laut.de-Kritik
You done it, Thyra.
Review von Dani FrommEine Lebensrealität einfangen: Darin bestand Ms Banks erklärtes Ziel für ihr Projekt. Mission absolut erfüllt: "South LDN Lover Girl" ist nicht nur ein astreines Konzeptalbum geworden. Es ist ein Film, zudem einer von dieser Sorte, die dich fesseln, mitten ins Geschehen hineinziehen, dich zweimal gründlich durchwalken und dich dann wieder ausspucken, lädiert, aber eben auch tief berührt.
Ms Banks schreibt, dichtet, rappt und singt darüber, wie es ist, eine junge Schwarze Frau zu sein, die im Süden Londons aufwächst, ihren Alltag zu stemmen hat, eine möglichst erfüllende Beziehung führen will und nebenbei versucht, im durchindustrialisierten Musikbusiness Fuß zu fassen, obwohl eine wie sie in diesem nicht vorgesehen ist. Das klingt nach einer dermaßen spezifischen, individuellen Erfahrung, dass es auf den ersten Blick verwundert, dass sie eine*n so abholt.
Auf den zweiten verwundert es gar nicht mehr. Ms Banks "POV" bietet so viele Facetten, dass ganz unterschiedliche Zielgruppen andocken können. In ihren plastischen Schilderungen erkennen sich Menschen wieder, die wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer finanziellen Situation oder sonstiger Lebensumstände benachteiligt werden, oder wegen alledem auf einmal.
Wer sich in keiner Weise betroffen fühlt, sollte sich "South LDN Lover Girl" fast noch dringender anhören. Durch dieses Fenster in eine Welt zu spähen, die für viele knallharter Alltag ist, könnte den vom Glück Geküssten ganz neue Horizonte eröffnen. Wenn es gelingt, wenigstens eine vage Vorstellung davon vermitteln, womit weniger privilegierte Zeitgenoss*innen tagein, tagaus zu kämpfen haben, ist vielleicht sogar ein bisschen Empathie und Solidarität zu erwarten. Bitter nötig wäre es.
Da Ms Banks zum einen eine fantastische Texterin und obendrein, "I make genres mine, rap, drill or grime" mit Bandbreite und Micskill gesegnet ist, verschafft sie natürlich weit mehr als nur eine vage Vorstellung. Sie mariniert ihr Publikum geradezu in den geschilderten Emotionen. Sie triefen aus ihren Zeilen, die sie gerne auch mit hörbar über die Seiten quietschendem Stift zu Papier bringt, nur so heraus. Man empfindet alles mit, die Euphorie hochfliegender Wunschträume genau so wie den Schmerz des harten Aufpralls auf dem Boden der Realität.
Vor allem lässt Ms Banks spüren, wie wahnsinnig anstrengend, erschöpfend, bis auf die Knochen auslaugend das Leben als Angehörige gleich mehrerer marginalisierter Gruppen ist: "It's hard to be a woman, let alone one that is black", klagt es aus "Work Harder". "Stabbed in my back not with one but with two swords" kannst du so hart arbeiten, wie du willst: Vor dem Gefühl, einfach nie genug zu sein, gibt es kein Entrinnen. Nirgends. Niemals.
Frauen, insbesondere Schwarze Frauen, und ganz besonders Schwarze Frauen in prekären Verhältnissen hetzen sich ganz buchstäblich zu Tode im Bestreben, ihren Laden zusammen und am Laufen zu halten. Beim Versuch, den Bedürfnissen aller irgendwie gerecht zu werden, stehen die eigenen meist ganz hinten in der Reihe. Der Spagat wird zur Zerreißprobe, die kaum zu bestehen ist, die Folgen: Dauerstress, Groll, gesundheitliche Probleme. Den Zusammenhang erklärt ein Interview-Schnipsel am Ende von "Why?"
Solche Passagen flicht Ms Banks immer wieder ein: Mal rezitiert sie ein Gedicht. Mal referiert jemand, der offensichtlich weiß, wovon er redet, über Ursprung und Sinn afrikanischer Haartrachten. Dann wieder lassen gegen Migrant*innen gerichtete Gesänge kurz das Blut gefrieren: Plastischer hätte man den "War Outside", die rasante Abkühlung des sozialen Klimas, kaum illustrieren können. Kein Wunder, keimt der Wunsch, sich aus der zunehmend feinseligen Außenwelt ins Private zurückzuziehen. Dort allerdings gilt es zunächst, die Beziehung auf ihre Belastbarkeit hin abzuklopfen, ehe erst die Deckung fällt, und dann man selbst, zwischen die Laken.
Die Skit-artigen Einwebsel verbinden "South LDN Lover Girl" zu einer Einheit. Sie verleihen dem Werk Konzept und eine Dramaturgie, der sich auch die musikalische Ausgestaltung unterordnet. Zu Beginn heißt molliges Piano willkommen im "same shit, different day". Ms Banks klingt gar nicht weinerlich, noch nicht einmal, wenn sie, "I still won't be enough", das unentwegt präsente Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit beschreibt. Sie schildert eher lakonisch ihre Existenz im "survival mode", lässt aber gleich im eröffnenden "Intro", dreieinhalb Minuten, Beatswitch inklusive, keine Zweifel an ihrer Variabilität am Mic aufkommen.
Im Folgenden bekommen wir ihre raue Hood gezeigt ("Where I'm from they don't talk, they just shoot") und lernen, wie die Umstände dort die Menschen formen. Die dunklen Klavierklänge vom Beginn begleiten uns noch eine Weile, weichen dann erst dem R'n'B-Flavor samt spanischen Gitarren von "POV", dann dem treibenden Rhythmus von "4C", ehe es in "Catch You Lackin'" finsterer und noch wesentlich härter zur Sache geht: eine gute Einstimmung auf den inhaltlich härtesten Brocken, den Titeltrack.
"South LDN Lover Girl", der Song, entpuppt sich als monströser Storyteller, der um so stärker dass Herz zusammenschnürt, da auf der Hand liegt, dass Ms Banks da wahre Geschichten erzählt. Es geht um Männer, die nicht klarkommen, um häusliche Gewalt, um Frauen, die sich aufreiben, ihr Bestes geben und am Ende trotzdem mit dem Leben bezahlen, kurz: Wir sehen das Patriarchat in seiner ganzen destruktiven Hässlichkeit. Das Zuhause ist oft genug ein lebensgefährlicher Ort, und draußen vor der Tür sieht es nicht viel besser aus ... uff.
Es spricht für Ms Banks, dass sie danach noch einmal die Kurve und Vertrauen genug zusammengekratzt bekommt, um ein paar fast schon cheesy Lovesongs auf luftigen, Amapiano-infizierten Afrobeats anzuschließen. Am Ende winkt ein tröstliches Signal: "Healing", Heilung, ist trotz allem möglich. "It's funny how music became my saviour." Entsprechend schließt dieses Album mit "Me & You" auf einer versöhnlichen, liebevollen Note im Dialog mit dem eigenen inneren Kind. Mit ihrer aufmunternden Bestärkung schreibt Ms Banks sich das Urteil im Grunde selbst ins Tagebuch: "You done it, Thyra." Wohl wahr.


Noch keine Kommentare