laut.de-Kritik
Nähe Oranienburger um 2008.
Review von Franz MauererModeselektor blicken mit "Classics Vol 1" – über den Rest des Albumtitels breiten wir lieber das Tuch der Schande aus – auf ihre frühe Karriere zurück. Nachdem das Vehikel Moderat mit "More D4TA" ein wenig ausgelutscht wirkte und Apparats Solowerk mehr lohnte als die Kombo der beiden Ostberliner, ist man gespannt auf diese Werkschau mit Comebackcharakter.
Der Entstehungsprozess der Platte nahm einen sympathischen Weg: Das Duo plante, die ersten beiden Alben "Hello Mom!" und "Happy Birthday!" (mit nach wie vor exzellentem Cover) neu aufzunehmen, landete aber bei der weitgehenden Neuaufnahme, die die alten Alben nur noch als Inspiration verstehen will.
Das Problem von "Classics Vol 1": Man hört das nicht. All diese Tracks könnten locker 2007 veröffentlicht worden sein. Nun ist gute Musik zeitlos, die Elektro-Tracks der Berliner erreichen aber weder die notwendige Finesse noch Qualität. "Blessed Speed" ist Menümusik für einen alten "Need For Speed"-Teil, an den sich niemand mehr erinnert. "Edgar (CV1)" und "Kill Bill Vol.4 (CV1)" sind die neu bearbeiteten Tracks, die noch als solche erkennbar sein sollen.
Die vorliegende "Edgar"-Version ist die klar unterlegene, da das für Modeselektor typisch verspielte Element verlustig ging. Keine schlechte Nummer, aber im Gedächtnis bleibt sie nur aufgrund ihres übermächtigen Synthesizers zum Schluss. Erinnert stark an den OST von "Celeste" oder ähnliche Games – die sind toll, aber ihre musikalische Untermalung würde ich auch nicht losgelöst vom Spiel hören wollen.
"Kill Bill Vol.4 (CV1)" ist der bessere Track. Er bleibt sehr nahe am Original und kleidet seine Stärken in ein satter produziertes Gewand. Mehr aber auch nicht. Das "Baltic Sea Interlude" passt sehr gut ins Bild dieser wogenden, glatten Platte, die im Sound stellenweise an "Svalbard" erinnert, ohne jedoch dessen Gespür für Timing und Zurückhaltung aufzuweisen.
Musikhistorisch betrachtet, lohnt es sich durchaus, mit der eigenen Geschichte so umzugehen wie Modeselektor. Nur bringt das der Hörerschaft wenig, wenn "Blockchain" wie jeder andere Techno-Song in einem verranzten Schuppen Nähe Oranienburger um 2008 klingt. "This Track Kills Fascism" beginnt spielerisch und vielversprechend, versackt aber schnell.
"Z-line" und "Tekk Pack" ähneln sich im Sound. Letzterer bricht aber nie seine Membran. "Z-line" hingegen arbeitet auf mehreren Ebenen, spielt mit seiner Grundidee, traut sich Brüche und Abwechslung zu und steht ganz merklich auf einem anderen Level als der Rest des Albums. Neben diesem Track bleibt nur schlichtes, sauberes Handwerk übrig.


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