laut.de-Kritik

Solide Straßenrapkost für zwischendurch.

Review von

Immer wieder stellt sich mir die Frage: Ist der Zuspruch, den Lacazette erhält, gerechtfertigt? Ist er wirklich besser als ein Großteil der deutschen Straßenrapper da draußen? Und wenn ja: wie weit ist er seinen Genre-Kollegen wirklich voraus?

Zuerst einmal checke ich, warum Hörer ihm mehr zutrauen. Lacazette zeigt auch auf seiner neuen EP "Lucky Friday" einen sehr markanten Akzent, rattert seinen Vortrag sehr kompakt ab, aber immer noch so, dass es sehr lässig wirkt wie zum Beispiel in "MPP": "Kantstraße, Cali, Hasch, Hase / Kein Umzug, 50 kg Annahme", während er hin und wieder mit ein paar fancy Referenzen spielt ("Wodka Cîroc, Stiletto im Tommy-Hemd / Sie sagt: 'Daddy is cool' so wie Boney M."). Zudem mag ich, wie er manchmal mit Flows arbeitet, auch wenn es zunächst wie ein kleines Puzzleteil im Gesamten wirkt, wie auf "ALC", wo er in der Hook die Endsilben etwas langzieht: "Ich trag' Fernbedienung, ich trag' Batterien / Kuzi, das ist Cali-Weed, komm, ich lass' dich zieh'n / Lak, ich ziel' auf dich mit volle Magazin / Werf' ein'n Funken und wir brennen wie Benzin."

Das sind wirklich nur kleine Details, und doch effektiv genug. Insgesamt rappt er mit einer Eloquenz, die ihn von der grauen Straßenrap-Norm abhebt. Dabei bleibt er trotzdem stets authentisch, wenn auch ein wenig übertrieben, aber in einem gesunden Maße und nicht so, dass es in eine zu comichafte, "kollegaheske" Schiene abdriftet. Der Junge hat Swag. Zumindest finde ich kein besseres Wort als "Swag", wenn er solche Zeilen droppt wie: "Ich steppe so wie David Bowie in die Booth", auf "ALX".

Auch inhaltlich zeigt er hin und wieder viel Kreativität in seinen Zeilen. Neben der üblich beschreibenden Vortragsweise über den Struggle auf den Streets droppt er auch krasse Bars wie auf "MPP": "Das Brot von gestern ist nicht hart, hart ist, keins zu haben." Ähnlich verhält es sich mit dem Straßen-Business auf "MVA" ("Dieser Krummnacken kommt von Geld zähl'n und packen") oder "ALC" ("Frag nicht, wie's mir geht, frag' mich, wo was geht / Und ich nenn' dir zwanzig magische Orte plus den Weg"). Das ist schlichtweg ein so herrlich schräger und so fantasievoller Ansatz, den Kunden zum Stoff seiner Begierde zu bringen. Und wenn er so richtig den Turbo zündet, dann macht er richtig Spaß. Auf dem ersten Track "90%" legt er eine Schippe Aggressivität obendrauf und es scheppert ordentlich, auch wenn seine Stimmlage ein bisschen zu sehr an AK AusserKontrolle erinnert.

Trotz all dieser positiven Anmerkungen überzeugt er mich nicht in vollem Maße. Letzten Endes bewegen wir uns die meiste Zeit in den gängigen Thematiken: "Wir machen Asche, fünfzig Kilo in der Tasche / Über hundert Riesen jede Sache / Fünfzehn Mille jeden Monat, keine Zivis an der Backe / Ich kacke Geld, ich mach' Para, wenn ich kacke." Gerade bei der letzten Zeile bekam ich ganz kurz Ice Spice-PTBS. Uff. Aber was ich eigentlich zu solchen Bars im Allgemeinen sagen wollte: Ja, es ist halt Straßenrap. Para machen, Drogen und Waffen ticken, gehört nun mal dazu. Nur bei Lacazette bekomme ich das Gefühl, dass er mit seinem Potenzial über mehr als nur den Hustle in den Streets rappen könnte. Andersherum stelle ich mir gleichzeitig die Frage, ob wir von jedem guten Straßenrapper abverlangen sollten, gleich der nächste Haftbefehl oder OG Keemo zu werden. Ich glaube, man sollte Lacazette und Konsorten einfach ihr Ding machen lassen. Alleine seine Delivery hebt auch seine standardmäßigsten Zeilen auf ein minimal höheres Level.

Ein vielleicht größeres Problem stellen die Beats dar, wobei es sich hier wie ein zweischneidiges Schwert verhält. Einerseits denke ich, dass sie für den Rapstil Lacazettes perfekt zurechtgeschnitten sind, an sich klingen sie dann aber doch nur passabel. Nie schlecht, aber auch nie herausragend. Wir sprechen hier von soliden, Boombap-artigen Loops und sehr klassischen Trap-Produktionen. Gerade letztere wirken recht mager, was aber eher daran liegen könnte, dass das Trap-Genre grundsätzlich in den letzten Jahren um Welten facettenreicher geworden ist. Ich verlange von Lacazette jetzt nicht, auf einen Plugg- oder (nicht auszudenken!) Rage-Beat oder irgendwas Experimentelleres zu springen, stelle mir aber zumindest vor, dass es bessere Beats als die auf dieser EP gibt, die dem Geschmack Lacazettes liegen würden.

"Lucky Friday" ist ein stabiler Viertelstünder, doch wirft die EP die Frage in den Raum, ob Lacazette hier das Maximum dessen erreicht hat, was er mit seiner Musik erzielen will, und man ihn einfach machen lassen sollte, oder ob da vielleicht doch noch mehr geht. Unglücklicherweise bin ich in seinem Falle ein wenig pessimistisch. Es beschleicht mich das Gefühl, dass er mit seiner jetzigen Schiene immer so weitermachen wird, bis er in die Monotonie abdriftet. Aber vielleicht irre ich mich.

Trackliste

  1. 1. 90%
  2. 2. ALX
  3. 3. MPP
  4. 4. MVA
  5. 5. ALC
  6. 6. 8PM

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Lacazette

Manchmal kommen sie wirklich aus dem Nichts. Am 13. April 2024 postet ein Typ namens Lacazette ein Snippet auf Instagram, und die halbe Deutschrap-Szene …

Noch keine Kommentare