laut.de-Kritik
Am Ende bleibt die Welt kurz stehen.
Review von Magdalena GregoriJung sein ist anstrengend. Das merkt man spätestens, wenn nachts um drei kein Auge zu ist und man sich fragt, ob man sein Leben im Griff hat. Oder bloß halbwegs überzeugend so tut. Genau für solche Stunden macht Moé Musik. Auf seinem Debütalbum "Geschichten Die Wir Niemandem Erzählen" vertont er die Sorgen einer Generation, die sich fast ständig selbst darstellt, sich gleichzeitig aber ungesehen fühlt. Seine Songs kreisen nicht um die Sonne, sondern um einen Mond, der aus Herzschmerz, Selbstzweifel und Einsamkeit besteht.
Jeder Satz so, als würde er ein bisschen wehtun. Moé eröffnet den Longplayer in "Geschichten" mit zusammengebissenen Zähnen. Er philosophiert über den Sinn des Lebens und kommt zum Schluss: "Was am Ende von uns übrig bleibt / Paar Geschichten, die wir niemandem erzählen".
Die nächsten zwei Track klingen verschoben, hallig und nachdenklich. Richtig im Kopf bleibt mir "Großstadtkinder". Der Musiker wickelt sich in eine warme Sounddecke von Ludovico Einaudis "Una Mattina" ein und lässt klassische Moll-Melancholie mit Sprechgesang verschmelzen. Als der letzte Klavierton verklingt, übernimmt ein breiter, gemächlicher Beat. Gemeinsam mit Maikel schimpft Moé "Mein Bro sitzt in der Klinik und ihr redet von Trends / Was zum?", begleitet von bedrückenden Lo-Fi-Klängen. Die tröpfeln auch in der einminütigen "Interlude (Hochhaus)" wie Tränen vom Gesicht.
Wenn ich abends zu einem Hochhaus hochschaue, muss ich immer daran denken, wie absurd das Leben ist. Menschen leben übereinander aber doch total nebeneinander her, alle für sich, alle alleine. Auch Moé grübelt in "Hochhaus" vor sich hin und summiert "Wir sind jung und wild, doch immer solang still / Bis einer von 'nem Hochhaus fällt".
Wie ein Faden, der fast reißt, spannt ein Streicher mein Ohr in "Nachhause" auf die Folter. Im Track geht es um die Frage nach dem Zuhause, eine grammatikalisch leichte, aber gerade in den 20ern eine emotional oft komplizierte Frage. Für die einen sind das Orte, die anderen Gefühle und für Moé vor allem Menschen - allerdings nicht ohne Risiko. "Wenn ich sag', ich würde sterben für dich / Heißt das, fünfzig Prozent 'Ich lieb' dich' und fünfzig 'Mich nicht'".
In "Fenster" bleibt die Welt kurz stehen. Die Klängen hängen still wie Nebelschwaden über einem Weiher aus schmerzhafter Nostalgie, in dem Moé droht zu ertrinken. Seine Musik ist nicht nur Musik, sondern eher runtergeschluckte, intime Gedanken, die er dann in einer fast märchenhaften Atmosphäre wieder ausspuckt.


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