laut.de-Kritik

Vielschichtiger Metal zwischen Tradition und Moderne.

Review von

Die tunesisch-französische Metalband Myrath legt mit ihrem neuen Album "Wilderness of Mirrors" ein eindrucksvolles Werk vor, das stilistisch wie emotional bemerkenswert vielschichtig ausfällt. Schon nach wenigen Takten wird klar, dass Myrath nicht einfach nur Genre-Konventionen bedienen, sondern einen eigenständigen Klangkosmos erschaffen. Zwischen modernen Metal-Elementen und orientalisch geprägten Einflüssen entsteht eine dichte, atmosphärische Klangwelt, die sofort in ihren Bann zieht.

Die Band integriert ihre kulturellen Wurzeln nicht als bloße Verzierung, sondern als tragendes Element ihres Sounds, was dem Album eine besondere Authentizität verleiht. Dabei wirkt das Zusammenspiel aus Tradition und Moderne nie konstruiert, sondern selbstverständlich und organisch. Die dramaturgische Gestaltung der Songs sorgt dafür, dass sich das Album wie eine zusammenhängende Reise entfaltet. Jeder Track besitzt eine eigene Identität und fügt sich dennoch stimmig ins Gesamtbild ein. Spannungsbögen werden klug aufgebaut und konsequent gehalten. Es gibt keine überflüssigen Momente, stattdessen überzeugt jede Passage durch Präzision und Wirkung. Myrath beweisen hier ein feines Gespür für Atmosphäre und Dynamik.

Im Zentrum des Albums steht die markante Stimme von Zaher Zorgati, die den Songs eine außergewöhnliche emotionale Tiefe verleiht. Mühelos bewegt er sich zwischen leisen, verletzlichen Momenten und kraftvollen, impulsiven Ausbrüchen, wodurch eine intensive emotionale Bandbreite entsteht. Seine Performance führt den Hörer durch Themen wie Angst, Zweifel und Wut und macht diese greifbar. Besonders in den ruhigeren Passagen entfaltet seine Stimme eine beinahe intime Nähe, während sie in den kraftvollen Momenten mit beeindruckender Intensität durchdringt.

Diese Kontraste sind essenziell für die Wirkung des Albums und verleihen den Songs eine lebendige Dynamik. Auch musikalisch zeigt sich "Wilderness Of Mirrors" äußerst facettenreich: komplexe Arrangements treffen auf eingängige Melodien, harte Gitarrenriffs auf orchestrale Elemente. Die Band verbindet progressive Strukturen mit Zugänglichkeit, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Die Songs entwickeln sich stetig weiter und vermeiden jede Form von Monotonie. Trotz aller Vielschichtigkeit bleibt die musikalische Identität klar erkennbar. Moderne Metal-Ästhetik und kulturelle Einflüsse verschmelzen zu einer stimmigen Einheit.

Abgerundet wird "Wilderness Of Mirrors" durch eine äußerst präzise und kraftvolle Produktion, die dem Album seinen bombastischen Charakter verleiht. Jeder Klang ist klar definiert und sorgfältig im Gesamtbild platziert, wodurch sowohl Details als auch große Momente optimal zur Geltung kommen. Die Songs tragen eine spürbare innere Spannung, die sich aus den thematischen Schwerpunkten speist: innere Kämpfe, Zerrissenheit und das Gefühl, zwischen verschiedenen Welten zu stehen. Diese Inhalte werden nicht nur textlich, sondern auch musikalisch eindrucksvoll transportiert.

Mal wirken die Stücke aufgewühlt und explosiv, mal nachdenklich und fragil, wodurch eine intensive emotionale Dynamik entsteht. Die Vielseitigkeit des Albums wird durch die Produktion zusätzlich unterstrichen, ohne dass das Klangbild überladen wirkt. Dynamische Wechsel bleiben transparent und verlieren nie an Wirkung. Gerade diese Balance zwischen Wucht und Klarheit macht das Album so überzeugend. Myrath zeigen hier eindrucksvoll ihren künstlerischen Anspruch und ihre Weiterentwicklung. Es entsteht ein Werk, das sowohl emotional berührt als auch musikalisch beeindruckt.

Mit "Wilderness Of Mirrors" festigen Myrath eindrucksvoll ihre Position als eine der spannendsten Bands im modernen Metal. Ein Album, das lange nachhallt und mit jeder weiteren Hörsession neue Facetten offenbart.

Trackliste

  1. 1. The Funeral
  2. 2. Until The End
  3. 3. Breathing Near The Roar
  4. 4. Les Enfants Du Soleil
  5. 5. Still The Dawn Will Come
  6. 6. The Clown
  7. 7. Soul Of My Soul
  8. 8. Edge Of The Night
  9. 9. Echoes Of The Fallen
  10. 10. Through The Seasons

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