laut.de-Kritik
Manches hier klingt, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Review von Philipp KauseLou Gramm verantwortet die große Hit-Periode von Foreigner. Dass er bei einem Label gelandet ist, das sich auf gut kuratierte Wiederveröffentlichungen versteht und spezialisiert, passt ins Bild. Denn wo Cherry Red gerade den Glam-Pop-Sound der Achtziger am Leben erhält, da ist auch der Maestro der Rock-Disco bestens aufgehoben.
Mit "Released" irritiert er vom Albumtitel her ein wenig, denn jede Musik auf einem Tonträger ist ja genau das, "Released". Schon Foreigner hatten mit Albumtiteln kein glückliches Händchen, wie "4" oder einfach "Foreigner" zeigen. Andererseits zerstreut die neue Musik schnell alle Zweifel, denn die CD ist die perfekte und leicht verdauliche Kost für alle, in denen jene alten Zeiten vom "Jukebox Hero" weiter leben.
Mister Grammatico weiß noch immer, worauf es ankommt: Auf knallige Hooks in angenehmem Midtempo, auf großmächtige Akkorde, die aus Synthesizern gut klingen, manchmal unübertroffen gut, wie im standfesten "Lightning Strikes". Und natürlich erwartet das Publikum den Gesang eines 26-Jährigen, welcher der damalige Wuschel-Lockenkopf war, als er "Cold As Ice" das erste Mal einsang. Er sieht nicht mehr so aus wie auf dem Retro-Artwork, doch klingt noch immer so, kann in die Höhenlagen biegen, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Die Songs erfüllen die damals gewohnte Güteklasse. Wer das damals alles gut fand, wird jetzt auf seine Kosten kommen. "Word Gets Around" reiht sich in die Zeit plus/minus 1980 nahtlos ein, von den peitschenden Drums über das Neonschrille der Hookline, die glockenhellen Poser-Rock-Vocals, die euphorische Grundstimmung bis hin zum metalhaften Grande Finale am Drum-Set (Lous Bruder Ben Gramm).
"Walk The Walk" ist ein plakativer und trockener Stomper mit Understatement in den Strophen, stilistisch ein bisschen wie Robert Palmers "Looking For Clues", aber mit Saxophon-Topping. "Long Gone" lässt Spielraum für ein scharfes, gleichwohl kaum kreatives Gitarren-Solo (Alex Garcia, in anderen Songs Ko-Autor Bruce Turgon oder Vivian Campbell von Dio, Whitesnake, Def Leppard). Derweil Gramm ja gar nicht für Gitarren steht, sondern ein Gruppenvorsteher mit Trommelstöcken war, überrascht das ein wenig. Auf der Hälfte der Songs lässt er die Sticks wieder schwingen.
Fette Punkte sammelt die Platte an der Balladen-Front - und zwar ganz ohne dass Lou solche Crowd Pleaser-Tricks wie bei "I Want To Know What Love Is" bemühen würde. "Time Heals The Pain" zieht schlicht und ergreifend schön komponiert seine Bahnen, toll gespielt und mit einem hörbaren Leuchten in den Augen gesungen. "True Blue Love" ist mit manch schwierigem Akkord trotz eines simplen Texts ein Zuhörsong für ruhige Stunden. Das Unplugged beinhaltet zwei Leute an den Tasten, Jeff Jacobs am Keyboard, der 1991 bis 2007 bei Foreigner musizierte, heute Producer ist, und Johnny Cummings am Klavier.
Diese Aufnahme knüpft an eine Solo-LP von Gramm an, die er 1989 aufnahm und auf der sich der Song anders anhört. Heute ist schon technisch bedingt der Sound ein anderer. Man achtete auf Räumlichkeit und ein immersives Erlebnis, unterzog alle Tracks wirkungsvoll einer entsprechenden 3D-Abmischung. Schwachpunkt derweil: Lyrisch kommt die ganze Platte über Ankündigungen der Sorte "tonight I'll give you anything" und das Ausmalen von Settings und Zeitpunkten für Liebeserklärungen kaum hinaus. Mehr als soliden AOR-Standard braucht es aber sowieso nicht, wenn ein 71-Jähriger aus der Premium-Liga authentisch an die großen Zeiten anknüpfen will.
Trotz dieser Oldies-Show voller neuer Songs muss man jetzt als Gramm-Fan flink sein. Es gibt noch ein paar vereinzelte Konzerte bis Jahresende in den USA, Gerüchten zufolge zudem eventuell ein paar in Deutschland. Aber "Released" dient in erster Linie als Abschiedsalbum und ist als Einstieg in den Vorruhestand zu bewerten. Der Songwriter freute sich schon vor geraumer Zeit darauf, neue Nummern ins Radio zu bringen, produzierte diese selbst zusammen mit seinem Sohn Matthew, kündigte aber bereits für 2025 die Rente an. In der Zwischenzeit kam der Ausstieg des letzten Foreigner-Frontmanns Kelly Hansen ausgerechnet zum 50. Jubiläum dazwischen. Gramm sprang für ihn ein, nahm seine alte Rolle wieder wahr und stand auf amerikanischen Brettern wieder als Foreigner-Mitglied auf der Bühne. Mittlerweile hat die Band Luis Maldonado als frei agierenden Vokalisten, der seine Instrumente auf Tour einem Neuzugang überlässt und vor Publikum Raum zum Trällern bekommt.
Aus Lou Gramms aktiver Zeit ist nur noch Mick Jones dabei. Inmitten der insgesamt 42 Beteiligten, die kamen und gingen, überblicken die beiden wahrscheinlich auch nicht mehr, wer wann alles dabei oder weg war. Immerhin haben sie jetzt entdeckt, dass 1984 Aufnahmen der "Agent Provocateur"-Sessions übrig blieben, und zwar sieben Tracks an der Zahl. Diese finden sie gut, und möchten sie, wohl in diesem Jahr noch, zu einem Album aufwerten. Somit gilt für Lous Abmarsch in die Rente wohl erst einmal eine längere Lebensarbeitszeit und für seinen Abschied 'Never say never'.


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