laut.de-Kritik
Zwischen Struggle und Meditation: eine spirituelle Reise.
Review von Magdalena GregoriZum ersten Mal veröffentlicht Maya Hawke ein Album ohne ihr Antlitz auf dem Cover. Wobei ... die gemalte Figur namens Maitreya Corso betrachtet die Musikerin als ihr Alter Ego – eine Version ihrer selbst, die nur in ihrer Vorstellung besteht. Die Geschichten, die sie erzählt, handeln von Kreativität, Selbstzweifeln und Stärke. Zustände, die Hawke in fantasievolle Folk-Klänge hüllt.
"What if I got what I wanted? What if I was who I wanna be? fragt sich die Sängerin in "Love Of My Life". Die existentielle Frage nach dem Sinn des Seins vermischt sie mit einer leicht schrägen Melodie, die, gepaart mit Beats und Orgelelementen, ein bisschen nach Kinderzimmerkonzert klingt. Ein Hinweis darauf, die Welt verträumt aus optimistischen Kinderaugen zu sehen?
In "Devil You Know" setzt Hawke ihren nun älteren Augen eine Brille auf und beschäftigt sich mit dem Teufel in einem selbst. Die Stimmen in ihrem Kopf sprechen aus dem chorähnlichen Echo, das den Sprechgesang untermalt. Und ähnlich wie man Stimmen im Kopf manchmal schwer loswird, kreisen auch meine Gedanken weiter um diesen Song, ob beim Essen, im Bus oder unter der Dusche: Ich summe ihn vor mich hin.
Mit 21 Jahren ist Maya Hawke 2019 erstmals in der Netflix-Fantasyserie "Stranger Things" zu sehen. Ungefähr zur gleichen Zeit veröffentlicht sie erstmals Musik. Ihre Erfahrungen am Filmset verarbeitet sie unter anderem in "Lioness". "They put my picture on the poster / Trapped me on the rollercoaster / Now they've closed the gates for good / It feels different than I thought it would".
Obwohl sie ihrem Traum, Schauspielerin zu werden, näher denn je war, fühlte sie eine Art Enttäuschung, die oft entsteht, wenn romantisierte Vorstelleungen im Kopf mit der Realität nicht übereinstimmen. "Heavy Rain" thematisiert dieses unangenehme Gefühl, es aushalten zu müssen. Der Song wirkt durch den eher nichtssagenden Singsang passiv, bleibt dank der oft wechselnden Gitarrenbegleitung interessant.
Dunkle Wolken schieben sich vor den schwülen Sommerhimmel und verschlucken die Sonne: Genauso wütend wie das Wetter braut sich in "Last Living Lost Cause" etwas zusammen. Manchmal ist es schlimmer dabei zuzusehen, wie etwas zerstört wird, als es selbst zu ruinieren. Aber: Es gibt ja bekanntlich kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Der Chorus hört sich nach Taylor Swifts Handschrift an, und nur die Verse und die schräge Bridge heben den Song vom Einheitsbrei ab. Den gibt es dafür im Intro von "Last Thoughts On Morning Star"; der leicht verstimmte Chorus reißt das Ruder auf dem Weg ins verkitschte Folklore-Verderben aber noch rum.
Versöhnlich säuselt sich "Bring Home My Man" in die Mitte des Albums und beleuchtet die sonnigen und schattigen Seiten von Beziehungen. Dass Hawke am liebsten Geschichten erzählt, beweist sie noch einmal in "Great Minds". Im Hintergrund des Tracks düdeln Klänge, die an ein Retro-Videospiel erinnern, und es geht darum, Unterschiede zwischen einem selbst und anderen nicht zu sehr an die große Glocke zu hängen, sondern sie zu akzeptieren.
Hätte "Maitreya Corso" ein Kleid an, würden fast alle Nähte mit demselben roten Faden zusammengehalten: eine Folk-Geige. Sie trägt "Slacker In The Rye", nach den ersten paar Takten gesellt sich Hawkes klare Stimme hinzu. "Terms Of Estrangement" greift das mehrfach wiederkehrende Beziehungsthema auf und vertont die schleppende Entfremdung, die sich anhört wie zwei Züge, die eine Zeit lang parallel fahren, sich durch verschiedene Weichen auf der Strecke langsam voneinander abspalten und beginnen, unterschiedliche Ziele anzusteuern.
Die letzten beiden Tracks wirken wie das Ende einer Meditation, nach der sich alles leichter und einfacher anfühlt. Klare Instrumentierungen unterstreichen das Gefühl und runden das vierte Studioalbum der Sängerin ab. Gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls Musiker, zieht Hawke die Bleistiftskizze ihres Lebens als Künstlerin mit Filzstift in 49 bittersüßen Minuten nach. Und obwohl Maya Hawke auch ihren Struggles einen großzügigen Platz einräumt, wirkt das Werk nicht hoffnungslos, sondern bestärkend.


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