig sein Auftritt bei Letterman - da konnte man denken: “Mach' so weiter, kleiner Mann im großen Anzug, und du wirst gut Kohle verdienen.“. Aber Herr Marshal hat bisher mehr als einmal gezeigt, dass ihm das komplett am Allerwertesten vorbeigeht. Man muss seine Musik nicht mögen, jedoch ist der Typ wenigstens ein Typ. Britische Arbeiterklasse vom feinsten, introvertiert, rude, wahnsinnig kreativ. So liebe ich meine Insel - und wünsche mir beim Hören der Platte doch die gute, alte Zeit des Brit-Rocks zurück. Unangepasste Musik mit Tiefgang und einem im Hintergrund leicht mitschwebenden Mittelfinger. Gerne! Gute Platte ...

  • Vor 5 Jahren

    Man Alive! von King Krule ist eine Herausforderung. Mal Jazz, mal HipHop, mal Psychadelic mal Experimental. Kein leichter Hörgenuss. Man muss sich darauf einlassen. Kann man mögen - muss man nicht. Ich fand es oft zu zäh.