laut.de-Kritik

Dieses Tape bannt das Winterwetter.

Review von

Vielleicht könnt ihr gerade nicht aus dem Stand nachvollziehen, warum diese Kombo so eine irre gute Idee ist. Denn es gab vor zwei Jahren bereits ein Album von Larry June und dem Alchemist, das im größeren Kanon der Larry June-Projekte für mich eher ein bisschen unterdurchschnittlich ausgefallen ist. Aber die Einführung von Atlanta's finest Tity Boys nka 2 Chainz - das ändert die Dynamik zu einer absoluten Gewinnerkombo.

Seht es so: Jetzt haben June und 2 Chainz die Vibe-Mehrheit. Das heißt, Alchemist seinen Rumpelsound nicht mehr durchsetzen und muss komplett in seinen sonnendurchfluteten Zehnerjahre-Action Bronson-Bag zurück manövrieren. Und wenn man ihn mal ein halbes Jahr von den Earl Sweatshirt-Akolythen fernhält, kann er Luxus-Rap und Yachtmusik mindestens genauso gut, wie er Drumless-Melancholie beherrscht. Dazu kommt 2 Chainz, ein eigentlich echt geiler Rapper, dem immer ein bisschen der Sound gefehlt hat, weswegen seine einprägsamsten Momente eigentlich fast immer auf Gastbeiträgen abgespielt haben. Und wir haben Larry June, meinen gemütlich-pilled Champion der kalifornischen Morgensonne, der von seinem sehr animierten Co-Star zu ein kleinem bisschen mehr Ausdruck und Energie anschieben lässt.

Zusammengefasst: "Life Is Beautiful" sorgt für ideale Wachstumsbedingungen für Orangenbäume. Spielt den Opener "Munyon Canyon" einmal auch nur über Handyboxen, und ihr bannt deutsches Februarwetter mit einem Kuppelradius von dreißig Kilometern. Westküstensonnenbrand wird euch wärmen, Sturmwinde werden gebannt sein, ihr werdet keinen Sonnenbrand bekommen. "I Been" strahlt Laid-Back-Coolness, das es sich fast ein bisschen wie City Pop anfühlt.

Larry June ist gerade ein bisschen mein Lieblingsrapper. Er ist nicht technisch krass, der hat nicht mal die heftigste Stimme oder so, aber verdammt, er ist ein Gott mit den Vibes. Dabei muss man ja sagen: Viel von seinem Gelaber ist eigentlich klassisch neoliberales Leistungsversprechen und Selbstoptimierungs-Talk. Aber keine tausend FDPs könnten es so cool klingen lassen wie er: Diese Bilder von Frühsport am Strand, Deeptalks mit befreundeten Architekten, einem Flügel zwischen der japanischen Inneneinrichtung. Das deutsche Pendant würde wohl ein Harry Quintana sein, aber auch er schafft es nicht wie June, dass wo er rappt, wirklich immer die Morgensonne scheint.

Und 2 Chainz: Boy, lebt der in diesem Albumkontext auf! Auf "LLC" gibt er seine Interpretation von Grown-Up-Rap ab: "I got my car in an LLC / I got my pistol in my wifey's name / I got more blues than B.B. King / I told my son, 'You gon' be a king / Put your mind to it, you can do anything'" - er profitiert von der klaren ästhetischen Vision, er kann andocken, aber auch aufspielen. Gerade auf Tracks wie "Colossal" oder "Generation" lässt er durchscheinen, dass er aus der Wayne-Generation der Thementracks und Technikraps stammt. Und gerade für June, der schon ab und zu eher zur Formlosigkeit und zur Formelhaftigkeit neigt, entstehen so angenehm klare Motive und eine etwas definiertere Tracklist.

Leichte Abzüge in der B-Note gibt's im letzten Drittel, wo die Feature-Synergie ein bisschen nachlässt und es sich mehr so anfühlt, als wären sie nicht mehr so doll zusammen im Studio gestanden und hätten stattdessen einfach noch einmal den jeweils anderen auf bereits angefangene Tracks dazu geholt.

Aber macht das so viel? Ich kann über "Life Is Beautiful" wenig sagen, außer dass die Vibes absolut immaculate sind. Gerade im Direktvergleich zum vorigen June-Alchemist-Projekt "The Great Escape" haben wir hier einen extremen Sprung. Für mich persönlich gibt es ja das eine, ultimative Larry June-Ritual: Irgendwann im Sonnenaufgang zu Fuß los in Richtung Schwimmbad, ein Tape durchhören, ein paar Bahnen ziehen, frühstücken. Sobald der Winter vorübergezogen ist, wird "Life Is Beautiful" dafür definitiv verdammt oft laufen.

Trackliste

  1. 1. Munyon Canyon
  2. 2. Colossal
  3. 3. I Been
  4. 4. LLC
  5. 5. Bad Choices
  6. 6. Life Is Beautiful
  7. 7. Generation
  8. 8. Any Day
  9. 9. Epiphany
  10. 10. Tru Organics
  11. 11. Jean Prouvé

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5 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor einem Monat

    Gutes Teil, 2 Chainz auf ALC-Beats = unerwartetes perfect match. "Generation" mit dem Rückwärts-Sample und Trap-Rhythmus ist jetzt schon einer meiner Songs des Jahres, grandios!

    Aber wenn Larry June seine Flows variiert, klingt das schon sehr ungelenk imo. Schuster, bleib bei deinen Leisten.

  • Vor einem Monat

    Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Monat

    Das Alchemist-Porträt könnte btw mal ein Update vertragen, seit Gangrene ist mittlerweile sehr viel mehr passiert @Yannik & co ;)

    Mit Preemo wahrscheinlich der legendärste Producer imo.

    • Vor einem Monat

      El-P, Rza, Kanye, No I.D.
      Würden mir auch noch einfallen.

    • Vor einem Monat

      Pete Rock, Hi-Tek, Havoc, Fat Jon, 7L, Zenit, Q-Tip, Large Professor, Chief Xcel, J Dilla

    • Vor einem Monat

      Harry Fraud, Pharrell, Danger Mouse

    • Vor einem Monat

      Madlib, Just Blaze, Scott Storch, Neptunes, Bomb Squad, Timbaland...

    • Vor einem Monat

      jaja, Pharrell = Neptunes, hab ich überlesen

    • Vor einem Monat

      Uh. Jetzt hab ich Bock mal wieder Hell Hath No Fury zu hören.

    • Vor einem Monat

      Dan the Automator!

      C'mon guys, das kommentarspalteneigene Deltron-Desaster gründet auf einer seiner Produktionen!

    • Vor 27 Tagen

      Roe Beardie, Martin Stieber, Iman Shahidi, Sepalot und wer auch immer "Rap-O-Clap-O" für Cora und die Popspatzen nachgebaut hat...

    • Vor 27 Tagen

      ... im Übrigen ist Das Deutscheste an dieser Diskussion nicht mein obiger Beitrag, sondern das von Dr Dre (und allen seinen Ghostproduc... guten Freunden) über DJ Quick und Pooh zu Daz Dillinger und Warren G, oder meinetwegen auch Muggs mit seinem LA-Rumpelpumpel, Opio von den Hieros oder Ersatz-New Yorkern wie den People Under The Stairs oder Chief Xcel ein Haufen krasser Westcoastproduzenten einfach eiskalt ignoriert werden.

      Und ich hab noch nichtmal Davin angefangen von Genre-Cousins wie DJ Shadow zu reden.

      Da hilft auch ein versorengter Dan the Automator nicht so viel.

    • Vor 27 Tagen

      Chief Xcel hab ich doch genannt?

      Opio ist mir persönlich zu inkonstant und Dr. Dre hat nach heftigen Beginnen auch dergleichen abgebaut und da muss er sich einfach mit Leuten wie Primo messen auf dieser Stufe

    • Vor 26 Tagen

      Hahaha... Chie Xcel eiskalt übersehen. Leseverständnis: 4-.

      Ich kann den Knock bei Opio schon verstehen (hätte vielleicht auch besser Hiero-Camp oder einfach A-Plhs sagen sollen; der Typ selbst mit meinen Lieblingsstücken aus der Ecke nur marginal zu tun... aber "You never Know," "93 till," und "Pacific Heights" sind alles zertifizierte Klassiker), aber da muss ich dann auch einfach sagen: es gibt mehr als genug Dulli-Beats von Preemo, auch wenn der (keine Frage) Legende ist.

      Der Punkt bleibt jedenfalls: wenn's nicht nach Brooklyn ca. '91 usw klingt, wird das in 'schland immer gleich mit gerümpfter Nase betrachtet. Sei es G-Funk oder Mobb Music, "stiefmütterlich" scheint mir schon das richtige Wort für deren Behandlung zu sein. Was Schade ist, weil einfach ziemlich viel ziemlich geile Mucke dabei herumgekommen ist, was aber aus irgendeinem Grund hier immer so als zweite Klasse abgetan zu werden scheint.

    • Vor 25 Tagen

      Schon, da Opio mit den SoM Dubut classic Produktionen nichts zu tun hatte, das waren großteils Domino und A-Plus. Jener Domino, der auch die Hieros bestückte, Opio hier jedoch zumindest ab und an die dritte Geige produzierte sowohl bei SoM als auch den Hieros, jedoch bei meinem Liebelinstrack, "Fantasy Island" der "Full Circle" absolut federführend war :D

      ---------------
      Peinlicherweise habe ich grundsätztlich Speck und Enoch von Cyne unterschlagen

  • Vor einem Monat

    Man muss schon ein sehr übler Rucksack sein, um bisher überhört zu haben, dass 2Chainz ein sehr stabiler Rapper ist.

    Das Teil ist sehr fein. Genau das was man erwarten durfte.