laut.de-Kritik
Klarheit und Kontrollverlust in MMs kleiner Parallelwelt.
Review von Marie PütterEs gibt diese Träume, in denen plötzlich alles gleichzeitig passiert: Jemand verfolgt dich durch einen Supermarkt, der gleichzeitig deine alte Grundschule ist. Im Hintergrund spielt eine Blaskapelle gegen einen kaputten Synthesizer an, irgendwo fällt Geschirr um – und trotzdem wirkt alles echt und genau richtig. So klingt "An Eraser And A Maze".
Seit über dreißig Jahren bauen Modest Mouse aus genau diesem kontrollierten Kontrollverlust ihre eigene kleine Parallelwelt. Die Indie-Veteranen aus den USA hatten 2004 mit "Float On" einen Alternative-Hit. Nach dem Tod von Drummer Jeremiah Green im Dezember 2022 ist nun mit Isaac Brock nur noch ein Gründungsmitglied an Bord.
Ihr letztes Album "The Golden Casket" aus 2021 ließ hoffen, dass es sich nicht tatsächlich um eine Platte handelt, mit der sie zu Grabe gehen. Stattdessen liefern sie mit ihrem achten Album fünfzehn Songs ab, die gleichermaßen euphorisieren und überfordern.
Musikalisch klingt das, als würden in jeder Ecke des Studios unterschiedliche Bands proben. Irgendwo spielt jemand schrägen Electro-Folk, daneben hämmert ein Drummer alles kurz und klein, aus der anderen Richtung kommen psychedelische Synthesizer, und Isaac Brock nuschelt durch die Songs, als hätte er vor der Aufnahme gleichzeitig drei Bier, zwei Zigaretten und eine mittelschwere Lebenskrise konsumiert. Erstaunlicherweise treffen sich diese Einzelteile immer wieder punktgenau in der Mitte und ergeben Musik, die chaotisch wirkt, aber nie beliebig ist.
"Life's A Dream" ist einer der stärksten Tracks dieser Platte. Joe Plummer zerlegt sein Schlagzeug, während luftige Synthesizer und übereinandergeschichtete Gitarren den Song permanent aus dem Gleichgewicht bringen. Dann setzt dieser mehrstimmige Chor ein: "Never when you sleep, are you alone." Total stark. Der Song wird laut, zieht sich wieder zurück, verliert sich in spacigen Geräuschen und findet trotzdem immer wieder nach Hause – wie ein Traum, bei dem man nie ganz weiß, ob man gerade aufwacht oder erst richtig einschläft.
"Third Side Of The Moon" schlägt etwas andere Töne an. Brock startet sehr sanft mit seiner tiefen Stimme und geht dann in ein beruhigendes "dun-dun-dun"-Gesäusel über. "If you continue down this path, you're not the only one who dies", erinnert er sich an die Worte seiner Mutter. Darauf folgt: "A few weeks later I was told that you were gone." Spätestens hier wird deutlich, dass der Song die komplexen Gefühle von Trauer und Erinnerung thematisiert. Man könnte einen Aufsatz darüber schreiben, wie gut ihm das sowohl musikalisch als auch lyrisch gelingt. Mag ich total. Der Song kreist um das Eingeständnis, dass Erinnerungen verschwinden – dass man sich nach sieben gemeinsamen Jahren plötzlich nicht mehr an die Augenfarbe oder Gespräche erinnert. Im Kontext des Krebstods von Jeremiah Green bekommt diese Ratlosigkeit eine erschütternde Schwere.
"Dogbed In Heaven/Give It A Skeleton" beginnt dagegen wie eine leicht verkatert vorgetragene Folknummer. Isaac Brock klingt, als hätte er beim Songwriting gleichzeitig einen Whiskey und einen Kieselstein im Mund gehabt. Im Hintergrund passiert so viel gleichzeitig, dass man irgendwann aufhört mitzuzählen: Gitarren, Stimmen, Geräusche – irgendetwas scheppert garantiert auch noch aus einer anderen Dimension. Nach drei Minuten macht der Song plötzlich einen kompletten U-Turn und verwandelt sich in etwas völlig anderes. Ergibt das Sinn? Nicht wirklich. Funktioniert es trotzdem? Absolut.
Mein persönlicher Favorit "Absolutely Necessary Never" verbindet treibende Synthesizer, einen markanten Bass und hypnotische Rhythmen zu einer zugleich melancholischen und leicht entrückten Atmosphäre. Mit seinem elektronisch geprägten Sound wirkt er wie eine ungewöhnliche Facette von Modest Mouse.
Mit "Impossible Somedays" wartet noch ein perfekter Rausschmeißer und ein weiterer Beleg für Russells mühelos groovige Basslines. "Well everything is impossible when you don't even try to try" – ein schöner Schlusspunkt. Er besingt all die Tage und Momente, die während man sie durchlebt, absolut unmöglich erscheinen. Aber im Rückspiegel dann doch möglich waren, weil man versucht hat zu versuchen. Brock endet mit "I'm just fine, but I can be impossible most days." – eine Aussage, die für sich genommen schon sehr authentisch wirkt, im Kontext des oft eher pessimistischen, skeptischen Frontsängers aber besonders gut passt.
Neben der kunterbunten Kreativität überzeugt vor allem der Sound dieser Platte. Alles hat Druck, Transparenz und Raum zum Atmen. Die Wechsel zwischen brachialem Lärm und fein ausgearbeiteten Momenten wirken nie konstruiert, sondern vollkommen selbstverständlich. Modest Mouse beweisen nach über drei Jahrzehnten Bandgeschichte eindrucksvoll, dass Experimentierfreude nicht zur bloßen Spielerei verkommen muss.


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